Was echten Dialog ausmacht

„Mein Gegenüber hat das Recht anders zu sein“

AUGSBURG, 15. November 2011 (Vaticanista/SUV).- In Dänemark hat kürzlich eine kleine Gruppe von extremistischen Muslimen die Einführung von Scharia-Zonen gefordert. Dieses Ansinnen ist nicht neu, kehrt aber regelmäßig auf die Tagesordnung zurück. Mag der Koran tatsächlich Zwang in der Religion untersagen, so ist jedoch die Religionsfreiheit nach gängiger Auslegung des islamischen Rechts in Gefahr. Das hat der ägyptische Islamwissenschaftler Samir Khalil Samir, Jesuitenpater und Experte für die Geschichte des christlichen Orients, in einem Interview mit dem Sankt Ulrich Verlag betont. Er nimmt darin auch zu Inhalten seines neuesten Buchs „Muslime und Christen – Geschichte und Perspektiven einer Nachbarschaft“ Stellung, das in dem Augsburger Verlagshaus erschienen ist. Und Ko-Autorin Michaela Koller erklärt, warum Samir für sie als Fachfrau des interreligiösen Dialogs ein einzigartiger Gesprächspartner in Sachen Islam ist.

Pater Prof. Samir, passt die Scharia zum modernen, demokratischen Rechtsstaat?

Samir: Das entscheidet sich an der Frage, ob die Scharia über der Verfassung steht. Und für wirklich glaubenstreue Muslime gilt dies so, denn wenn es einen Konflikt mit einem weltlichen Gesetz gibt, dann folgt daraus, dass das Gesetz falsch ist. Theologisch hat sich im Islam zudem kein Begriff von Naturrecht entwickelt. Es gibt im Koran keinen Menschenrechtsbegriff. So ist etwa die Religionsfreiheit nach islamischem Verständnis falsch, weil sie sich in manchen Fällen gegen den Koran richtet. Der Vers, der besagt, dass es keinen Zwang in der Religion geben darf (Koran 2:256), wird in der gängigen Auslegung durch andere Koranstellen neutralisiert. Eigentlich ist jedoch dieser Koranvers als absolut zu sehen, während die Aussagen von anderen Passagen von bestimmten Bedingungen abhängen.

Pater Samir signiert sein neuestes Buch; Foto: Ferdinand Seizmair

Pater Samir signiert sein neuestes Buch; Foto: Ferdinand Seizmair

Wie kann denn ein Miteinander mit den Muslimen überhaupt künftig funktionieren?

Samir: Zunächst einmal muss ich sehen, was einen echten interreligiösen Dialog ausmacht. Echter Dialog ist es, wenn ich anerkenne, dass mein Gegenüber das Recht hat, anders zu sein als ich. Er muss nicht meine Meinung annehmen, um mein Freund zu sein. Er sollte auch nicht indifferent, also gleichgültig gegenüber den verschiedenen Religionen und Weltanschauungen sein. Heute wird überall Überzeugung mit Fanatismus und Fundamentalismus verwechselt. Wenn wir aber nicht Position beziehen, kommen wir nicht weiter.

Wenn es aber um die Menschenrechte geht, kann ich nicht sagen: „Du hast deine Meinung, aber ich habe meine.“ Die naturgegebenen Rechte des Menschen kommen vor der Religion; sie können nur universal gültig sein. Das bedeutet konkret, dass alle vor dem Gesetz dieselbe Würde haben. Auf dem Weg des Dialogs müssen wir nach gemeinsamen Prinzipien suchen. Im Naturrecht werden die Gebote als Naturgesetze gesehen, die als eine gemeinsame Ethik auch von Nichtgläubigen gesehen werden. Das wahrhaft Gemeinsame zwischen Christen und Muslimen, zwischen allen Menschen, ist unsere menschliche Natur. Mit diesem kollektiven Prinzip als gemeinsamer Grundlage ist es nun gleichgültig, ob religiöse Überzeugungen nun geteilt oder nicht geteilt werden.

Was hat Papst Benedikt XVI. zum Dialog der Christen mit den Muslimen beigetragen?

