„Der Papst ist ein mutiger Mensch, der sagt, was er denkt“

Interview mit Abbé Raymond Bernard Goudjo von der Kommission Justitia et Pax in Benin

Von Michaela Koller

COTONOU, 19. November 2011 (Vaticanista/Die Tagespost).- Papst Benedikt XVI. kann den Menschen in Afrika Mut geben, Schritte in Richtung Frieden und Versöhnung zu tun. Davon ist Abbé Raymond Bernard Goudjo aus Cotonou in Benin fest überzeugt. Der Geistliche wirkte an den Vorbereitungen der Apostolischen Reise in das westafrikanische Land mit. Michaela Koller sprach mit Goudjo über die Erwartungen, mit denen das Oberhaupt der katholischen Kirche dort empfangen wurde, über die Rolle der Kirche und den Dialog mit der Voodoo-Religion.

Abbé Raymond Goudjo; Foto: privat

Abbé Raymond Goudjo; Foto: privat

Papst Benedikt XVI. hat am Freitag seine zweite Afrika-Reise angetreten, wo er das Schlussdokument der Afrika-Synode von 2009 übergeben wird. Mit welcher Haltung ist erwarteten ihn die Gläubigen in Benin?

Abbé Goudjo: Das, was die Katholiken vom Papst erwarten, ist besonders eine Botschaft des Friedens. Sie haben den Heiligen Vater mit großer Zuversicht und freudiger Überraschung hier empfangen. Es ist der dritte Papstbesuch überhaupt in Benin; zweimal zuvor war sein Vorgänger Papst Johannes Paul II. hier. Man setzt in die Wirkung des Papstbesuchs große Hoffnungen, weil man hier vielen Problemen begegnet, allen voran die grundlegend notwendige Versöhnung der Afrikaner mit sich selbst. Sie haben eine Art Minderwertigkeitskomplex entwickelt, der ihnen nicht gut tut und den es zu überwinden gilt. Zudem eilt dem Papst der Ruf voraus, ein sehr mutiger Mensch zu sein, der keine Kritik fürchtet und offen sagt, was der denkt. Er lädt uns dazu ein, uns selbst gründlich zu erforschen, wo wir dem anderen feindlich begegnen, um so Versöhnung zu ermöglichen. Ich bin überzeugt, dass er auf die Weise der Papst der Versöhnung sein wird.

Abbé Goudjo, was haben Sie persönlich im Vorfeld mit dem Papstbesuch zu tun gehabt?

Abbé Goudjo: Meine Aufgaben sind vielfältig. Ich bin im Organisationskomitee und kümmere mich um Fragen der Logistik und des Protokolls zum Empfang sowie schließlich des Transports. Das ist eine große Verantwortung, die mir anvertraut wurde. So muss ich dauernd von rechts nach links und von links nach rechts laufen (lacht).

Der Papst ehrt in diesen Tagen zwei bemerkenswerte kirchliche Würdenträger Benins. Da ist zum einen der 2008 verstorbene Kurienkardinal Bernardin Gantin, der erste Afrikaner in dieser Position, und zum anderen der ehemalige Erzbischof von Cotonou Isidore de Souza. Letzterer führte die „Nationale Konferenz“, die den Wandel vom marxistisch-leninistischen Einparteienstaat zu einem demokratischen Benin einleitete. Können diese beiden historischen Gestalten Vorbilder für die junge Bevölkerung in Benin sein?

Abbé Goudjo: Es ist richtig, dass die Jugend heute gar nicht genau um die Bedeutung dieser großen Zeugen weiß. Erzbischof Isidore de Souza lenkte das Land in Zeiten, als der Weg der Kirche und die gesellschaftliche Situation sehr hart und schwierig war. Er wirkte als Brücke auf dem Pfad dieses ehemals kommunistischen Landes hin zur Demokratisierung. Und Kardinal Gantin ist oft in Momenten schwierigster Konflikte eingeschritten. Sie waren jedoch eigentlich keine wirklich politischen Männer. Dennoch hörten viele auf sie. Noch heute, da die Situation komplizierter ist, wiegt das Wort der Kirche daher viel.

Was leistet die Kirche heute zum Wohlergehen Ihres Landes? Sie sind für die Kommission Justizia et Pax in Benin tätig und können sicher ein Beispiel aufzeigen.

Abbé Goudjo: Das, was wir heute beitragen können, ist einfach Bildung. Sie hat zwei Dimensionen: Inhalte, die der eine dem anderen Menschen lehrt und die elterliche Erziehung. Wahre Demokratie und wahre Entwicklung beginnt mit dem Gespräch und damit, sich gegenseitig anzuerkennen. Um ein Gemeinwesen aufzubauen, das sich am Gemeinwohl orientiert, braucht es vor allem ein entsprechendes Wertebewusstsein und Engagement der Menschen. Hierfür setzt sich die Kommission Gerechtigkeit und Frieden der Erzdiözese Cotonou ein. Es existiert hier keine soziale Absicherung im Armutsfall oder im Alter wie in Europa. Daher ist die Solidarität sehr wichtig, zu der die Menschen aber nur durch die entsprechende Bildung angeleitet werden. Wir erteilen Kurse in kirchlicher Soziallehre, allgemeinverständlich und für verschiedene Altersgruppen, sogar spielerisch für Kinder. Themen sind dabei Nutzung der Erde und die Verantwortung des Menschen, Konfliktlösung, Arbeit und Entwicklung. Aus Deutschland bekommen wir dazu Unterstützung von Missio und Misereor.

Wie gestaltet sich der interreligiöse Dialog in Ihrer Heimat, einerseits mit dem Islam und auf der anderen Seite mit der Voodoo-Religion?

Abbé Goudjo: Was den Dialog mit dem Islam betrifft, so haben wir keine Strukturen dafür. Das liegt daran, dass es sich oftmals um innerfamiliären Dialog handelt: In der weiteren Familie, Großeltern und Vettern eingeschlossen, leben Katholiken und Muslime und Anhänger traditioneller Religionen zusammen. Zu den traditionellen Bekenntnissen zählt auch die Voodoo-Religion. Die Menschen wechseln zudem ihre Religion und die Familien sind mit dem Phänomen alltäglich konfrontiert. Es herrscht daher eine positive Toleranz und ein Respekt voreinander vor. Es gibt aber auch fanatische Tendenzen. Diese sind jedoch in der Minderheit. So gibt es im Grunde kirchlicherseits zu allen Bekenntnissen gute nachbarschaftliche Beziehungen. Wir betrachten uns nicht gegenseitig als Gefahr. Aber es ist kein Dialog, wie er aus anderen Ländern Afrikas oder aus Europa bekannt ist.

[Erstveröffentlichung: © Die Tagespost, 19. November 2011]

 

 

 

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