Symphonie oder der politische Aufstieg der russisch-orthodoxen Kirche Teil 1

Die Analyse einer Herrschaftslehre

Von Johannes Auer

MOSKAU, 20. Dezember 2011 (Vaticanista).- Religion spielt in der einen oder anderen Weise in allen Regionen der Welt eine Rolle. Selbst die hartnäckigsten Feinde der Religion müssen anerkennen, dass die Religion nicht tot ist und keineswegs eine untergeordnete Rolle als „kultureller Ballast“ spielt. Es geht im Folgenden darum, die Religion als geschlossenes weltanschauliches System mit ihrem konkreten politischen Selbstverständnis zu untersuchen, am Beispiel der russisch-orthodoxen Kirche. Sie ist eines jener religiösen Gebilde, die eine klare unverrückbare „politische Überlieferung“ aufweisen, diese durch alle Epochen hindurch bis hin zur Bedrohung ihrer institutionellen Vernichtung während der Sowjetunion beibehalten hat und im heutigen Russland diese Überzeugung in den tagespolitischen Diskurs mit Schärfe und Vehemenz einbringt.

Als vor einigen Wochen Patriarch Kirill öffentlich Partei für die Rückkehr von Premierminister Wladimir Putin als Präsidenten nahm, interessierte das die westliche Öffentlichkeit höchstens am Rande. Der russisch-orthodoxe Patriarch setzte damit ein klares Zeichen, ein höchst politisches Zeichen. Für die russische Kirche ist und war das Verhältnis zum konkreten Staat davon abhängig, wie gläubig und „russisch“ der jeweilige oberste Repräsentant der staatlichen Ordnung sich gebärdete, und welche konkrete Form jener Herrscher dem Verhältnis Kirche-Staat zu geben bereit war. Wir im Westen sind es gewohnt, dass die (Orts-)Kirche sich entweder gar nicht, oder aber dem „Zeitgeist“ entsprechend, zu staatlichen Angelegenheiten äußert, oft ist der westliche Beobachter also höchst erstaunt, dass die sogenannten „Ostkirchen“ hier eine ganz andere Linie vertreten und von dieser keineswegs zurückweichen. Die „Linie“, der die panorthodoxen Kirchen und hier besonders die Russische folgt, ist mit einem einzigen Wort zu beschreiben, mit „Symphonie“, einem Wort, das ein ganzes Konzept von Politik und Ekklesiologie beinhaltet.

Wer die Ostkirchen in ihrem politischen Anspruch recht verstehen will, der muss die Sphäre des rein „Geistigen“ verlassen und die Sphären, die durch Aufklärung, Moderne und Laizismus getrennt wurden (Politik und Glaube), gedanklich wieder in Einklang bringen. Die russische Kirche (und mit ihr die Panorthodoxie) hat diese Sphären nie getrennt, im Gegenteil: Eine Trennung verstünde sie als Bruch der Tradition.

Freilich, das abendländische „Reich“ und die „morgenländische“ Symphonie sind beide im christlichen Verständnis nicht unumstritten. Betrachtet man beide Konstrukte näher, so kristallisiert sich schnell heraus, dass sowohl das „Reich“, als auch die „Symphonie“ keineswegs mit „Gottesstaaten“ wie sie in der islamischen Welt existieren zu vergleichen sind, aber die beiden auf den ersten Blick so gleichen Systeme (Reich und Symphonie) sind im Detail wiederum sehr verschieden. Um die Position der russischen Kirche also recht zu verstehen, muss man auf die Wurzel der Symphonie achten und diese Wurzel kennt einen eschatologischen Moment, an dem sich die russische Kirche ihrer „Sendung“ in der Heilsgeschichte bewusst wurde.

Dieser eschatologische Moment ist der Zusammenbruch des byzantinischen Reiches und damit der, für die orthodoxe Kirche, wesentlichsten „Staatsform“ in ihrer konkret-weltlichen Gestalt. Der heute amtierende Patriarch Kirill nennt wörtlich die byzantinische Symphonie als Vorbild und Leitbild für das Verhältnis von Kirche und Staat. Aber was machte diese Form der Symbiose von Religion und Staat aus russisch-orthodoxem Blickwinkel so besonders?

Bevor allerdings diese konkrete Staatslehre im Mittelpunkt dieser Analyse stehen soll, sind die Grundlagen der Vorstellung von menschlicher Ordnung im orthodoxen Christentum genauer zu betrachten, denn nicht nur alle heutigen Entwicklungen, sondern auch die Symphonie wurzeln in einem Menschen- und Weltbild, das auf die Schöpfungsordnung zurückgeht, wie sie die orthodoxe Kirche deutet, die allein in Gott gründet. Aber es ist nicht die Schöpfung, also der paradiesische Urzustand, aus welchem die orthodoxe Staatslehre folgt, sondern es ist der Sündenfall.

