Klischees auf dem Prüfstand

AlfA-Vorstandsmitglied Linder schreibt Buch über Lebensrecht

Von Michaela Koller

AACHEN, 11. Dezember 2011 (Vaticanista/ Die Tagespost).- Ginge es nach den Chefs der Bundestagsfraktionen, so werden die Deutschen demnächst „mit so viel Nachdruck wie möglich“ gefragt, ob sie ihre Organe spenden möchten. Mit der sogenannten Erklärungslösung soll die Zahl der Organspenden in Deutschland erhöht werden. Die Zahl derer, die auf Organe warten, übersteigt die Zahl der „Spender“. Lebensrechtler laufen dagegen Sturm, während die Politiker argumentieren: „Sie retten dadurch anderen das Leben“.

Eine der führenden Lebensrechtlerinnen in Deutschland, Alexandra Linder, hat jetzt in einem Buch dieses Mantra zerlegt. In dem Buch „Lebensrecht – Abtreibung, Euthanasie, PID, Stammzellenforschung…“ knöpft sie sich gleich ein Dutzend weiterer moderner Irrtümer vor. Es falle schwer, Menschen mit Organversagen durch die Opposition gegen Organspende die Hoffnung auf ein langes Leben zu nehmen. Jedoch sei es berechtigt, die Frage nach dem Recht auf Leben auch in diesem Fall zu stellen – als Konsequenz neuester medizinischer Erkenntnisse über den Hirntod. Viele Ärzte und Wissenschaftler stellten dieses Kriterium inzwischen infrage. „Zum anderen werden Patienten, denen nach dem Hirntod Organe entnommen werden, trotz ihres „toten“ Zustands unter Narkose gesetzt, weil es während der Entnahme sonst zu starken körperlichen (Abwehr-?)Reaktionen kommen kann“, klärt die Autorin auf.

Auch andere, noch weniger verlässliche Transplantationskriterien rückt sie in den Fokus, wie etwa der Herzstillstand. Dabei konkurrierten zwei Optionen miteinander, „einerseits der Wunsch, den Patienten ins Leben zurückzuholen, andererseits das Vorliegen eines Organspendeausweises, der die Genehmigung für die Organentnahme enthält.“

Linder schreibt klar von einem „ethischen Dilemma“ zwischen Organentnahme und der Rettung des Patienten. Vor diesem Hintergrund leuchtet auch ein, warum etwa die Vorsitzende der „Christdemokraten für das Leben“ (CDL), Mechthild Löhr in einem Interview scharf die „Vergesellschaftung der Organe“ durch diesen Lösungsansatz des Einzelnen anprangerte.

Die Auswüchse des utilitaristischen Denkens zeigt Linder auch gleich auf, am Beispiel eines Ethik-Professors der Universität Oxford. Er fordert die Euthanasie für Wachkoma-Patienten, irreversibel Bewusstlose und sogenannte Terminal-Patienten auf Intensivstationen, um ihre Organe für die zeitweise Rettung von anderen Patienten entnehmen zu können. Im Februar dieses Jahres wurden in Belgien bereits Organe von Euthanasierten verpflanzt. In Deutschland dürfen, so erfährt der Leser, abgetriebene Kinder von ihrer Mutter „gespendet“ werden.

In Zeiten, in denen kirchliche Würdenträger fortgesetzt für Organspende als Zeichen besonderer Nächstenliebe werben, sind Linders klare Worte und die von ihr reichlich recherchierten Fakten dringend von Nöten. Es ist dem Verlag (MM Verlag, Aachen) zu danken, dass er die Reihe „Klartext und Klischees“ begründet hat, um in unserer schnelllebigen Zeit in aller Kürze brandaktuell Christen Entscheidungshilfen in die Hand zu geben. Die langjährige Fernsehmoderatorin Alexandra Linder wird dieser Aufgabenstellung auch gerecht, da sie die komplizierte Materie der Bioethik dicht und zugleich leicht verständlich argumentativ aufbereitet.

Ebenso wie die Organspende behandelt sie die Themen Euthanasie, Präimplantationsdiagnostik, Embryonale Stammzellenforschung, Künstliche Befruchtung, Abtreibung und Post-Abortion-Syndrom, Bevölkerungskontrolle, Künstliche Verhütung, Radikalfeminismus aber auch das Pro-Life-Engagement der Kirche und der Laien sowie die lebensrettende Gehsteigberatung. Auf all diesen Themengebieten entlarvt sie die Dogmen des Mainstream als in sich widersprüchlich, ideologisch fehlgeleitet oder einfach nur als moderne Irrtümer. Jedes Kapitel enthält als Zwischenüberschriften weitere wohlbekannte Aussprüche. Aufhorchen lässt dabei, was die Autorin, die selbst dreifache Mutter ist, zu den Mantras „Die Männer dürfen arbeiten gehen und ich versauere hinterm Herd“ und „Wirtschaftliche Unabhängigkeit steigert des Ansehen der Frauen“ zu sagen hat.

Um die Rollenverteilung zwischen Eheleuten zu beleuchten, blickt Linder in die Geschichte. Die Trennung von Wohnung und Arbeitsplatz, um die es im Kern geht, ist das Ergebnis einer Entwicklung im 19. Jahrhundert. Mit Recht verweist sie darauf, dass die Familie im volkswirtschaftlichen Sinn ein kleines Unternehmen für sich ist, in dem Mann und Frau zusammen an der Spitze stehen. Linder plädiert dafür, Familienarbeit, ob für die eigenen Kinder oder die ältere Generation, mehr zu achten. Sie fragt zudem, wieso Ansehen nur in Geldeinheiten zu messen sei und eine Tätigkeit im Schuhgeschäft erstrebenswerter sein soll, als die Tätigkeit einer Mutter mit mehrfachen ehrenamtlichen Herausforderungen. Wie diese Argumente, sind auch die zu den übrigen Themen sehr lebensnah formuliert. Das überrscht nicht, denn die stellvertretende Vorsitzende der Aktion Lebensrecht für Alle leitet selbst seit Jahren ein Telefon-Notruf-Projekt für Schwangere.

Linder, Alexandra M. „Lebensrecht: Abtreibung, Euthanasie, PID, Stammzellenforschung … MM-Verlag, 2011, 167 Seiten, 12,90 Euro

[Erstveröffentlichung: © Die Tagespost, 10. Dezember 2011]

 

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