Pilgern zu den christlichen Aufbrüchen im religiösen Niemandsland

Berlin vor dem Papstbesuch: Zwischen Elend und Hoffnung

Von Michaela Koller

BERLIN, 21. September 2011 (Vaticanista).- Im strahlend sonnigen Licht dieses Frühherbstes wirkt sie gar nicht so düster, die Plattenbauwüste im Osten Berlins. Freundlich ist auch der Empfang bei der Kinder- und Jugendhilfsorganisation „Arche“, die mit ihrem bunten Fisch-Logo an der Hausfront in einem Hellersdorfer Schulbau untergebracht ist, dergleichen wohl ein Dutzend in dieser Siedlungslandschaft, immer nach demselben architektonischen Entwurf, errichtet wurden. Der Sprecher der Arche, Wolfgang Büscher, empfängt an diesem Morgen rund 40 Gäste, die aus Österreich, der Schweiz, westlichen sowie südlichen Teilen Deutschlands am Vorabend in die Bundeshauptstadt angereist sind.

Sein Journalistenkollege Michael Ragg führt die Gruppe hier raus in „die Platte“, wie es heißt. Über seine Agentur für christliche Kultur „Raggs Domspatz“ lädt er zu Reisen in die Spree-Metropole, um christlichen Aufbrüchen im religiösen Niemandsland nachzuspüren. Der Schwerpunkt liegt dabei eindeutig auf dem „katholischen Berlin“. „Der Besuch hier ist unser Zugeständnis an die Ökumene“, sagt er bei der Ankunft schmunzelnd.

Der evangelische Pastor Bernd Siggelkow fing 1995 mit wöchentlichen Kinderpartys an und gründete zusammen mit seiner Frau Karin das Projekt Arche in Berlin-Hellersdort, das mit der Deutschen Evangelischen Allianz verbunden ist. Inzwischen gibt es ein Netz von 15 Archen deutschlandweit, die rund 2.000 bis 2.500 Kinder pro Tag aufnehmen, ihnen Essen und Gehör schenken. „Die Mitarbeiter kommen aber aus unterschiedlichen Konfessionen und es sind auch mal Nichtchristen dabei“, erklärt Archesprecher Büscher, der im Laufe des Gesprächs offenbart, aus dem katholischen Milieu Westfalens zu stammen.

Michael Ragg (links) spricht mit Wolfgang Büscher (rechts); Foto: Koller

Michael Ragg (links) spricht mit Wolfgang Büscher (rechts); Foto: Koller

Es ist gelebte Ökumene in einer Gegend, in der die Menschen eher noch nichts von Gott gehört haben. Nach Angaben der katholischen Arbeitsstelle für missionarische Pastoral liegt die Konfessionslosigkeit in 18 bis 29-Jährigen in Ostdeutschland bei 83,9 Prozent (Stand 2008). Das ist die Altersgruppe der Mütter derjenigen Kinder, an die sich die Arche mit ihrem Hilfsangebot richtet. Zu ihren Vätern haben viele Kinder gar keinen Kontakt, erfährt die Besuchergruppe von Michael Ragg. „Eine Mutter zum Beispiel ist erst 23 Jahre alt und hat schon fünf Kinder von verschiedenen Männern“, schildert Büscher die Situation. Nach dem anfänglich herzlichen Empfang wird sie durch Büschers Vortrag mit der harten Realität konfrontiert:

„43 Prozent in Kinder und Jugendlichen im Alter von Null bis 18 Jahren leben in Berlin von Hartz IV“, sagt er. Und in Hellersdorf sind 80 Prozent der Einwohner auf die Stütze angewiesen, die inzwischen als Lebensmodell von den Eltern an die Kinder weitervererbt wird. Da bliebe überhaupt kein Geld für Bildung. Auch am Essen fehlt es. Die Eltern bleiben morgens einfach liegen, da fällt schon das Frühstück aus. Die Langzeitarbeitslosigkeit führe dazu , dass sich die Eltern schon lange aufgegeben hätten und in den Tag hineinlebten. Wenn der Hunger kommt, gibt es Fastfood, Junkfood, bis das Geld nicht mehr reiche. Weihnachten sowie Ostern oder Pfingsten sind in Hellersdorf schlichtweg nur Tage, an denen die Supermärkte geschlossen haben und das Essen und Schnaps an der Tankstelle besorgt werden muss.

„Ab dem Zwanzigsten eines Monats wird es bei mittags hier schon voller, weil länger das monatliche Geld nicht ausreicht“, berichtet Büscher. Weihnachten wird es demnach immer knapp. Dank ihrer Sponsoren gibt die Arche jeden Tag warmes Essen aus. Die Berlinpilger bekommen heute Rollmöpse mit Bratkartoffeln und sauren Salat dazu serviert. Um sie herum sammeln sich ab ein Uhr allmählich Kinder, Jugendliche, aber auch ein paar Muttis sind zu sehen, überwiegend bekleidet in Fleecepullis, Jogginghosen und Turnschuhen, dem Einheitslook in der Platte.

