„Echte Begegnungen- mit echten Menschen“

Interview mit Cesare Zucconi – Generalsekretär der Gemeinschaft Sant’Egidio

MÜNCHEN, 9. September 2011 (Vaticanista/dapd).- Das Internationale Friedenstreffen der weltweiten Gemeinschaft Sant‘ Egidio findet vom Sonntag, den 11. bis Dienstag, den 13. September in München statt. Es greift Themen von den Anschlägen vom 11. September 2001 bis zum arabischen Frühling auf. Die internationalen Spitzenvertreter aus Religion und Politik, die auf Einladung des Erzbistums München und Freising und der Gemeinschaft Sant‘ Egidio nach München kommen, werden sich in etwa 40 Podiumsveranstaltungen mit internationaler Politik und dem Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Kulturen und Religionen auseinandersetzen. Zu den Großveranstaltungen des Treffens zählen das Gedenken zum zehnten Jahrestag der Anschläge vom 11. September 2001 und die Unterzeichnung des abschließenden Friedensappells auf dem Marienplatz. Michaela Koller sprach mit dem Generalsekretär der Gemeinschaft, Cesare Zucconi, über Inhalte, Erwartungen und Bedeutung der Begegnung.

Mit Cesare Zucconi, Generalsekretär von Sant' Egidio, im Gespräch; Foto: Sebastian Widmann

Mit Cesare Zucconi, Generalsekretär von Sant' Egidio, im Gespräch; Foto: Sebastian Widmann

Die Repräsentanten, die beim Internationalen Friedenstreffen erwartet werden, sind vielfach sehr hochrangig. Wie sind diese Kontakte zu Sant‘ Egidio zustande gekommen?

Zucconi: Eine langjährige Arbeit unserer Gemeinschaft ist dem vorausgegangen, sowohl mit den Vertretern aus verschiedenen Religionen, Kulturen als auch aus der Politik. Im Jahr 1992 kam auf Vermittlung von Sant‘ Egidio der Friedensvertrag von Mosambik zustande, der nach zweijährigen Verhandlungen in Rom unterzeichnet wurde. Daraus sind auch viele Kontakte mit afrikanischen Ländern entstanden, die sich an uns gewandt haben und um Hilfe baten, bei Spannungen und Konflikten zu vermitteln. So kamen wir in vielen anderen Situationen dazu, für den Frieden zu arbeiten. Wir haben dabei entdeckt, dass es unter Gläubigen ein Potential gibt, das den Frieden fördern kann. Bereits ein Jahr nach dem Weltgebetstreffen in Assisi 1986, zu dem Papst Johannes Paul II. eingeladen hatte, haben wir mit den alljährlichen Treffen begonnen.

Gibt es einen Gast, über dessen Kommen Sie sich besonders freuen?

Zucconi: Wir freuen uns darüber, dass wir zwei Podien dem arabischen Frühling widmen können, dem Umbruch in Ägypten und dem in Tunesien. Mit Abdel Moneim Abul Futuh kommt einer der Präsidentschaftskandidaten zu uns und mit Ramy Shaath, einer der Protagonisten der Jugendbewegung vom Tahrir-Platz in Kairo, wo Hunderttausende im Januar und Februar demonstrierten. Wir fürchten, dass der arabische Frühling in Europa schon fast wieder vergessen wurde. Es muss aber eine große Arbeit getan werden, um die Veränderungen voranzubringen.

Wie ist die Wahl für den Ort der diesjährigen Begegnung auf München gefallen?

Zucconi: München ist eine Stadt, in der verschiedene religiöse und kulturelle Welten zusammenleben. Da wir eine Grammatik des Zusammenlebens brauchen, ist es wichtig, hier darüber nachzudenken. Es liegt zudem zentral in Europa: Wir möchten aus allen Teilen des Kontinents und der Welt die Menschen zusammenbringen. Nicht zuletzt ist aber die große Aufnahmebereitschaft Kardinal Marx‘ und des Erzbistums München und Freising ein wichtiger Grund hierher zu kommen. Was uns sehr am Herzen liegt, ist die Beteiligung der Menschen, der Öffentlichkeit. Bei allen Podien gibt es Gelegenheit für Fragen aus dem Publikum.

