Europäer durch und durch

Zum Tod Otto von Habsburgs

Von Michaela Koller und Burkhard Jürgens

PÖCKING, 4. Juli 2011 (Vaticanista/ KNA).- „Er ist ein privater Staatsmann, dem Europa vertrauen kann“, sagte der jüdische Publizist William Schlamm einmal über Otto von Habsburg. Der älteste Sohn des letzten österreichischen Kaisers mag zwar nie den Thron bestiegen haben – dennoch konnte der engagierte Katholik auf eine der längsten politischen Karrieren zurückblicken.

Nicht einmal zehn Jahre alt war der Adelsspross, als Kaiserin Zita ihm nach dem Tod ihres Mannes eine schwere Bürde auferlegte: „Meine Mutter sagte mir, dass es jetzt meine Aufgabe sei, zu versuchen, für meine Landsleute so da zu sein, wie mein Vater es gewesen ist“, erinnerte sich Habsburg. In der Verantwortung sah sich der vitale Mann bis ins hohe Alter. Dabei bekannte er sich froh darüber, kein Monarch zu sein. „Ich kann einen Politiker, der ein Esel ist, auch einen Esel nennen.“

Habsburgs politisches Bemühen beschränkte sich nicht auf seine „Landsleute“. Zeitlebens kämpfte er für ein geeintes, freies und christliches Europa. „Vor Gott zählt nicht, ob wir Erfolg gehabt haben. Vor ihm zählt, ob wir uns mit all unseren Kräften für das Gute eingesetzt haben.“ Bereits in jungen Jahren suchte Otto von Habsburg für die Verwirklichung seiner Ziele Kontakt zu Männern mit großen Namen. Um etwa mehrere Zehntausend überwiegend jüdische Flüchtlinge vor den Nazis in Sicherheit zu bringen, spannte er gar den spanischen Diktator Francisco Franco ein.

In die Geschichtsbücher ging das Paneuropa-Picknick am 19. August 1989 im ungarischen Sopron an der Grenze zu Österreich ein. Seit Wochen hatten sich DDR-Bürger in der Botschaft der Bundesrepublik in Budapest verschanzt. Als Habsburgs Tochter Walburga bei der Veranstaltung symbolisch mit einer Schere ein Stück Stacheldraht des Eisernen Vorhangs zerschnitt, nutzten mehr als 600 DDRler die Gelegenheit zur Flucht in den Westen.

Bereits 1982 hatte Habsburg eine Resolution im Europäischen Parlament durchgesetzt, die die symbolische Aufstellung eines leeren Stuhls für die Europäer vorsah, die „aus verschiedenen Gründen noch nicht in dieser Volksvertretung Sitz und Stimme haben“. Als er 1997 im EU-Parlament als Alterspräsident amtierte, sprach er zu den Abgeordneten in fünf Sprachen, darunter auch auf Ungarisch: „Ich wollte sie nur auf die Zukunft vorbereiten.“

Zur Welt kam Otto von Habsburg am 20. November 1912 im niederösterreichischen Reichenau. 1919 wurde die Herrscherfamilie enteignet und aus Österreich verbannt. Zunächst lebte er in der Schweiz, dann auf Madeira, in Spanien und Belgien. Sein Heimatland sollte Habsburg erst 1966 wieder betreten können. Sogar mit Adolf Hitler legte er sich an. Als dieser 1933 den damals 21-jährigen Chef des Adelshauses zu einem Gespräch aufforderte, lehnte der ab. Er wollte sich nicht vor den falschen Karren spannen lassen.

Habsburg trat stattdessen 1936 der Paneuropa-Union des Richard Graf Coudenhove-Kalergi bei. Sein Einsatz gegen den Anschluss Österreichs an Deutschland machte ihn zu einem gefährlichen Mann für die Nazis, die ihn steckbrieflich suchen ließen. Erneut ging er ins Exil; dieses Mal in die USA. Bei einem solchen Lebenslauf mag es daher kein Wunder sein, dass Habsburg später als Nationalität „Europäer“ angab. Erst mit 66 Jahren zog er als Abgeordneter ins Europäische Parlament ein, dem er bis 1999 angehörte, zunächst parteifrei, später als Mitglied der CSU.

Noch über seinen 95. Geburtstag hinaus war Habsburg politisch aktiv. Vortragseinladungen führten ihn nach Paris ebenso wie nach Sarajewo. Der europäische Zusammenhalt war ihm wichtig; dass die gemeinsame Verfassung keinen Gottesbezug enthielt, enttäuschte ihn. Ein Zentrum blieb für ihn als engagierten Katholiken Rom. Immer wieder war er im Vatikan zu Gast. Ein besonderes Ereignis war für den hochbetagten Habsburg, als er 2004 der Seligsprechung seines Vaters Karl I. beiwohnen durfte.

Im Blick auf die religiöse Entwicklung des Abendlandes gab sich Habsburg optimistisch: „Ich bin überzeugt, dass es zu einer Re-Christianisierung kommt.“ In dieser Überzeugung stützte ihn auch seine Frau Regina von Habsburg, die seit 1951 an seiner Seite stand und mit der er fünf Töchter und zwei Söhne hatte. Sie starb vergangenes Jahr im Februar. Jetzt ist er ihr nachgefolgt.

Am Montag ist der Adlige und Europäer nach einem Jahrhundertleben an seinem Wohnsitz im oberbayrischen Pöcking gestorben.

[Erstveröffentlichung: © KNA, 4. Juli 2011]

 

 

 

 

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