Ägypten nach Mubarak: Christen zwischen Hoffnung und Bangen

Unterstützer der Tahrir-Revolution uneins über Scharia-Artikel

Von Michaela Koller

MÜNCHEN, 14. September 2011 (Vaticanista).- Es gibt sie noch in Ägypten, die Hoffnung auf einen modernen, demokratischen, freiheitlichen Rechtstaat mit einer starken Zivilgesellschaft. Der koptisch-orthodoxe Theologe und Journalist Mina Fouad hat am Montag beim Internationalen Friedenstreffen von Sant‘ Egidio über den arabischen Frühling in Ägypten diskutiert und erklärt: „Moderate Muslime fürchten auch ein religiöses Regime.“ Zusammen mit Christen, die je nach Schätzung sechs bis 15 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen, bemühten sich muslimische Ägypter darum, der Revolution zum Sieg zu verhelfen. „Wir sind alle Ägypter“, betonte Mina Fouad, der neben dem Patriarch der Katholiken des koptischen Ritus, Antonios Kardinal Naguib, auf dem Podium saß.

v.l.n.r. Mina Fouad, Antonios Kardinal Naguib, Hassan Shafi'e, Mohammed Al-Tahawi, Ramy Shaath; Foto: Koller

v.l.n.r. Mina Fouad, Antonios Kardinal Naguib, Hassan Shafi'e, Mohammed Al-Tahawi, Ramy Shaath; Foto: Koller

Er räumte jedoch ein, dass andererseits auch viele gemäßigte Muslime und Kopten sich inzwischen aus dem politischen Diskurs zurückgezogen hätten, weil sie sich vor einem islamistischen Umschwung fürchteten. Für die ägyptischen Christen habe es drei Phasen der Revolution gegeben: In den ersten drei Tagen überwogen noch die Befürchtungen und Vorbehalte, als ihre kirchlichen Autoritäten auch noch davor warnten, mit zu demonstrieren. Daraufhin haben die Kopten Mina Fouad zufolge die Entwicklung begrüßt und sich aktiv an den Kundgebungen und Forderungen beteiligt. Etwa zwei Wochen nach dem Rücktritt von Präsident Mubarak überwog jedoch wieder die Angst, wie der Journalist berichtet, der von Anfang an sich der Demokratie-Bewegung anschloss.

Neben den beiden christlichen Vertretern aus Ägypten waren auch drei Muslime zum Podium angereist. Alle Teilnehmer teilten die Ablehnung des vormaligen autoritären Regimes unter Hosni Mubarak. Der islamische Gelehrte Hassan Shafi’e, der an der altehrwürdigen Al-Azhar-Universität lehrt, betonte, dass alle gesellschaftlichen Gruppen bei den Demonstrationen auf dem Midan Tahrir, dem Platz der Freiheit, in Kairo zu Beginn des Jahres vertreten waren. Unter dem Protestierenden war er selbst und andere Vertreter seiner Universität, die dem ägyptischen Religionsministerium untersteht. Er schilderte, wie ein junger Mann aus Oberägypten sich mit ihm fotografieren, um die Aufnahme als ein Andenken mit nach Hause zu nehmen. „Der Geist der ägyptischen Bürger ist ein besonderer“, betonte er stolz. Ziel der anhaltenden Revolten sei eine parlamentarische Demokratie.

Der in London studierte Ägypter mit palästinensischen Wurzeln, Ramy Shaath, betonte, abgesehen von Wandel und Freiheit hätten die Demonstranten nach sozialer Gerechtigkeit und Wiederherstellung der nationalen Würde verlangt. Die Attentate vom 11. September seien im Gegensatz zum arabischen Frühling eine gestörte Antwort auf das gewesen, was in der arabischen Welt lange schief lief, zeigte sich Shaath, Leiter der oppositionellen Gruppe „Freier Ägypter“ überzeugt.

Der Sprecher der Universität und ägyptische Diplomat Mohammed Rifaat El-Tahawi warnte, das Land am Nil befinde sich immer noch in einer Übergangsphase. „Das Regime ist noch nicht beseitigt“, sagte er. Wichtig sei aber die friedliche Botschaft der Kundgebungen: „Al Kaida hat nun ein Problem, weil sie immer für Gewalt eingetreten ist und diese zu nichts geführt hat.“ Kardinal Naguib nannte konkrete Punkte, die dem Erfolg der Revolution entgegen stehen, darunter den Mangel an öffentlicher Sicherheit und die Teuerung von Gütern des täglichen Bedarfs. Islamistische Gruppen treten Naguib zufolge öffentlich auf, während Christen auf Führungsposten noch kaum präsent seien. Zu einem wichtigen Thema zeigten die ägyptischen Redner aber keine Einigkeit: Die Rolle der Scharia, des islamischen Rechts, in einem künftigen Ägypten. In Artikel 2 der bisherigen Verfassung ist die Scharia als Quelle der Gesetzgebung festgeschrieben. Der Islamgelehrte Hassan Shafi’e von der Universität Al Azhar in Kairo sprach davon, dass sie nicht die einzige Quelle der Gesetzgebung sein sollte.

Auf die Frage von Vaticanista, welche Haltung die anderen Podiumsteilnehmer in der Frage einnehmen, räumte Kardinal Naguib ein: „Ehrlich, da muss ich sagen, dass wir hier auf dem Podium eine jeweils unterschiedliche Interpretation haben.“ Das sei noch ein Punkt, dem nachgegangen werden müsse. Die christliche Minderheit der Kopten streben eine säkulare Demokratie an und ist daher für die Abschaffung des Artikels. Diejenigen Ägypter, die nicht dafür plädierten, seien nicht unbedingt Islamisten, stellte Anfang April ägyptische Jesuit Samir Khalil Samir in einem Essay fest. Vielmehr fehlte ihnen ein Bewusstsein für die mit der Bestimmung verbundenen Probleme.

Artikel drucken

Dieser Beitrag wurde unter Nachrichten, Religionsfreiheit - Menschenwürde veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.