Im Grunde genommen ist es schwierig von „Staatslehre“ zu sprechen, es wäre angebracht, und ich werde dies nun im ersten Teil auch tun, von „Herrschaftslehre“ zu sprechen, denn erst mit dem Aufkommen der Staaten im neuzeitlichen Sinn kann man von „Staatslehre“ sprechen. Die orthodoxe Kirche sieht, ganz der christlichen Tradition entsprechend, die Menschheitsgeschichte nicht als Evolution, sondern als Involution. Als „Rück“- und Entfernungsentwicklung vom göttlichen Ideal, vom Leben in und mit Gott. Gleichzeitig sieht sie die Welt- und Menschheitsgeschichte linear und keineswegs zyklisch. Es gibt also einen Ausgangs- und einen Endpunkt, der Sündenfall als Ausgangspunkt und das Jüngste Gericht als Endpunkt. Die Zeitspanne zwischen diesen Grundpfeilern der Menschheitsgeschichte ist geprägt von Verfall.

Mit allen Widersprüchlichkeiten kann man davon sprechen, dass folgerichtig jedwede Ordnung menschlichen Zusammenlebens nicht direkt „heilig“ sein kann. So drückt das von orthodoxer Seite wohl wichtigste Dokument zu diesem Thema in jüngster Zeit, die „Sozialdoktrin der Russich-Orthodoxen-Kirche“, die im Jahre 2000 verabschiedet wurde und die Handschrift des heutigen Patriarchen, damals Leiter des Kirchlichen Außenamtes, trägt. Dort heißt es: „Das alte Israel verkörperte bis zur Zeit der Könige eine authentische Theokratie, d. h. Gottesherrschaft, die einzige der Geschichte. Indem sich jedoch die Gesellschaft von der Gehorsamspflicht gegenüber Gott als dem Begründer der irdischen Angelegenheiten entfernte, kam bei den Menschen der Gedanke der Notwendigkeit eines irdischen Statthalters auf.“ So wird also die einzig gültige Theokratie, jene des alten Israels, als „Höhepunkt“ eines Verfalls gesehen. Auch die Monarchie als Staatsform wird in der Sozialdoktrin als Abstieg bezeichnet und sie könne lediglich die „Duldung“ Gottes beanspruchen, dem gegenüber gibt es freilich Staatsformen die auch keine „Duldung“ für sich beanspruchen können und somit gegen Gottes Willen stehen.

Die russisch-orthodoxe Herrschaftslehre fußt somit auf dem byzantinischen Symphonie-Bild, das Staat und Kirche zwar eng verwoben sieht, aber dennoch beide als getrennte Institutionen wahrnimmt. Besonders dann, wenn es darum geht sich von atheistischen Staaten zu distanzieren. Wenn – aus orthodoxer Sicht nur konsequent – selbst ein Monarch nur göttliche Duldung beanspruchen kann, so kann er dies nur dann, wenn er christlich („heiligmäßig“) regiert; herrscht er jedoch gegen die kirchlichen Gebote, so verliert er diese „Duldung“ als Person. Ein Beispiel hierfür wäre Peter I (der „Große“), der sich massiv in kirchliche Angelegenheiten einmischte und die Kirche quasi ihrer Eigenständigkeit beraubte. So kann man festhalten, dass die russische Kirche gemäß ihrem Bild der Geschichte der Ordnung des menschlichen Zusammenlebens als Rückentwicklung, eine Staatsform nach ihrem konkreten Verhalten beurteilt und damit ihrer Entsprechung mit der Symphonie.

Die Sozialdoktrin nennt denn auch konsequenterweise die byzantinische Symphonie als das Ideal schlechthin: „Die klassische Byzantinische Formel der Beziehung von staatlicher und kirchlicher Macht ist in der Epanagoge (2. Hälfte des 9. Jahrhunderts) belegt: ‚Die weltliche Macht und die Geistlichkeit verhalten sich zueinander wie Leib und Seele und sind für die staatliche Ordnung ebenso unentbehrlich wie Leib und Seele im lebendigen Menschen. In der Verbindung sowie im Einvernehmen zwischen ihnen liegt das Staatswohl begründet.‘ “

