Für ein Miteinander in Respekt, Achtung und gegenseitiger Bereicherung

Buchbesprechung zu „Muslime und Christen“

Von Pfarrer Stefan Hartmann

OBERHAID, 4. November 2011 (Vaticanista/ 2cor3).- „Gottes ist der Orient! / Gottes ist der Okzident! / Nord- und südliches Gelände / ruht im Frieden seiner Hände“ – so rief Johann Wolfgang von Goethe versöhnlich in seiner Dichtung „West-Östlicher Divan“. Wie sehr Orient und Okzident sich durchdringen, ein „Kampf der Kulturen“ (Samuel Huntington) leider nicht zu leugnen ist und viele Chancen noch ungenutzt sind, erfahren wir gegenwärtig im Erstarken des Islam in Europa als „neuer Nachbar“ (so die Internationale Katholische Zeitschrift „Communio“ in ihrer jüngsten Ausgabe) bei gleichzeitigem Rückgang des bekennenden Christentums. In den nordafrikanischen Ländern hat ein hoffnungsfroher „arabischer Frühling“ Diktatoren weggespült, gleichzeitig aber hat die zunehmende gewaltsame Verfolgung besonders der koptischen Christen zu weiteren Sorgen und Ängsten geführt.

Copyright: Sankt Ulrich Verlag

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In dieser gespannten Situation, in der die großen Vereinfacher auf beiden Seiten die Diskussionen zu sehr bestimmen, ist kompetente, neutrale und wissenschaftlich fundierte Information nötiger denn je. Die Politikwissenschaftlerin und freie Journalistin Michael Koller hat nun unter dem Titel „Muslime und Christen. Geschichte und Perspektiven einer Nachbarschaft“ im Augsburger Sankt Ulrich Verlag dem international renommierten Islamwissenschaftler Samir Khalil Samir die Chance geboten, sich dem deutschen Sprachraum in seiner Biographie, mit einer Expertise über „die kulturelle Rolle der Christen in der arabischen Welt“ und einem ausführlichen Interview vorzustellen. Der Jesuitenpater Khalil Samir, katholischer Kopte, geboren in Kairo, ist Professor am Päpstlichen Orient-Institut in Rom und am Centre Sèvres de Théologie in Paris. In Beirut gründete er unter dramatischen Umständen das Institut CEDRAC (Centre de documentation et de recherches arabes chrétiennes), das sich in der Tradition des deutschen Orientalisten Georg Graf versteht. Samir zählt zum engeren Beraterkreis von Papst Benedikt XVI. und des Vatikans in Fragen des Islams und der orientalischen Christen, zuletzt war er an der Nahost-Synode im Oktober 2010 beteiligt.

Koller umschreibt im ersten Kapitel das Leben und den spannenden wissenschaftlichen Werdegang Samirs. Den arabischen Christen wie ihm kommt im interreligiösen Dialog eine Brückenfunktion zu, da sie Mentalität, Sprache und Kultur der Muslime unmittelbar erleben und verstehen. „Manchmal sage ich, dass ich religiös Christ bin, aber kulturell Muslim. Durch die arabische Sprache ist ein großer Teil der islamischen Kultur auch meine“ (160). Die Geschichte dieser Vermittlungsrolle arabischer Christen beschreibt Samir in seinem Aufsatz für alle Perioden seit dem Auftreten Mohammeds und den ersten Berührungen mit dem Hellenismus (für die vorislamische Zeit arabischer Christen sei auf die Textsammlung Klaus Bergers verwiesen: „Zwischen Welt und Wüste“, Insel Verlag 2006). Erst über arabisch-islamische Gelehrte fanden Aristoteles und andere im Mittelalter den Weg in den Westen. Besonders werden die libanesischen Maroniten hervorgehoben, die schon 1584 in Rom ein eigenes Kolleg erhielten. Zur Geschichte des Islam gehören auch zwei geistig-kulturelle Renaissancen, die im Hinblick auf europäische Einflüsse in großer Gelehrsamkeit miteinander verglichen werden. Der „Islamismus“ ist ein neueres Phänomen, begonnen als anti-koloniale Reaktion, und vielfach, besonders im Terrorismus, eine Pervertierung des eigentlichen Islam.

Besonders aufschlussreich sind die Bemerkungen Samirs im Interview mit Frau Koller zu Papst Benedikt XVI. und seinem Verständnis des Dialogs und der Begegnung mit dem Islam. Seine berühmte Rede in Regensburg (2006) thematisierte den Zusammenhang von Vernunft und Glaube, Religion und Gewalt. Nach anfänglichen Irritationen kam es zu bedeutsamen Stellungnahmen von islamischer Gelehrten und religiösen Autoritäten, zuletzt ein von 138 Persönlichkeiten unterzeichnetes Papier, das den Absichten des Papstes in vielen Punkten entgegenkommt und ein einzigartiges Niveau des christlich-islamischen Dialogs erreicht. Samir greift auch auf Texte und Reden Papst Benedikts noch als Kardinal zurück, um dessen Anliegen zu verdeutlichen: die Hochachtung des Gewissens, der Religionsfreiheit, auch der Freiheit, seinen Glauben zu wechseln. In der Auseinandersetzung mit dem Säkularismus und Relativismus westlicher Kultur sieht der Papst nach Samir im Islam einen starken Verbündeten (wie etwa bei den Angriffen auf die Familie und das ungeborene Leben an der UNO-Konferenz 1994 in Kairo). Dabei unterscheidet sich Benedikt XVI. in Gesten und Wortwahl durch stärkere theologische Akzentuierung von seinem Vorgänger Johannes Paul II., der den Dialog überhaupt eröffnete und politisch anstieß. Papst Benedikt, „da bin ich mir sicher, wird nie eine zweideutige Formulierung verwenden“, er schaut als Intellektueller sehr auf den Inhalt, „weniger darauf, welchen Eindruck die Leute davon bekommen“ (151).

Interessant ist auch, dass Samir immer vom Kopten-Patriarch Schenuda spricht, nie von „Papst“ Schenuda. Dies sei eine Neuerung, die keinen Rückhalt in den koptisch-arabischen Schriften und Überlieferungen habe. Es gibt auch Selbstkritik, etwa wenn Samir bei den Christen das gegenüber den Muslims schwach ausgeprägte missionarische Bewusstsein bedauert. Insgesamt lässt sich festhalten, dass Khalil Samir genau wie Papst Benedikt weder naivem Multikulti-Denken, noch pauschaler Islamschelte verfällt, sondern ein Miteinander in humanistischen Werten wie Respekt, Achtung und gegenseitiger Bereicherung aufzubauen hilft. Das bedingt aber auch die Standhaftigkeit und bescheidene Geradlinigkeit im Vertreten der eigenen Glaubensüberzeugung. Wenn sich dieser Geist auf beiden Seiten in Gegenwart und Zukunft durchsetzt, sind die traurigen Phänomene der Gewalt und Verfolgung hoffentlich bald für immer Vergangenheit. Das Buch von Pater Samir Khalil Samir und Michaela Koller leistet dazu einen wichtigen Beitrag.

[Samir Khalil Samir / Michaela Koller: Muslime und Christen. Geschichte und Perspektiven einer Nachbarschaft, Augsburg (Sankt Ulrich Verlag) 2011, 176 Seiten, EUR 19,95]

[Erstveröffentlichung: © 2cor3, 4. November 2011]

 

 

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