Vom Ort zum Zeitpunkt: Die Gemeinschaft Sant‘ Egidio lädt zu einer Gedenkfeier anlässlich des zehnten Jahrestags der Anschläge vom 11. September 2001 ein. Welche Impulse sollen davon ausgehen?

Zucconi: Wenn wir auf diese zehn Jahre zurückblicken, dann waren sie voller Konflikte und Kriege und damit vergeudete Zeit. Viele haben sich in der Folge über den Dialog lustig gemacht, ihn als naiv hingestellt. Wir möchten jetzt in München eine neue Zeit beginnen. Die starke islamische Präsenz in diesen Tagen zeigt auch eine starkes Interesse seitens der Muslime. Während der Veranstaltung mit Bundespräsident Christian Wulff wird es auch eine Liveschaltung nach Ground Zero geben, wo zwei Zeugen auftreten, die Angehörige am 11. September 2001 verloren haben. Sie werden beide von Versöhnung sprechen. Der Dialog ist der einzige Weg zum Frieden.

Wird beim Zusammentreffen der unterschiedlichen Religionsvertreter ausschließlich betont, was die Anhänger der verschiedenen Glaubensüberzeugungen miteinander verbindet, oder kommt auch zur Sprache, was sie trennt?

Zucconi: Bei den ersten Begegnungen ging es noch darum, sich einfach als Christ, Muslim oder so vorzustellen. Und allmählich entwickelte sich daraus die Entschlossenheit, sich gemeinsam den Herausforderungen unserer Zeit zu stellen. Es sind aber echte Begegnungen, mit echten Menschen. Und daher sind auch die Probleme da. Beispielsweise kommt ein Minister der Palästinensischen Autonomiebehörde und einer der israelischen Regierung zu einer Diskussion. Deren Situation ist sehr schwierig und es gibt eine echte Konfrontation, wenn auch in einem positiven Geist, mit Blick auf das Zusammenleben im gemeinsamen Glauben an die Zukunft.

Um das Zusammenleben geht es auch konkret in den Podien?

Zucconi: Ja. So werden wir uns auch mit der Wirtschaftskrise beschäftigen, von der schon viele glaubten, sie sei vorüber. In den westlichen Ländern haben wir zwar einen Traum der Menschheit erreicht, ein langes Leben. Aber in Wirklichkeit fühlen sich die alten Menschen bei uns schuldig, als angebliche Last oder als Kostenfaktor. Und die Politik spielt kaum noch eine Rolle, während die Wirtschaft fast alles bestimmt. Daher sprechen wir über die Situation der Alten und Armen auch mit Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, dem italienischen Minister für Wirtschaft und Finanzen, Giulio Tremonti, und Reinhard Kardinal Marx.

In Deutschland steht demnächst wieder der Besuch Papst Benedikts XVI. an. In Regensburg vor genau fünf Jahren hielt er eine Rede, an die sich viele Menschen wegen der gewalttätigen Reaktionen darauf erinnern. Inwiefern hilft aber der damalige Appell des Papstes, weder Glaube noch Vernunft zu vernachlässigen, als Grundlage für einen universalen Austausch?

Zucconi: Ich denke, es geht hier um die Frage der Beziehung zur Moderne, gerade auch im Islam. Es ist ein langsamer und komplizierter Prozess, aber in letzter Zeit sieht man, dass sich etwas tut. Ich denke, wir müssen zwei Wege gehen, um wirklich etwas zu erreichen: den des Austauschs, in dem diese Fragen angesprochen werden, und den der Freundschaft. Es ist auch wichtig, Sympathien aufzubauen und Misstrauen beiseite zu schaffen. Wir haben uns daher sehr gefreut, dass Papst Benedikt XVI. zum 25-jährigen Jubiläum der ersten Einladung zum Gebet der Religionen nach Assisi am 27. Oktober dorthin pilgert. Das ist eine sehr wichtige Botschaft. München mündet dann im Grunde in Assisi.

[Erstveröffentlichung: © dapd, 8. September 2011]

 

 

 

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