„Friede an Orte bringen, an denen Hass, Unverständnis und Gleichgültigkeit herrschen“

Schlussappell des Internationalen Friedenstreffens von München 2011

MÜNCHEN, 14. September 2011 (Vaticanista).- Die Schlussveranstaltung des diesjährigen Internationalen Friedenstreffens von Sant‘ Egidio ist eine Zeremonie der großen Gesten gewesen: Ansprachen in vier Sprachen, darunter in Japanisch und Italienisch, erschallten in der Abenddämmerung auf dem Marienplatz im Herzen Münchens, leidenschaftliche Plädoyers für Frieden und mehr interkulturelle Empathie. Traditionell endet das Treffen mit einem Schlussappell im Geiste der ersten interreligiösen Begegnung vom Oktober 1986 in Assisi, zu der damals der selige Papst Johannes Paul II. eingeladen hatte.

Vor der Unterzeichnung des Friedensappells; Foto: Koller

Vor der Unterzeichnung des Friedensappells; Foto: Koller

Vertreter der Religionen aus Europa, Asien und Afrika unterzeichneten auch am Dienstag einen Aufruf und setzten anschließend eine symbolische Fackel in zwei riesige schwarze Kandelaber. Kinder winkten zusammen mit den Würdenträgern mit den edlen Papierrollen, auf das Dokument festgehalten wurde, in die Kameras der internationalen Medien. Der höchste Mönch der buddhistischen Tendai-Schule in Japan, Gijun Sugitani, bezeugte: „Mitten im Durcheinander wie beim japanischen Unglück [das Erdbeben vom 11. März, Anm. d. Red.] ermöglichen die Beziehungen unter den Menschen, dass sie sich aus der Tiefe ihrer Verzweiflung erheben. Erlauben Sie, dass ich das als den Geist von Assisi bezeichne.“

Der Gründer der Gemeinschaft Sant‘ Egidio, Professor Andrea Riccardi, erläuterte diesen Geist: „Wir haben unsere Religionen in der Tiefe erforscht und dadurch den Weg entdeckt, um Menschen des Friedens zu sein.“ Die Tage in München hätten den Versammelten Kraft verliehen, die ihnen helfe, Frieden an Orte zu bringen, an denen Hass, Unverständnis und Gleichgültigkeit herrschten.

Professor Andrea Riccardi; Foto: Koller

Professor Andrea Riccardi; Foto: Koller

Im nächsten Jahr werden die Friedenspilger im multiethnischen Sarajevo zu Gast sein: Pero Sudar, Weihbischof von Sarajevo, und Mustafa Ceric, der bosnischen Großmufti, streckten Hand in Hand ihre Arme in die Höhe und luden in das „zweite Jerusalem“ ein. (mk)

Großmufti Ceric und Weihbischof Sudar; Foto: Koller

Großmufti Ceric und Weihbischof Sudar; Foto: Koller

 

Vaticanista dokumentiert im Folgenden den Schlussappell.

Wir sind Männer und Frauen aus unterschiedlichen Religionen und haben uns in München versammelt. Das geschieht auf Einladung des Erzbistums München und Freising und der Gemeinschaft Sant’ Egidio, die seit 25 Jahren den „Geist von Assisi“ zielstrebig verbreitet. Wir danken allen, die in schwierigen Zeiten diese Hoffnung am Leben erhalten haben, während Brücken einstürzten. Nach zehn Jahren, die gezeichnet waren von der Kultur der Gewalt und dem Wahnsinn des Terrorismus und in einer Welt, in der ein entfesselter Kapitalismus scheinbar das Geschehen beherrscht und sich eine neue Armut zeigt, haben wir innegehalten, um in Einfachheit zu beten, aufeinander zu hören und über die Zukunft nachzudenken. Diese Zusammenkunft zum Gebet und zum Dialog hat uns verändert! In den Zeugnissen vieler haben wir die Sehnsucht nach einer neuen Zeit wahrgenommen.

Die Versuchung ist groß, verschlossen zu leben und auch die Religionen zur Abgrenzung zu benutzen. Diese Versuchung hat sich durch die Weltwirtschaftskrise noch zugespitzt. Die Welt scheint teilweise das Bewusstsein der eigenen Begrenztheit verloren zu haben. Sie neigt häufig dazu, mehr das Trennende zu suchen, als die Sympathie gegenüber dem anderen. Sie achtet mehr auf die Bedürfnisse des Ich als auf das Gemeinwohl. In vielen Regionen der Welt sind zunehmende Gewalt und eine Sinnkrise spürbar. Eine Wende ist notwendig!

Die Globalisierung bietet nämlich zahlreiche Chancen, doch sie benötigt eine Seele. Der Egoismus führt zu einer Zivilisation des Todes und bringt auch real vielen Menschen den Tod. Daher müssen wir den Blick erheben, uns für die Zukunft öffnen und fähig werden, eine Globalisierung der Gerechtigkeit zu verwirklichen. Mit Entschiedenheit müssen wir uns mit der Frage des Friedens in all seinen Facetten beschäftigen. Denn wir sind zum Zusammenleben bestimmt und tragen alle die Verantwortung für die Kunst des Zusammenlebens. In der heutigen Zeit hat sich der Dialog als intelligente und friedliche Waffe erwiesen. Er ist die Antwort auf die Prediger des Terrors, die sogar die Worte der Religionen verwenden, um Hass zu verbreiten und die Welt zu spalten. Nichts ist verloren mit dem Dialog. Hier in München haben wir die Sprache des Dialogs und der Freundschaft gesprochen. Denn kein Mann, keine Frau und kein Volk ist eine Insel, es gibt nur ein Schicksal, ein gemeinsames Schicksal.

Betrachten wir uns mit größerer Sympathie, dann wird vieles, ja alles möglich sein. Es ist an der Zeit, sich zu ändern. Die Welt benötigt mehr Hoffnung und mehr Frieden. Wir können wieder neu lernen, nicht gegeneinander, sondern miteinander zu leben. Wir sind uns der Verantwortung der Religionen für die Gefährdung des Friedens bewusst, immer dann, wenn sie nicht den Blick nach oben gerichtet haben. Wer den Namen Gottes gebraucht, um den anderen zu hassen und zu töten, lästert den heiligen Namen Gottes. Daher können wir sagen: Es gibt keine Zukunft im Krieg! Es gibt keine Alternative zum Dialog. Der Dialog ist ein einfaches Werkzeug, das alle nutzen können. Durch den Dialog können wir ein neues Jahrzehnt und Jahrhundert in Frieden gestalten. Seien wir alle Handwerker des Friedens. Möge Gott unserer Welt wirklich das wunderbare Geschenk des Friedens machen.

München, 13. September 2011

 

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