„Die heutigen Menschen hören mehr auf Zeugen als auf Lehrer“

Interview mit Prälat Moll zum Märtyrerpriester Carl Lampert

Von Johannes Auer

DORNBIRN, 9. November 2011 (Vaticanista).- Auf den Tag genau 67 Jahre nach seiner Ermordung durch die Nationalsozialisten wird der österreichische Priester Carl Lampert am kommenden Sonntag in Dornbirn selig gesprochen. Als Provikar und damit Stellvertreter des damaligen Apostolischen Administrators von Innsbruck-Feldkirch wurde am 13. November 1944 hingerichtet. Lampert, geboren 1894 im vorarlbergischen Göfis als jüngstes von sieben Kindern, wurde 1918 in Brixen zum Priester geweiht. Nach einer Kaplanszeit in Dornbirn studierte er in Rom Kirchenrecht und lebte dort am Kolleg St. Maria della Anima. Im Jahr 1935 wurde er zum Leiter des kirchlichen Gerichts in der Apostolischen Administratur Innsbruck-Feldkirch berufen. Im Anschluss an die Veröffentlichung einer Todesanzeige für den Seligen Otto Neururer, die die Umstände des Todes von Neururer andeutete, wurde Lampert verhaftet. Lampert wurde nacheinander in mehrere Konzentrationslager eingeliefert, er kam frei, wurde seiner Heimat verwiesen und kam nach Stettin. Lampert war seelsorgerisch tätig und wurde dabei von einem Spitzel beobachtet, dessen Verrat schließlich das Schicksal des Seligen besiegelte. Lampert wurde von der Gestapo verhaftet, schwer misshandelt und schließlich wegen „Wehrkraftzersetzung“, dem Abhören von „Feindsendern“ und „Feindbegünstigung“ vom Reichskriegsgericht im sächsischen Torgau am 8. September 1944 verurteilt und am 13. November 1944 enthauptet.

Johannes Auer sprach für Vaticanista News mit dem Herausgeber des deutschen Martyrologiums Prälat Professor Helmut Moll aus Anlass der Seligsprechung über die Bedeutung des neuen Seligen für die Kirche, über den Bekennermut in der heutigen Zeit und den Unterschied zwischen Selig- und Heiligsprechungen.

Am kommenden Sonntag wird Provikar Carl Lampert selig gesprochen. Welche Bedeutung hat Carl Lampert für die Kirche?

Prälat Moll: Der Provikar der Apostolischen Administratur Innsbruck-Feldkirch war der ranghöchste österreichische Geistliche, der in der Zeit des Nationalsozialismus aus Glaubensgründen eines gewaltsamen Todes gestorben ist. Insofern kommt ihm in der Kirche der Alpenrepublik eine erhöhte Bedeutung zu. Bereits im Jahre 1940 kam es zu drei Verhaftungen in Innsbruck, auf die die Einlieferung in Konzentrationslager folgten. Nach seiner Entlassung kam Carl Lampert aufgrund des Gauverweises nach Stettin, wo er zusammen mit Pater Friedrich Lorenz und Kaplan Herbert Simoleit als Gefangener der Geheimen Staatspolizei Verhöre und Folter über sich ergehen lassen musste. Die natürliche Todesfurcht überwindend, wurde er am 13. November 1944 in Halle an der Saale hingerichtet.

Was denken Sie über den Vorwurf, diese Seligsprechung käme zu spät oder sei gar verzögert worden?

Prälat Moll: Solche Stimmen, so meine Einschätzung als langjähriger theologischer Konsultor an der römischen Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsverfahren, beruhen nicht auf einem sachlichen Fundament. Der gesamte Prozess hat doch nur 13 Jahre gedauert.

Können Sie uns erläutern, worin die Bedeutung von Märtyrern für die Kirche besteht ob es sich bei dem Seligen Carl Lampert um einen „klassischen“ Märtyrer handelt?