Büscher führt die Gruppe durch Turn-und Tanzzimmer, Kinderspielräume, wo Betreuerinnen warten, bis ins Jugendcafé, wo die Jugendlichen bei extra-billigem Eis und Gratis-Limo Tischfußball spielen können. Vor allem ginge es aber darum, dass sie runter von der Straße hier herein kämen, zu jemandem, der ihnen zuhört. „Sonst sind sie mit dem, was sie draußen hören und sehen, völlig alleingelassen.“ Sogar Kinder seien hier bereits dem Pornokonsum der Eltern ausgesetzt, verrät er. Nein, den Spruch des gerade wieder gewählten Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Klaus Wowereit, ‚Berlin ist arm, aber sexy‘, könne er gar nicht verstehen. „Armut ist überhaupt nicht sexy“, sagt der Co-Autor von „Deutschlands sexuelle Tragödie. Wenn Kinder nicht mehr lernen, was Liebe ist“.

„Die Kinder brauchen eine dauerhafte Begleitung, damit sie überhaupt lernen, dass sie morgens aufstehen müssen“, ist sich Büscher sicher. Die Stadt gebe dafür kein Geld. Im Gegenteil: Den Stadtverwaltungen sei es eher unangenehm, wenn er den Blick der Medien auf die Armut lenke. Eine Stadt knüpfte gar ihr Kooperationsangebot an die Bedingung, künftig „die Medienarbeit aufeinander abzustimmen“. Eine charmante Form, Zensur anzudrohen. „Es wird in zehn Jahren wegen der vollkommenen Wertelosigkeit zum großen Crash kommen“, prophezeit der Archesprecher. Zuhörer reagieren verunsichert: „Was heißt das konkret?“, fragte eine beunruhigte ältere Herrenstimme. Soziale Unruhen kann sich Büscher darunter vorstellen, wie er verrät.

Nach eigenem Bekunden beabsichtigt Michael Ragg, mit seinen Pilgerstudienreisen Mut zu machen, Hoffnung zu geben. Darum führt der nächste Programmpunkt seiner Fahrt zu einem Kontrastprogramm des Aufbruchs: In Berlin-Biesdorf, im Osten der Stadt, sitzt seit elf Jahren das Priesterseminar Redemptoris Mater (Mutter des Erlösers), wo Priesteramtskandidaten vom Neokatechumenalen Weg auf ihren späteren Dienst vorbereitet werden. Der Rektor, Silvano Latini, empfängt sein Gäste stolz im Foyer zwischen zwei großen Fotografien, die Delegationen seines Seminars jeweils mit Papst Johannes Paul II. zeigen und mit Papst Benedikt XVI. Der Erstere habe ein Seminar genau an diesem Standort, in Berlin, gewünscht, und der Zweite habe ihr Vorhaben, damals noch als Kurienkardinal, unterstützt. „Rund 5.500 junge Männer sind aufgestanden, als wir nach dem Papstbesuch in Madrid gefragt haben, wer Priester werden möchte und mehr als 3.000 Mädchen, die Ordensfrau werden wollen“, berichtet er stolz über die Berufungen aus dem Milieu der Bewegung. „Die Weltjugendtage sind wirklich ein Geschenk Gottes“, ist sich der Regens sicher.

Der Italiener mit weißem Haar und ebenso weißem Bart nimmt kein Blatt vor den Mund: „Viele Priester, sogar Bischöfe, haben keinen Glauben mehr. Man redet wie die Welt, hat keine Antikörper, sondern nur Angst vor den Angriffen der Medien.“ Und sein Landsmann aus derselben Gemeinschaft, Gianpaolo Carpanese, fünffacher Vater mit 20 Enkelkindern, pflichtet ihm bei: „Die Gemeinden verlieren deswegen Gläubige, weil sie keine Zeichen des Glaubens sehen“, analysiert er die Ursache des zunehmenden Kirchenferne in Deutschland.

Die Einrichtung sei an die Jesuitenuni in Rom, der Gregoriana affiliert, nur eine weitere Einrichtung, in Kuba, sei in den Genuss dieser Anbindung, gekommen, ohne selbst von der Gesellschaft Jesu geführt zu werden, erfahren die Zuhörer. Das Priesterseminar hat, wie die rund 80 anderen gleichnamigen Seminare des Neokatechumenats, drei Merkmale: international, diözesan und missionarisch. Das heißt konkret für Berlin, dass junge Männer aus aller Welt, Polen, Ecuador, Italien, die im Studium fließend Deutsch beherrschen gelernt haben, vom Erzbischof dorthin entsandt werden, wo sie missionarisch wirken können. Inzwischen sind dies 27 Priester seit den Anfängen. Der laufende Betrieb wird durch Spenden unterstützt.

