Riskante Entscheidung am Tempelberg

Leben mit einem brandgefährlichen Provisorium

Von Michael Hesemann

JERUSALEM, 16. Dezember 2011 (Vaticanista/kath.net).- Nur zwei Tage nach ihrer Schließung hat die Stadtverwaltung von Jerusalem die hölzerne Brücke wieder geöffnet, die der einzige Zugang zum Tempelberg für Nichtmuslime ist. Der Streit um den Absturz des einsturzgefährdeten Bauwerks ist damit zunächst einmal beigelegt, die Eskalation, die drohte, auf einen späteren Zeitpunkt verschoben.

Jetzt dürfen also wieder Touristen und gläubige Juden den muslimisch kontrollierten Tempelberg betreten, wenn auch, nach wie vor, über eine extrem einsturzgefährdete Holzbrücke. Das ist kein Fortschritt, im Gegenteil, es ist eine Entscheidung, die Menschenleben riskiert. Ein einsatzbereites Fahrzeug der Feuerwehr muss jedenfalls fortan bereitstehen, so ordneten es die israelischen Behörden an. Eine bedeutungsvolle Geste an einem Ort, der längst zum weltpolitischen Pulverfass geworden ist, an dem der kleinste Funken genügt, um eine ganze Region explodieren zu lassen.

Wir erinnern uns: Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hatte den Abriss der Holzbrücke, die von Anfang an nur als Provisorium gedacht war, angeordnet, als Gutachter nach den letzten Regenfällen im November ihre extreme Baufälligkeit diagnostizierten. An ihrer Stelle sollte eine stabile Stahlbrücke auf Betonpfeilern errichtet werden. Dadurch wäre der Zustand des Tempelberges selbst nicht verändert worden, hätte kein Muslim einen Schaden erlitten, wäre allenfalls Schaden von den jetzt nach wie vor gefährdeten nichtmuslimischen Besuchern der auch Christen und Juden heiligen Stätte abgewendet worden. Doch Vernunft hat dort, wo drei Religionen und zwei Welten aufeinander stoßen, keine Chance. Die islamische Heiligtümerverwaltung, die Waqf, bestreitet nicht nur, dass auf dem Tempelberg einst ein jüdischer Tempel stand, sie unterstellt den Israelis gleich niederste Motive: Mit ihrer Brücke wollten sie die 400 Meter entfernt liegende al-Aqsa-Moschee zum Einsturz bringen!

Foto: M. Hesemann

Foto: M. Hesemann

So wetterte die radikalislamische Hamas vom Gaza-Streifen aus gegen die Schließung der baufälligen Brücke zum Mugrabi-Tor. Sie sei ein „Angriff auf die Heiligen Stätten des Islam“, der „das Schema der zionistischen Aggression“ gegen die al-Aqsa-Moschee zeige. Ja, es sei ein ganz und gar „gewalttätiger Akt“, erklärte Hamas-Sprecher Fawzi Barhoum. Der Hamas-Minister für Heilige Stätten, Salah al Ruk, sah in der Schließlung gar eine Kriegserklärung Israels und rief zu gewalttätigen Aufständen auf: „Wir fordern die Jerusalemer auf, stärker zu sein und sich dem zionistischen Feind entgegenzustellen, um die islamische Welt aufzuwecken. Sie sollten einen Volksaufstand beginnen, der das tote Gewissen der islamischen Welt wecken wird – das Gewissen der Völker und der Führer.“ Sogar der als gemäßigt geltende Palästinenserpräsident Mahmud Abbas stimmte zumindest inhaltlich zu: Israel sei nicht befugt, „Bauarbeiten an den Heiligen Stätten des Islam“ anzuordnen.

Das freilich hatte Israel auch nie geplant. Die Heiligen Stätten der Muslime, die al-Aqsa-Moschee und den Felsendom, hätte kein israelischer Arbeiter betreten. Nicht einmal das Mughrabi-Tor wäre durchschritten worden. Die neue Treppe wäre ausschließlich außerhalb des Tempelberggeländes, gleich neben dem jüdischen Frauen vorbehaltenen Gebetsplatz an der Klagemauer, errichtet worden.

Obwohl die israelische Regierung Jordaniens König Abdullah, den offiziellen „Hüter der Heiligen Stätten des Islam“ und direkten Nachkommen des Propheten Muhammad, um Vermittlung gebeten hatte, protestierte auch seine Regierung, als die Jerusalemer Stadtverwaltung am Montag die Schließung der Brücke anordnete. Dagegen protestierten in der Nacht zum Dienstag 20 nationalreligiöse Israelis, indem sie in das militärische Sperrgebiet an der Grenze zu Jordanien eindrangen und eine verlassene Kirche besetzten. Ihnen, so erklärten sie, raube die Schließung der Brücke die letzte Möglichkeit, das Gelände des einstigen jüdischen Tempels zu betreten. Und schließlich sollten sich die Jordanier gefälligst nicht in Israels innere Angelegenheiten einmischen!

Um die Lage nicht weiter eskalieren zu lassen, gab die israelische Polizei gestern Mittag den Zugang zur Mugrabi-Brücke wieder frei. Nur müsse fortan ein Löschwagen der Feuerwehr bereit stehen, da bei trockenerem Wetter zusätzlich Brandgefahr bestünde. Damit kehrte zumindest vorübergehend wieder Ruhe in das vorweihnachtliche Jerusalem ein. Denn daran, mit einem Provisorium zu leben, haben sich die Menschen im Heiligen Land längst gewöhnt – auch wenn ein solches, buchstäblich, brandgefährlich ist.

[Erstveröffentlichung: © kath.net, 16. Dezember 2011]

 

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