„Sein Wirken sollte nicht umsonst gewesen sein“

Interview mit Bruder des ermordeten Shahbaz Bhatti aus Pakistan

MÜNCHEN, 14. September 2011 (Vaticanista/Die Tagespost).- Bundespräsident Christian Wulff hat am Sonntag in seiner Ansprache bei der Eröffnungsveranstaltung des Internationalen Friedenstreffens von Sant‘ Egidio das mutige Zeugnis des pakistanischen Sonderberaters des Premierministers zuständig für interreligiöse Harmonie, Paul Bhatti, betont. Dessen Bruder, Shahbaz Bhatti, war am 2. März in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad Opfer eines islamistischen Attentats geworden. Michaela Koller sprach mit Paul Bhatti über den Verlust des Bruders, dessen Mission und über das schwere Erbe, das er selbst nun trotz aller Gefahr angetreten hat.

Paul Bhatti beim Gespräch in München; Foto: Koller

Paul Bhatti beim Gespräch in München; Foto: Koller

Sie haben Ihr sicheres Leben in Italien aufgegeben und sind in Ihre Heimat Pakistan zurückgekehrt, um die Arbeit Ihres Bruders, des pakistanischen Minderheitenministers Shahbaz Bhatti, nach dessen Ermordung fortzusetzen. Was brachte Sie dazu, Ihr Leben in Gefahr zu bringen?

Bhatti: Ich werde dies häufig gefragt und jeder zeigt sich dadurch besorgt. Ich hatte nach dem Mord an meinem Bruder zwei Optionen: Ihn lediglich zu Grabe zu tragen und dann wieder zu meiner Arbeit heimzukehren oder seine Mission aufzugreifen, die behindert worden war. Ersteres hätte aber eine Unterwerfung unter diejenigen Kräfte bedeutet, die den Einsatz meines Bruders für die Marginalisierten aufhalten wollten, bedeutet. Die zweite Option hieß, dem zu widerstehen. Ich bin mir nicht sicher, was mich dazu brachte, mich für das Letztere zu entscheiden. Ich denke, dass dies aber von Gott kam. Ich entschied mich so, weil ich sah, dass viele Menschen mich brauchten und mich fortgesetzt fragten, dem großen Erbe meines Bruders zu folgen. Sein Wirken sollte nicht umsonst gewesen sein. Zudem ermutigte mich meine Mutter, den Einsatz für die Menschenrechte als meine Pflicht zu betrachten.

Hatten Sie zuvor nie daran gedacht, Ihren Bruder zu unterstützen?

Bhatti: Vor der Ermordung meines Bruders habe ich nie daran gedacht, zurückzukehren. Ich hatte mich in Italien, in der Nähe von Venedig, niedergelassen und hatte im Krankenhaus und in der Praxis gut zu tun. Einen Monat vor der Tat rief er mich aber öfter an, um mich zu bitten, ihm zu helfen. Weil ich Arzt bin, schlug er vor, ein Projekt im Gesundheitssektor zu starten. Ich lachte immer nur und dachte, er mache Witze. Meine Antwort lautete: Du willst, dass ich vom Paradies in die Hölle reise. Wissen Sie, was sehr erheblich ist: Ich muss jetzt in Islamabad unter Bewachung leben, mit so vielen Sicherheitsleuten. Und man weiß nie, was kommen wird. Es kann alles geschehen. Aber, wie bei meinem Bruder, ruht nun meine Hoffnung in Gott.

In welcher Situation waren Sie, als Sie vom Märtyrertod Ihres Bruders erfahren haben?

Bhatti: Nur einen Monat vorher war ich für zwei, drei Wochen zur Beerdigung unseres Vaters in Pakistan, der über 80 Jahre alt geworden war. Mein Bruder stand ihm besonders nahe und war entsprechend von seinem Tod betroffen. In dieser Zeit offenbarte er mir, dass sein Leben in großer Gefahr war und er jederzeit ermordet werden könnte. Er hatte auch entsprechende Informationen aus Sicherheitskreisen erhalten. Ich war schockiert, dies zu hören, und riet ihm, für einige Zeit nach Europa zu kommen. Er aber lachte nur und sagte, er habe sein Leben in Jesus‘ Hände gelegt. Seit dieser Zeit begann ich, mit der Möglichkeit zu rechnen, dass meinem Bruder so etwas geschehen könnte. An dem Tag, an dem es wirklich geschah, war ich auf dem Weg zur Klinik und telefonierte mit einem Freund in Pakistan, der auch Arzt ist. Dabei lief im Hintergrund der Fernseher, als die Nachricht gerade durchgesagt wurde, dass meinem Bruder etwas zugestoßen sei. Ich habe meinen Patienten in der Klinik absagen lassen, weil ich stundenlang kraftlos war.

Ist dies nicht ein Moment, in dem man versucht ist zu sagen, dass es mit dem friedlichen Dialog nicht mehr weitergeht?

Bhatti: Das ist natürlich, so zu denken. Mein erster Gedanke war, meine Familie da einfach herauszuholen, mein Zweiter war, dass ich dahin nie wieder zurückkehren möchte. Aber ich verstehe jetzt meinen Bruder, da ich in derselben Situation bin. Wenn man einmal dort an den Problemen der Menschen Anteil hat und sieht, wie sie einen brauchen, kann man sie nicht mehr zurücklassen.

Das Ministerium für Minderheiten wurde im Juli abgeschafft. Was bedeutet dies besonders für die Christen in Pakistan?

Bhatti: Diese Abschaffung ist oftmals nicht richtig interpretiert worden. Sie geht auf bereits drei Jahre alten einen Parlamentsbeschluss zurück, in dem auch die Aufgabe weiterer Ministerien beschlossen wurde. Es ging dabei darum, die Autonomie der Provinzen zu stärken. In diesem Zusammenhang war die Abschaffung in Ordnung. Es gibt aber einige Angelegenheiten, für das Ministerium zuständig war, die nicht auf Provinzebene behandelt werden können. Die Regierung beschloss dann, ein Ministerium für interreligiöse Harmonie und Menschenrechte auf Bundesebene zu behalten, das sich auch um Minderheitenangelegenheiten kümmert, wo ich jetzt Minister bin.

Die Christin Asia Bibi, für die sich auch Ihr Bruder eingesetzt hat, wurde wegen angeblichen Verstoßes gegen das umstrittene Blasphemiegesetz zum Tode verurteilt. Wer setzt sich denn jetzt für sie ein?

Bhatti: Meinem Bruder ging es vor allem darum zu zeigen, dass solche Gesetze überhaupt nicht eingeführt werden und dass die Leute, die dies befürworten, nicht gegen solche armen Leute agitieren sollten. Alle, die wegen Blasphemie angeklagt werden, sind Arme, die sich nicht wehren können. Es geht aber nicht einfach nur darum, dieses Gesetz wieder abzuschaffen, sondern vor allem die Geisteshaltung der Menschen, die dahinter stehen, zu ändern. Oftmals sind ehemals der Blasphemie Beschuldigte, die freigelassen wurden, vom Mob gelyncht worden. Ich habe den Shahbaz Bhatti Memorial Trust (Gedächtnisstiftung) begründet, um seine Mission des Dialogs und des interreligiösen Miteinanders fortzuführen. An die Menschen im Westen appelliere ich, uns dabei zu unterstützen.

[Erstveröffentlichung: © Die Tagespost, 13. September 2011]

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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