Die Kapelle im Seminar Redemptoris Mater; Foto: Koller

Die Kapelle im Seminar Redemptoris Mater; Foto: Koller

Nach der heiligen Messe in der lichtdurchfluteten Kapelle mit weißem Marmor und wandhohen Ikonenmalereien in leuchtenden Farben nimmt die Pilgergruppe nur zögerlich Abschied von ihren Gastgebern. Es warten aber schon die Salesianer Don Boscos, oder besser gesagt ihre Mitarbeiter im Projekt „Manege“ in Marzahn: Hier sieht die soziale Situation ebenso trist aus wie bei den Nachbarn in Hellersdorf. Zusammen mit den Schwestern der heiligen Maria Magdalena Postel wollen auch die Salesianer, wie die Arche, junge Menschen aus dieser Tristesse heraus holen. Sie werden dabei etwa vom Bonifatiuswerk unterstützt.

Ihre Zielgruppe und ihr Auftrag ist nur konkreter umrissen: Sie bekommen 17- bis 25-Jährige vom Job-Center der Agentur für Arbeit des Bezirks Marzahn-Hellersdorf zugewiesen, um sie wieder auf die Spur eines „normalen“ Lebens zu bringen, das sie so nicht kennen. „Wir bringen ihnen bei, dass der Tag acht Arbeitsstunden und die Arbeitswoche fünf Tage hat“, sagt der Sozialarbeiter Markus Mumdey, ein schwarzgekleideter, kräftiger Typ mit kurz geschorenen Haaren. 80 bis 90 Prozent seien ohne Schulabschluss. „Sie bekommen erst einmal ein Frühstück von uns morgens um acht Uhr“, erzählt er.

Rund 160 bis 180 Jugendliche sind dabei. Hinzu kommen noch weitere 17, die die erste Phase dieser „Aktivierung“ hinter sich haben und eine Ausbildung machen, als Hauswirtschafter, Koch sowie Maler und Lackierer. „Die gucken schon mal, wenn sie neu sind und Schwester Margareta kommt in der Ordenstracht die Treppe runter“, berichtet Mumdey. Für viele der jungen Leute ist es das erste Mal, dass sie überhaupt auf Menschen treffen, die Christen sind und auf der Grundlage ihres Glaubens handeln.

Teilnehmer Friedrich Merkler, ein Herr mit Seidenschal im Hemd, blickt vom Speisesaal des Zentrums aus auf die Plattenbauten Marzahns: „Hier möchte ich kein halbes Jahr leben“, bemerkt er offen. Auf die Frage, was ihm nach diesem Ausflugstag in die Realität Berlins auf der Zunge brenne, entgegnet er: „Ich bin betroffen, dass seitens der Politik dieses Elend hier einfach nicht zur Kenntnis genommen wird und die Familien hier doch weitgehend allein lässt. Die Arche, die wir heute früh besucht haben, muss selbst sehen, wo sie die ihre Mittel bekommt.“ Eine Dame, die dem Gespräch zugehört hat, bemerkt: „Ich bin jetzt erschöpft.“ Ja, wirklich, ihr Wissensdurst sei für heute gesättigt.

Reichlich Neues, auch Überraschendes, wird sie wohl noch bis zur Abfahrt am Montag sehen und hören. Höhepunkt dieser Reise ist der Besuch der Heiligen Messe mit Papst Benedikt XVI. am Donnerstag im Olympiastadion, verrät Organisator Michael Ragg. Viele Katholiken kämen mit der Überzeugung nach Berlin, dass es die Hauptstadt des Atheismus sei. Dieser bestimme nicht die gesamte Realität. „Ich habe immer wieder gesehen, dass gerade durch die Herausforderung des Atheismus einerseits und den Islam andererseits, sich eine neue christliche Kreativität entfaltet.“ Nicht nur geistliche Gemeinschaften, sondern auch einfache Gläubige ergriffen die Initiative. Ein Beispiel dafür sei die Berliner Clemenskirche, deren Besuch am Mittwoch auf dem Programm steht: Eine einfache Rentnerin konnte diese mit der Unterstützung, die sie selbst dafür mobilisierte, von einem islamischen Immobilienhändler quasi „zurückmieten“, nachdem diese an ihn veräußert worden war. „Das macht Mut und Hoffnung für die Kirche der Zukunft“, sagt Ragg mit fester Stimme.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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