Symphonie oder der politische Aufstieg der russisch-orthodoxen Kirche Teil 2

Die Ukraine

Von Johannes Auer

MOSKAU, 21. Dezember 2011 (Vaticanista).- Für uns Mitteleuropäer lohnend ist es, sich im Zusammenhang mit der Staats-Kirchenlehre, die ja auch ein Teil der Symphonie ist, eindringlicher mit der Frage der Ukraine auseinanderzusetzen. An diesem Beispiel wird deutlich, welche konkreten politischen Auswirkungen die Symphonie und damit das Verständnis von „russisch“ als „orthodox“ für die aktuelle Politik haben. Wenn man wirtschaftliche Aspekte für einen Moment außen vor lässt, so wird deutlich, dass die russisch-orthodoxe Kirche (Moskauer Patriarchat) gerade die Ukraine als Teil Russlands sieht und eine dementsprechende Politik verfolgt, die die offizielle russländische Politik zu nutzen weiß.

Beginnen wir mit einem Rückblick in das Jahr 2009. Patriarch Kirill besucht die Ukraine. Massive Proteste werden angekündigt gegen diesen Besuch. Und an dieser Stelle stellt sich uns die Frage, warum gerade der Besuch eines hohen Geistlichen eine derartige Emotion hervorruft. Kann man nicht im 21. Jahrhundert davon ausgehen, dass der Besuch einer geistlichen Autorität in einem Nachbarland, auf gut deutsch, niemanden juckt? Nun, das ist nicht der Fall und das hat konkrete Gründe. Patriarch Kirill traf in der Ukraine ein, um am Wladimir-Denkmal ein Gebet zu sprechen. Fürst Wladimir christianisierte einst die „Rus“. Sofort brandete Empörung unter ukrainischen Nationalisten auf, die diesen Akt als ein Symbol für den Willen Russlands, das heißt seiner Kirche, die Ukraine zu „kolonialisieren“.

Zu dieser Zeit war noch Präsident Juschtschenko im Amt, der für eine eigene „ukrainisch-orthodoxe“ Kirche eintrat. Neuerlich beobachten wir den in der Orthodoxie weit verbreiteten Zusammenhang zwischen Nations- und Kirchenzugehörigkeit. Diese für die russische Kirche nachteilige Situation änderte sich allerdings mit der Wahl Viktor Janukowitschs, dem russisch-freundlichen Präsidenten der Ukraine. Ein Höhepunkt der Unterstützung Janukowitschs durch das Moskauer Patriarchat wurde mit der Aussage Patriarch Kirills erreicht, in welcher der Patriarch in einem Interview mit dem russischen Fernsehsender „Vesti24“ den ukrainischen Präsidenten als „tiefgläubigen Mann“ bezeichnete. Es lohnt sich, diese Passage wörtlich zu kennen: „Als Politiker stützt er sich auf die orthodoxe Weltanschauung, er ist ein tief gläubiger Mensch. Im Rahmen des Rechts und der Verfassung dient er der geistigen Aufklärung seines Volkes – natürlich mit den Mitteln, die seinem hohen Amt zur Verfügung stehen.“

Der Patriarch wurde im Jahre 2010 noch deutlicher. Auf einer Reise in der Ukraine gab er den ukrainischen Abgeordneten Empfehlungen zum Verfassen von Gesetzen und äußerte sich über den Schaden, die die „politische Korrektheit“ anrichte. Er bekräftigte zwar, dass er die Souveränität von unabhängigen Staaten nicht in Frage stelle, aber für jeden Beobachter ist selbstverständlich, dass das Moskauer Patriarchat niemals eine unabhängige „ukrainisch-orthodoxe“ Kirche anerkennen wird. Wie wir also sehen, ist die russisch-orthodoxe Kirche nicht nur ein wichtiger politisch-kultureller Faktor in der Nachbarschaftspolitik der Russländischen Föderation, viel mehr verfolgt die Kirche eine eigene, ihrem Selbstverständnis entsprechend zutiefst „russische“ Agenda. Und zwar aus eigenen Motiven und nicht nur als „Klüngel“ der Regierung.