Prälat Moll: Seit dem Neuen Testament sind die Blutzeugen den Weg der direkten Nachfolge Jesu Christi gegangen. Bis zum Innersten und bis zum Äußersten gaben sie Zeugnis von ihrem gekreuzigten und auferstandenen Herrn. Bereits in den römischen Katakomben wurden sie im Gegensatz zu den Bekennern mit Arcosolgräbern geehrt. Papst Paul VI. hat das Wort geprägt, dass die heutigen Menschen mehr auf Zeugen als auf Lehrer hören. Provikar Lampert, durch das Reichskriegsgericht wegen Abhörens von „Feindsendern“, „Wehrkraftzersetzung“ und „Feindbegünstigung“ zum Tode verurteilt, ist ein wahrer Märtyrer der Kirche.

Im Falle Carl Lamperts handelte es sich um ein objektiv erkennbar „unrechtes System“ gegen welches er ankämpfte. Gibt es Ihrer Meinung nach auch heute in der Weltkirche Situationen, in denen Bekennermut erforderlich ist?

Prälat Moll: Die Christenverfolgung gehört seit ihren Anfängen zu den Kennzeichen der Kirche. Im Blick auf die Weltkirche leiden heutzutage zum Beispiel die koptischen Christen in Ägypten in massiver Weise. Aber auch die Christen in Nordkorea, in China, in der Türkei oder im afrikanischen Eritrea müssen Bekennermut beweisen, weil sie als Minderheit an den Rand gedrängt und ihrer Menschenwürde beraubt werden.

Seit dem Amtsantritt Benedikt XVI. sind die Seligsprechungen an die Ortskirchen „delegiert“. Wie schätzen Sie diese Entwicklung ein?

Prälat Moll: Während meiner Zeit an der Römischen Kurie von 1984 bis 1995 konnte der Eindruck entstehen, Seligsprechung und Kanonisation liegen so eng beieinander, dass die wenigen Unterschiede nicht mehr zählen. Die Seligsprechung ist aber räumlich begrenzt und zudem eine Erlaubnis des Papstes, demgegenüber die Heiligsprechung ein Akt des unfehlbaren Lehramtes und damit eine endgültige Entscheidung sind. Mit Recht hat Papst Benedikt XVI., mein akademischer Lehrer aus der Zeit an den Universitäten Tübingen und Regensburg, beide liturgische Feiern wieder in ihrer Unterschiedlichkeit herausgestellt und gewürdigt, indem in der Regel der römische Bischof ausschließlich Kanonisationen vornimmt.

Sie selbst waren ja Student des Priesterkollegs Santa Maria dell‘ Anima, wie der Selige auch. Wenn Sie mir nun diese etwas persönliche Frage erlauben: Fühlen Sie sich auch aus diesem Grund dem Seligen nahe? Und glauben Sie, dass die Erfahrung von „Weltkirche“, die viele Priester und Laien in Rom empfangen dürfen, den Bekennermut positiv beeinflusst?

Prälat Moll: Auch mein Promotionsstudium war mit dem Päpstlichen Kolleg Sancta Maria de Anima verbunden, das mich wie den neuen Seligen tiefgreifend geprägt hat. Insofern ist es mir eine Freude, einen Fürbitter zu haben, der das gleiche römische Kolleg mit mir geteilt hat. Die Erfahrung von Weltkirche weitet den Horizont, auch im Blick auf eine entschiedene Nachfolge in der Sendung des Auferstandenen.

[Prälat Professor Helmut Moll promovierte 1973 beim damaligen Professor Joseph Ratzinger, dem heutigen Papst Benedikt XVI.. Seit 1993 ist er Konsultor der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungen, seit 1998 ist er bei der Erzdiözese Köln für die Selig- und Heiligsprechungsverfahren zuständig. Er erstellte im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts „Zeugen für Christus“. Er ist Professor an der Gustav-Siewerth-Akademie in Weilheim.]

 

 

Artikel drucken

Dieser Beitrag wurde unter Religionsfreiheit - Menschenwürde veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.