Der Papst auf dem Buchdeckel

Begegnungen bei einer Stippvisite auf der Frankfurter Buchmesse

Von Michaela Koller

FRANKFURT, 16. Oktober 2011 (Vaticanista).- Drei Wochen nach dem Besuch Papst Benedikts XVI. in seiner deutschen Heimat sind auf der Buchmesse in Frankfurt erste Bücher über die denkwürdige Reise vorgestellt worden. Die Verlage Herder und St. Benno preschten am Freitag mit der Ko-Produktion „Papst Benedikt in Deutschland“ vor. Der Band floss Pater Hans Langendörfer aus der Feder, der als Generalsekretär der Deutschen Bischofskonferenz eng in die Organisation des Mega-Ereignisses eingebunden war.

Ihm ist es daran gelegen, in Bildern die Nähe des Papstes zu den Menschen bei seiner Deutschlandreise zu demonstrieren und das „ungemein Menschliche“ dieser Tage im September aufzuzeigen, betonte der Jesuit in einer 20-minütigen Vorstellung mit dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch. Binnen zwei langen Tagen verfasste der Autor die Texte und wählte die Aufnahmen aus. Und nur sieben Tage dauerte die Produktion des Bandes, in dem er alle Stationen der Reise nochmals Revue passieren lässt, entscheidende Szenen, Begegnungen und Botschaften darin festhält:

Zu Gast war Benedikt XVI. in der Weltstadt Berlin ab 22. September, in der Herzmitte Deutschlands in Erfurt sowie unter badischer Sonne in Freiburg zum Abschluss der viertägigen Mammuttour. Er hat vor dem Bundestag gesprochen, hat die Spitzen des Staates getroffen und ist Repräsentanten anderer Religionen begegnet. Mit Hunderttausenden Menschen hat der Papst Gottesdienste gefeiert und sie zu Glauben, Hoffnung und Liebe ermutigt.

Gleich gegenüber zeigte der Augsburger Sankt Ulrich Verlag auf einem Flachbildschirm die strahlendsten Aufnahmen aus seinem Band „Benedikt XVI. – Der Papst in Deutschland: Begleitet von Michael Hesemann“. Das Buch erscheint erst in diesen Tagen. Druckfahnen lagen am Stand aus und das Cover schmückte schon ein ganzes Regal, zusammen mit dem derzeitigen Bestseller des Autors „Mein Bruder, der Papst“. Es ist jetzt schon auf Platz 17 der Spiegel-Liste geklettert und verschafft sich allmählich auch weltweiten Durchbruch. Ignatius Press in den USA haben sich schon Übersetzungsrechte gesichert. Und auch der Papst lächelte Anfang Oktober, als er von Michael Hesemann das Buch mit den Originalworten seines Bruders in der prima fila überreicht bekam.

Bei einer Cola light am Stand des Verlags berichtete Hesemann Vaticanista, wie er zu der Erfolgsidee kam: „Mir kam schon im Jahr 2005, als ich an dem Buch „Benedetto – eine Papstbiographie für junge Leser“ gearbeitet habe, die Idee, seinen seit Kindertagen engsten Vertrauten zu interviewen. Ich nahm aber an, dass sich bald jemand so eines Gesprächs mit dem Papstbruder Georg Ratzinger annehmen wird“, sagte er. Der Papst sei nun einmal Weltgeschichte. Als Historiker müsse man sich dazu alle Quellen und Zeugnisse sichern. „Da fehlte das Zeugnis von einem Menschen, der den Heiligen Vater von Anfang an auf seinem Weg begleitete.“ Von anderen Autoren kam schließlich nichts. „So habe ich wieder intensiver über das Projekt nachgedacht, als ich auf der Rückreise von Turin beim Marienheiligtum von Absam bei Innsbruck stoppte. Ich konnte dort überprüfen, dass dort, angesichts des Gnadenbildes der Gottesmutter, die Großeltern des Papstes geheiratet haben.“