Samir: Es fing alles so richtig mit der Regensburger Rede an. Trotz der heftigen Reaktionen und wütenden Demonstrationen hatten zunächst nur wenige Muslime den Text der Rede gelesen. Es waren nur einige Sätze bekannt, die aus dem Zusammenhang gerissen worden waren. Eine Besserung der aufgeregten Situation brachte bereits die Einladung des Papstes noch im selben Monat nach der Rede an alle islamischen Botschafter. Bei der Gelegenheit erklärte er noch einmal die Kernaussagen seiner Ansprache. Nur einen Monat später reagierten 38 Islamgelehrte auf den Inhalt. Ein Jahr später schrieben 138 aus 43 Nationen, eine breit gefächerte Gruppe. Der Brief ist auch repräsentativ, weil sich die Absender damit an die gesamte christliche Kirche richteten. Der Papst hat also durchaus etwas in Gang gesetzt, das es vorher so noch nicht gab.

Worum geht es ihm im Kern?

Samir: Das Ziel des Papstes ist ein universaler Austausch. Wenn wir diesen führen wollen, dann muss er auf der Grundlage von Logik und Vernunft aufbauen. Das ist es, wozu Papst Benedikt in seiner Rede einlud. Und die Vernunft muss mit Ethos und Spiritualität verbunden sein. Er hat mich davon überzeugt, dass dieser Ansatz der Wichtigste ist. Und sein Vorschlag lautet: Wenn wir eine gemeinsame Basis zwischen Christen und Muslimen finden wollen, müssen wir vom religiösen Dialog abkehren und uns gemeinsam auf die humanistischen Grundlagen dieses Dialogs besinnen, denn nur diese sind universell und werden von allen Menschen geteilt.

Frau Koller, was erfahren wir sonst noch in dem Buch „Muslime und Christen – Geschichte und Perspektiven einer Nachbarschaft“?

Koller: Das Buch beginnt mit einer ausführlichen Darstellung Pater Samirs Biographie, die ich verfasst habe. Und im Anschluss an seinen sehr lehrreichen und dichten Aufsatz über die Geschichte der Nachbarschaft zwischen Muslimen und Christen schließt der Band mit unserem systematisch gegliederten und kompakten Interview rund um den Dialog mit dem Islam, nicht zuletzt auch wie ihn Papst Benedikt XVI. sieht. Wir reagieren damit auf den Umstand, dass der Jesuitenpater und Islamwissenschaftler Samir Khalil Samir zunehmend im deutschsprachigen Raum eingeladen wird, über die Religion Mohammeds, die Geschichte und Gegenwart der orientalischen Christen sowie den Blick der katholischen Kirche auf die muslimische Realität zu sprechen. Zudem bitten ihn immer mehr Medienvertreter zu Fragen Stellung zu nehmen, die letztlich das Zusammenleben der Menschen betreffen.

Bereits im September 2005, also noch vor der Regensburger Rede, war Pater Samir eingeladen, in Castel Gandolfo vor dem Papst und seinem Schülerkreis über den Islam zu reden. Mir ging es deshalb darum aufzuzeigen, in welchem Ausmaß er auch mit seiner Biographie Zeugnis für den Dialog ablegt, von dem er spricht. Rede und Leben, Theorie und Praxis sind bei Samir eins. Seit vier Jahrzehnten lebt und arbeitet er tatsächlich zwischen Orient und Okzident und schöpft so aus einem reichen Erfahrungsschatz, um seine Überzeugungen auch anschaulich und authentisch zu begründen.

Was bietet der Band Neues zum Dialog mit dem Islam?

Koller: Neben Inhalten, wie etwa dem kaum bekannten herausragenden Beitrag orientalischer Christen zur arabischen Kultur, hebt sich der Stil des vorliegenden Bandes von anderen Beiträgen zum Thema ab. Bevor der Sankt Ulrich Verlag auf mich mit dem Anliegen herantrat, an dem Projekt mitzuwirken, war ich selbst auf der Suche nach der Möglichkeit eines Interviews mit jemandem, der sowohl katholische Theologie, speziell die Geschichte des Christentums, sowie Islamwissenschaft studiert hat und über eine gewisse Reputation verfügt. Ich wollte mich mit dieser Person über einige Fragen des Dialogs unterhalten. Es sollte jemand sein, der weder relativiert noch polemisiert, aber auch nicht zu theoretisch bleibt. Ich liebe es, heiße Eisen in einer unaufgeregten Weise anzupacken. Das Profil passte ausgezeichnet zu Pater Samir. Sein nüchterner, realistischer Blick war mir schon positiv aufgefallen und ich habe mich außerordentlich über die Möglichkeit gefreut, mit ihm dieses Buch zu realisieren.

Artikel drucken

Dieser Beitrag wurde unter Interreligiöser Dialog, Nachrichten veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.