Der Heilige Geist als innerer Lehrer

Arbeit über Peter Abaelard preisgekrönt

Von Michaela Koller

MÜNCHEN, 21. November 2011 (Vaticanista).- Für seine Dissertation über den frühscholastischen Denker Peter Abaelard hat der nur 24-jährige Theologe Michael Seewald vorige Woche den Kardinal-Wetter-Preis erhalten. Seewald, der Katholische Theologie, Philosophie und Politikwissenschaft in Tübingen, im indischen Pune und in Frankfurt am Main studierte, ist einer der Jüngsten unter Deutschlands Theologen mit Doktortitel. Während er noch Priesterseminarist in Rottenburg ist, lehrt er bereits Theologiegeschichte am Tübinger Collegium Ambrosianum. Zusammen mit seinem Regens Andreas Rieg kam auch sein Bischof Gebhard Fürst zur feierlichen Preisverleihung in die Münchner Ludwig-Maximilians-Universität.

Preisträger Seewald links mit Namensgeber Kardinal Wetter rechts; Foto: Dr. Robert Walser

Preisträger Seewald links mit Namensgeber Kardinal Wetter rechts; Foto: Dr. Robert Walser

Seewalds Forschungsgegenstand ist nicht minder ungewöhnlich: „Abaelard hat bereits bei seinen Zeitgenossen durch zwei Dinge Aufsehen erregt: seinen ungewöhnlichen Lebenswandel und seine originelle Lehre“, stellte der Preisträger in seiner Rede beim Festakt fest. Abaelard (1079 bis 1142) inspirierte wie kaum ein zweiter mittelalterlicher Denker die schönen Künste durch sein Leben, das bestimmt war durch seine außergewöhnliche Liebe zu seiner Schülerin Heloisa: Romane, Bühnenstücke und mindestens ein Musical erzählen seine Geschichte von Leidenschaft und Verzicht nach der Kastration durch Heloisas Onkel. Erst lange nach ihrem Tod fanden die beiden Liebenden wieder zusammen, als sie im 19. Jahrhundert eine gemeinsame Grabstätte in Paris erhielten. Und nicht einmal Papst Benedikt XVI. ließ das Leben des großen Denkers beiseite, als er vor einem Jahr in der Mittwochsaudienz ihn als „religiösen Geist“ von einer „unruhigen Persönlichkeit“ kennzeichnete. Sein Leben sei reich an Überraschungen gewesen. Er habe sich seinen Lehrern widersetzt und mit einer gebildeten und intelligenten Frau, Heloisa, ein Kind gehabt. Oft habe er mit seinen Kollegen polemisiert und sei auch von der Kirche verurteilt worden. Dennoch sei er in voller Gemeinschaft mit der Kirche gestorben, unter deren Autorität er sich mit einem Geist des Glaubens unterworfen habe.

Seewald wandte sich in seiner Arbeit der Gotteslehre des Abaelard zu, der der Vernunft einen hohen Stellenwert in Glaubensfragen einräumte und theologische Dispute mit dem heiligen Bernhard von Clairvaux ausfocht. Die preisgekrönte Doktorarbeit behandelt das Zusammenwirken von göttlicher Selbsterschließung und menschlicher Erkenntniskraft in Abaelards Denken. In Anlehnung an Augustinus erkennt der Philosoph aus Frankreich einen inneren Lehrer an, der im Intellekt des Menschen wohnt, nicht mit ihm identisch ist, aber auch nicht von Außen kommt. Diese Eigenschaft schreibt er dem Heiligen Gesit zu. Der innere Lehrer ist der Grund der Gotteserkenntnis. Die Methode der Gotteserkenntnis hingegen sei nach Abaelard der Ähnlichkeitsschluss, was wie Seewald in seiner Ansprache erklärt, die Art und Weise ist, „in der der menschliche Geist das ihm zur Verfügung stehende Material ordnet und auswertet.“ Indem er die Originalität Abaelards hinsichtlich der Erkenntnistheorie aufgearbeitet hat, dürfte auch die theologische Ideengeschichte umgeschrieben werden: Bisher dachten die Theologen, dass entsprechende Ideen erst gut hundert Jahre später aufkamen.

Der Preis, benannt nach dem früheren Münchner Erzbischof, ist eine Würdigung dessen Wirkens als Bischof und Wissenschaftler, der selbst über den schottischen Scholastiker Johannes Duns Scotus habilitiert hat. Er wird seit 2008 jährlich für Dissertations- und Habilitationsarbeiten aus allen theologischen Disziplinen verliehen. Die Vergabe des mit 1.500 Euro dotierten Preises erfolgt nach enger Absprache gemeinsam durch die Akademie und abwechselnd die katholisch-theologischen Fakultäten bzw. Institute der bayerischen staatlichen Universitäten und der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.

 

 

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