Diese Schlüsselstelle ist in der aktuellen Politik Russlands höchst präsent und an diesem Punkt kann man auch zur Analyse der gegenwärtigen russischen (Kirchen-)Politik kommen. Sie wird nicht nur von Patriarch Kirill häufig zitiert, sondern auch und gerade von (Noch-) Premier Wladimir Putin. Von Putin ist bekannt, dass er sich massiv für die Einigung der „Russisch-Orthodoxen-Kirche im Ausland“ (ROKA) mit dem Moskauer Patriarch einsetzte, die gerade durch seinen massiven Einfluss im Jahr 2007 stattfand. Die ROKA war jene Kirche, die den bolschewistischen Terrorattacken am entschiedensten widerstand und sich im Ausland formierte. Die ROKA ist sowohl theologisch als auch in ihrer Positionierung gegenüber den „modernen Ideologien“ wesentlich strenger eingestellt als das Moskauer Patriarchat und verkörperte und verkörpert einen großen Teil der stramm-antikommunistischen Diaspora. So sprach die ROKA die von den Kommunisten ermordete Zarenfamilie bereits 1981 heilig, während das Moskauer Patriarchat diesen Schritt erst im Jahr 2000 setzte. Putin sah und sieht in diesem Akt der kirchlichen Einheit die wichtigste Voraussetzung für die Einheit des russischen Volkes.

Man stelle sich nun vor, ein westliches Staatsoberhaupt würde die Einheit der römisch-katholischen Kirche als wichtigstes Element der Einheit dieses oder jenes Volkes bezeichnen. Man sieht an diesem Beispiel vielleicht besser als an jedem anderen, dass die russische Kirche, oder das „russische Christentum“, als das tragende Element der russisch-ethnischen Einheit wahrgenommen wird. Dies spiegelt sich im Deutschen wieder mit der Unterscheidung der beiden Begriffe „russländisch“ und „russisch“, hatte man sich nämlich im Zuge des Zusammenbruchs der Sowjetunion darauf geeinigt (gegen den Widerstand von Rechts-Nationalisten, Kommunisten und einem Teil der Monarchisten), dass der neue Staat keine ethnische Grundlage haben solle, also nicht ausschließlich ein Staat der ethnischen Russen, sondern keiner bestimmten Ethnie, ein Umstand der etwa den diversen Minderheiten in Russland geschuldet war, so kann man im Gegenzug feststellen, dass das „Russische“ klar mit der „Orthodoxie“ verbunden wird und die orthodoxe Kirche in der Tat ein Interesse daran hat alles „Russische“ zu repräsentieren.

Im Grunde genommen käme eine Staatsdefinition, die auf der Idee der Definition des Nationsbegriff nach der Französischen Revolution fußt (wer sich zu den Idealen der „Tricolore“ bekennt, ist gleichberechtigter französischer Bürger), also eine nicht-ethnische, dem monarchischen „Reichsgedanken“ heutzutage entgegen. Denn Untertan kann im Sinne des Reichsgedankens jeder unabhängig von Religion und Ethnie sein, der sich zum konkreten Monarch oder zum „Imperium“ bekennt. Wenn man aber die Russländische Föderation zu einem ethnischen Staat der Russen erklärt hätte und „russisch“ nicht nur ethnisch-modern versteht, sondern viel mehr primär religiös (wie das im Falle der russischen Kirche in der Tat der Fall ist), dann würde das bedeuten, dass beispielsweise die Wiege des russischen Christentums, nämlich Kiew, ein Teil des russischen – genau genommen „russländischen“ – Herrschaftsgebietes wäre. Denn die Religion ist aus orthodoxer Sicht wesentlicher Teil der Ethnie.

Dies führt so weit, dass nicht selten Konvertiten zur Orthodoxie quasi in die „Ethnie“ aufgenommen werden, dies freilich auch, weil es keine autokephalen orthodoxen Kirchen in Deutschland oder Österreich gibt. Ein Beispiel ist Erzbischof Mark von Berlin und Deutschland, der gebürtiger Deutscher ist und ein äußerst einflussreicher Erzbischof der ROKA. Er konvertierte 1964 während seines Slawistikstudiums zur Orthodoxie. Eine solche Konversion geht aber nicht selten mit dem Faktum einher, dass solche Konvertiten dann die Geschichte und die Politik des jeweiligen Staates, in „dessen“ Kirche er aufgenommen wurde, mit Zähnen und Klauen verteidigen.

[Ende Teil 1. Teil 2 erscheint am Mittwoch. Erstveröffentlichung der ungekürzten Originalfassung: © Paneuropa Österreich, Dezember 2011]

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