Glauben in veränderter Welt neu vermitteln

Zeugen aus Ost- und Südosteuropa bei Renovabis

Von Michaela Koller

FREISING, 7. September 2011 (Vaticanista/ Die Tagespost).- Bischof Jerzy Mazur aus dem polnischen Elk sieht in der Neuevangelisierung eine der zentralen Antworten auf die radikalen gesellschaftlichen Umbrüche im ländlichen Raum. „Das, was in einem Menschen vorgeht, beeinflusst strukturelle Veränderungen“, sagte der Oberhirte aus Elk in in Nord-Ost-Polen am Samstag in Freising beim 15. Internationalen Kongress von Renovabis, der Solidaritätsaktion der deutschen Katholiken mit den Menschen in Mittel- und Osteuropa. Christliche Werte könnten nicht nur die Kultur des sozialen Lebens und der Beziehungen beeinflussen, sondern auch den demographischen Prozess. In seiner Diözese wirkten Priester, Ordensleute und engagierte Laien gezielt für die Weitergabe des Glaubens und gegen den Verlust der katholischen Identität in einer säkularisierten und entvölkerten Umgebung.

Von links nach rechts sitzen Bischof Jerzy Mazur, Ełk/Polen, Alois Glück (Präsident des ZdK), Bischof Gerhard Feige und Renovabis-Hauptgeschäftsführer Pater Dartmann; Foto: Renovabis

Von links nach rechts sitzen Bischof Jerzy Mazur, Ełk/Polen, Alois Glück (Präsident des ZdK), Bischof Gerhard Feige und Renovabis-Hauptgeschäftsführer Pater Dartmann; Foto: Renovabis

„Der Glaube motiviert dazu, kleine Gemeinschaften vor Ort zu bilden, wo die Menschen nicht anonym, unbekannt, einsam und isoliert bleiben“, sagte er in seinem Referat weiter. In diesen Gemeinschaften und religiösen Bewegungen erkennen die Gläubigen dem Bischof zufolge wiederum die Berufung, weiter zu evangelisieren. Aus einem Glaubensleben einschließlich Teilhabe am sakramentalen Leben erwachse soziales, bürgerschaftliches Engagement: „Es ist die Gemeinschaft des Glaubens, die durch die Werbung für freiwillige soziale Initiativen vor Ort zugleich den Aufbau einer Zivilgesellschaft beeinflusst.“

Begleitet werde die Weitergabe des Glaubens in Mazurs Diözese von einem aktiven Einsatz für Menschenrechte, insbesondere für das Lebensrecht, und für die Bewahrung der Schöpfung. „Wir organisieren Lebensmärsche, um unsere Unterstützung für das Leben zu zeigen, und werben für die Keuschheitsbewegung.“ In den Pfarreien des Bistums gibt es als Konsequenz zudem Familienberatungszentren. Bischof Mazur möchte eine entsprechende Einrichtung auf diözesaner Ebene schaffen, ebenso wie auch ein Heim für alleinstehende Mütter.

Seit dem Zusammenbruch des Kommunismus wandern viele Menschen aus dem Gebiet der Diözese Elk ab, eine Situation vergleichbar mit anderen ländlichen Gebieten Mittel- und Osteuropas. Viele lassen für einen lukrativeren Job im Ausland ihre Familie in der Heimat zurück und ihre Beziehungen zur Kirche hinter sich. Wie in anderen Teilen Europas ist die Zahl der Geburten stark zurückgegangen wie auch die Bereitschaft zu einer lebenslangen Bindung wie die Ehe. Überalterung, Vereinsamung und der Verlust Generationen übergreifenden Zusammenhalts sind die Folge. Globalisierung und Vernachlässigung des ländlichen Raums führen in dem polnischen Bistum zudem zu Arbeitslosigkeit und vergrößern die Armut.

Ante Luburic, Pfarrer aus Bosnien-Herzegowina, der ebenfalls beim Renovabis-Kongress sprach, kennt ähnliche radikale soziale Umbrüche, wenn auch anders begründet. Die Zahl der katholischen Bevölkerung auf dem Gebiet seiner Pfarrei im südbosnischen Nevesinje reduzierte sich ganz erheblich in den Jahren nach dem Krieg in Bosnien und Herzegowina, also seit 1995. Das hinterließ ihm zufolge eine tiefe Spur im demografischen Bild der Pfarrei. „Auch trug die Vernachlässigung der Landwirtschaft durch das kommunistische Regime nach dem Zweiten Weltkrieg systematisch dazu bei, dass in solchen Gebieten, in denen sich die Bevölkerung hauptsächlich mit Landwirtschaft und Viehzucht beschäftigte und eine entsprechende Lebensweise führte, die Einwohnerzahl ständig abgenommen hat.“ Die Gemeinden, über welche sich die Pfarrei Nevesinje erstreckt, zählten zu den Gemeinden, die besonders unter der Entvölkerung leiden. Luburic betonte die Bedeutung der ökologischen Landwirtschaft für die Zukunft. „Alles in allem ist ein wirtschaftlicher Fortschritt jedoch unmittelbar mit dem Bleiben der lokalen Bevölkerung sowie mit der Schaffung eines gesetzlichen Rahmens für die dauerhafte Rückkehr der kriegsvertriebenen Menschen verbunden“, stellte er fest.

Die Schlaglichter auf die Situation dieses und weiterer ländlicher Räume in Mittel- und Osteuropa, mit denen der Kongress eröffnet wurde, bestätigten bei aller Unterschiedlichkeit Tendenzen in Europa, die für den scheinbar unumkehrbaren Wandel der ländlichen Lebensräume stehen. Am Schluss stand die Erkenntnis: Die Kirche muss in der Seelsorge in diesen Gebieten neue Wege beschreiten, um die Menschen vor Ort zu erreichen, wo jahrhundertealte Traditionen gefährdet oder bereits untergegangen sind. Der 15. Internationale Kongress von Renovabis, der von vergangenen Donnerstag bis Samstag in Freising tagte, suchte nach Antworten zur Förderung der Lebenskultur einschließlich des kirchlichen Lebens in den ländlichen Räumen Mittel-, Ost- und Südosteuropas. Rund 340 Kongressgäste aus 29 Ländern interessierten sich dafür auch als Betroffene.

 

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