Hesemann beschäftigte fortan die Frage, ob der familiäre Hintergrund nicht schon Joseph Ratzinger dafür prädestinierte, eines Tages Papst zu werden. „Ich musste den Bruder Georg interviewen, um zu erfahren, ob es von Anfang an schon Hinweise gegeben hat, dass dieser bestimmte Weg vorgegeben war.“ Nun gab es die schöne Fügung, dass Roswitha Biersack vom Vorstand des Vereins Deutschland pro Papa, wo Michael Hesemann als Gründungsmitglied mitwirkt, eines Sonntags mit dem ehemaligen Domkapellmeister und Leiter der Regensburger Domspatzen verabredet war. „Sie hat an einem Seminar von mir im Kloster Weltenburg teilgenommen und fragte mich, ob ich mitkommen mag.“ Klar ging der umtriebige katholische Publizist gerne mit. „Ich war sofort beeindruckt davon, wie plastisch und wunderbar er erzählt“, berichtete er. Das Erinnerungsvermögen des 87-Jährigen sei zudem brillant. „Er zögerte erst, weil er eigentlich keine Öffentlichkeit mehr wollte. Irgendwie hat er mir dann doch vertraut.“

An fünf Tagen hintereinander hat er ihn je zwei Stunden lang mit Fragen konfrontiert, insgesamt 200 an der Zahl. Nicht nur der Apostolische Protonotar Georg Ratzinger musste den Text freigeben: Auch das „Nihil obstat“ aus Rom wartete Michael Hesemann ab, trotzdem kam das Buch noch vor dem Deutschland-Besuch des Benedikts XVI. heraus. „Ich sehe sehr wohl Hinweise, das Joseph Ratzinger von Anfang an für die Wahl zum Nachfolger Petri prädestiniert war.“ Er selbst strebte nie danach, ist sich der Erfolgsautor sicher: „Er war als Professor in Regensburg glücklich und zufrieden und kaufte sich dort ein Haus.“ Um als Präfekt der Glaubenskongregation schließlich nach Rom zu gehen, musste er zuvor dreimal gebeten werden. „Als seine Pensionierung näher rückte, hoffte er auf einen schönen ruhigen Lebensabend.“ Der Ausgang des Konklaves war eine Überraschung für ihn, und umso mehr für seinen Bruder. „Ich sehe in dem Lebenslauf, in dem er oft gedrängt werden musste, schon so etwas wie eine Vorbestimmung“, sagt der Autor.

Bestimmte biographische Detailfragen seien jedoch ebenso neu. „Es schockierte mich sehr, wie nahe die Familie über Nachbarschaft und Verwandtschaft mit dem NS-Terror konfrontiert wurde.“ So wurde zum Beispiel ein Familienmitglied Opfer des NS-Euthanasie-Programms. „Das Buch sollte auch das falsche Bild, das von diesem Papst in der Öffentlichkeit präsentiert wird, zurecht rücken, darunter auch das Thema ‚Verhältnis zu den Juden’“, räumte Hesemann auf die Frage ein, ob er trotz der langen Originalpassagen dem ganzen Projekt auch seinen eigenen Stempel aufgedrückt habe. Die Versöhnung mit den „älteren Brüdern“ sei ein großes Thema in diesem Pontifikat.

Adressat des ersten Briefs Benedikts XVI. sei der Oberrabbiner von Rom gewesen. Und auf seiner ersten Auslandsreise, die ihn zum Weltjugendtag nach Köln führte, habe er sogleich eine Synagoge besucht. „Es gibt keinen Papst, der sich so demonstrativ für die Aussöhnung mit dem Judentum stark gemacht hat, wie Papst Benedikt“, zeigte sich Hesemann überzeugt. Als Vertreter der New Yorker Stiftung Pave the Way, die sich diese Aussöhnung zum Ziel gesetzt hat, achte und schätze er diesen Papst deswegen noch mehr.

Eine schöne Begebenheit sei es daher, dass das jüdische Gemeindezentrum von Regensburg sich schräg gegenüber der Wohnung von Georg Ratzinger befindet, der auf einer menschlichen Ebene engen Kontakt dorthin hat. Zu dem ehemaligen Vorstand der Gemeinde, dem in diesem Jahr verstorbenen Hans Rosengold, pflegte der Papstbruder immer ein gutes, nachbarschaftliches Verhältnis, wie er Hesemann im Interview verriet. Der Hausmeister der Gemeinde besuchte ihn unlängst im Krankenhaus. „Als mein Bruder 2006 in Regensburg war, hat die jüdische Gemeinde einen Teil seiner Entourage, sein sogenanntes Seguito, mit koscherem Essen versorgt“, erinnert sich Georg Ratzinger in dem Gespräch. Das Buch überrascht in der Tat mit vielen Details, die zum umfassenden Verständnis dieses Pontifikates beitragen könnten.

 

 

 

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