„Freundschaft ist eine Haltung“

Die Gemeinschaft Sant‘ Egidio und die Gebetstreffen für den Frieden

Von Michaela Koller

MÜNCHEN, 11. September 2011 (Vaticanista/dapd).- Die christliche Gemeinschaft Sant‘ Egidio, benannt nach ihrem Hauptsitz in einem ehemaligen Kloster im römischen Stadtteil Trastevere, unterstützte bereits im Oktober 1986 das von Papst Johannes Paul II. initiierte interreligiöse Friedenstreffen. Das Oberhaupt der katholischen Kirche verabschiedete die hochrangigen Vertretern der großen Weltreligionen, indem er den Frieden mit einer Werkstatt verglich, die allen offen stehe. „Wir haben das Wort ernst genommen und damit begonnen, alljährlich so ein Treffen zu organisieren“, erinnert sich der Generalsekretär von Sant‘ Egidio, Cesare Zucconi. Das war der Anfang der Internationalen Friedenstreffen von Sant‘ Egidio, die 1987 am Ursprungsort der Gemeinschaft in Rom begannen.

Die Begegnungen fanden seither in mehrfach in Italien, zweimal in Polen, einmal jeweils in Belgien, Frankreich, Spanien, Portugal, Rumänien, Zypern und Malta sowie einmal in Jerusalem statt. „Es gehört auch zu unserer Berufung als Menschen aus dem Mittelmeerraum, mit anderen Konfessionen und mit Muslimen sowie Juden in Dialog zu treten“, meint Zucconi. Es habe anfänglich viele Schwierigkeiten und wenige Teilnehmer gegeben. Der polnische Papst hatte sie aber überzeugt, dass die Religionsgemeinschaften über Kräfte verfügen, die zum Frieden beitragen können.

Schon das dritte Treffen war ein Meilenstein: Die Teilnehmer kamen im Gedenken an den 50. Jahrestag des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs am 1. September 1989 in Warschau zusammen und pilgerten von dort nach Auschwitz. „Das war ein gewaltiger Schritt und das auch in den letzten Wochen vor den Zusammenbruch des Ostblocks.“ In der islamischen Welt, wo der Holocaust teilweise heruntergespielt, verharmlost oder sogar geleugnet wird, traf die Einladung auf Vorbehalte. Muslimische Freunde von Sant‘ Egidio vertrauten aber der Gemeinschaft. „Sie sind sich dann dort über die Dimension der Shoah bewusster geworden“, erinnert sich Zucconi. „Wir glauben daher fest daran, dass Begegnung und sich einander kennenzulernen, verändert.“ Eine große Hilfe dabei sei das Netz der Freundschaft, das Sant‘ Egidio pflegt. „Aber Freundschaft ist keine Strategie, sondern eine Haltung“, betont Zucconi

Die Gemeinschaft hatte zu Beginn der Friedenstreffen schon langjährige Kontakte und Erfahrungen im Umgang mit fremden Kulturen. Bereits 1968 gründete Andrea Riccardi, heute Professor für Kirchengeschichte, die Gemeinschaft als 18-jähriger Schüler in Rom. Eigenen Angaben zufolge hat die Gemeinschaft aktuell in 70 Ländern rund 60.000 Mitglieder. „Unser Fundament ist das tägliche Gebet und die Solidarität mit den Armen. Wir verstehen unser Christsein, in Empathie mit allen und in Verantwortung vor der Welt zu leben“, erklärt dessen Mitstreiter Zucconi. Die Gemeinschaft fing damit an, den Kindern in den römischen Armenvierteln an der Peripherie Hausaufgabenhilfe zu erteilen. Heute ist die soziale Arbeit der Gemeinschaft vielfältig, richten sich an ältere Menschen, Aidskranke, Behinderte, Obdachlose, Gefängnisinsassen und Drogenabhängige. Sie alle nennen sie nicht Hilfsempfänger, sondern Freunde.

„Wir haben mit den Jahren verstanden, dass es neben den vielen Armen in unseren Städten auch diese große Armut des Krieges gibt“, berichtet der promovierte Politikwissenschaftler und Historiker Zucconi. Der Gründer der Gemeinschaft, Andrea Riccardi, gehörte zu den Vermittlern des Friedensabkommens von Mosambik, das nach 16-jährigem Bürgerkrieg und zweijährigen Verhandlungen 1992 geschlossen wurde. Der Priester Matteo Zuppi, kirchlicher Assistent von Sant‘ Egidio, arbeitete dabei zusammen mit Riccardi. Der langjährige Pfarrer von Santa Maria in Trastevere vermittelte später zwischen Hutu und Tutsi in Burundi, vereinigte Bürgerkriegsgruppen zu einer nationalen Armee und unterstützte sogar Nelson Mandela auf dessen Bitte hin bei dessen Burundi-Friedensverhandlungen.

Ein aktuelles Beispiel für die Vermittlungstätigkeit der Gemeinschaft ist Guinea, wo es dank der Arbeit von Sant‘ Egidio 2010 die ersten demokratischen Wahlen gab. Mehrfach wurde die Gemeinschaft schon in der Folge ihres Engagements in Afrika, aber etwa auch in Guatemala und Kosovo für den Friedensnobelpreis nominiert, mit anderen Preisen ausgezeichnet, darunter im Jahr 2009 etwa mit dem Aachener Karlspreis.

In Deutschland, wo es in mehreren Städten Gruppen gibt, hat Sant‘ Egidio 1981 in Würzburg begonnen, mit Kindern in einem sozialen Brennpunkt zu arbeiten. Dann kam der Dienst mit Menschen in Altenheimen und später mit Ausländern, Flüchtlingen und Behinderten dazu. Eine Mensa, die Bedürftigen Essen und Gespräche anbietet, wurde 1998 gegründet. Höhepunkte des Jahres sind mehrere große Feste an Weihnachten mit armen Freunden der Gemeinschaft.

[Erstveröffentlichung: © dapd, 8. September 2011]

 

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