Wenn wir nun den Blick auf das aktuelle politische Innenleben der Russländischen Föderation lenken, so können wir feststellen, dass die Kirche auch hier deutliche Akzente setzt. Als etwas amüsanten Aufhänger zu diesem Themenkreis kann man die Meldung der Nachrichtenagentur Ria Novosti heranziehen, die am 6. September 2011 meldet, ein Priester der russisch-orthodoxen Kirche wolle zur Präsidentschaftswahl antreten. Iwan Ochlobystin, der offensichtlich nicht ganz ernst zu nehmen ist, versuchte sich bereits als weltlicher Schauspieler. Die russische Kirche betonte, dass Priester für keinerlei politische Ämter kandidieren dürften, dieser Priester sei zwar bei der Kirche angestellt, halte aber derzeit keine Gottesdienste. Nun, in diesem Fall distanziert sich die Kirche von ihrem Priester, diese skurril-amüsante Meldung kann allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass die russische Kirche vermehrt und aktiv wieder in die Politik eingreifen will und sie tut dies bereits aktiv.

Was man dabei nicht vergessen darf ist, dass die russisch-orthodoxe Kirche fast ein ganzes Jahrhundert verfolgt wurde. Ein Umstand, in dessen Licht der Aufstieg der Orthodoxie in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts und im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts wie ein Wunder wirken muss. Von der Ermordung der Zarenfamilie bis zu ihrer Kanonisation durch das Moskauer Patriarchat ist fast ein Jahrhundert vergangen und in dieser Zeit war die Kirche mehrmals von Krisen und nahezu lebensbedrohlichen Situationen gebeutelt. Präsident Medwedjew zollte diesem Umstand erst kürzlich seinen Respekt, als er bei einem Treffen mit orthodoxen Gläubigen am 5. November sagte: „Offen gesagt, konnte ich mir vor 15 oder 20 Jahren gar nicht vorstellen, dass diese Wiedergeburt und das Bekenntnis einer riesigen Zahl unserer Bürger zum (orthodoxen) Glauben in so schnellem Tempo erfolgen würden.“ Und wieder ist es Patriarch Kirill, der von Medwedew besonders hervorgehoben wird: „Dank unseren gemeinsamen Aktivitäten, dank der Position des Staates, dank Anstrengungen des Patriarchen kooperiert die Kirche fruchtbringend mit staatlichen Einrichtungen und gesellschaftlichen Institutionen.“

Was wir als Außenstehende bei all diesen Ereignissen nicht vergessen dürfen ist, dass die russische Kirche nicht den Status einer Staatsreligion inne hat. Besonders hob der Präsident auch die Einführung des Schulfachs „Grundlagen religiöser Kultur“ hervor, das ab kommendem Jahr an Russlands Schulen unterrichtet werden wird, ein Umstand der mit Spannung erwartet werden darf. Dies alles ist ein Zeichen der offenen und deutlichen Rückkehr der russisch-orthodoxen Kirche als Kraft des Meinungsbildungsprozesses, als Teil der politischen Öffentlichkeit. In diesem Licht ist es auch zu sehen, wenn Patriarch Kirill das orthodox-byzantinische Symphonieprinzip als Vorbild für die Beziehungen zwischen Kirche und Staat hervorhebt, in diesem Licht ist es zu sehen, wenn, wie kürzlich geschehen, die orthodoxe Kirche erwägt, ihren Priestern (in „außerordentlichen Fällen“) die Kandidatur zur Staatsduma zu erlauben.

Fast einhundert Jahre staatlicher Atheismus konnten die russisch-orthodoxe Kirche nicht in die Knie zwingen. Die russische Kirche ist heute wieder als (innen-)politischer Akteur zurückgekehrt und sie schickt sich an, wieder zu dem tragenden Element der russischen Nation zu werden. Das Symphonie-Prinzip erlebt eine Renaissance. Es ist aber keineswegs nur historische Reminiszenz, die dieses Prinzip wieder in das öffentliche Bewusstsein bringt, sondern es ist aktuelle Machtpolitik und diesen Umstand gilt es zu beachten. Patriarch Kirill: „Uns ist es gelungen, dieses Modell (das Symphonie-Modell, Anm. d. Verf.) wiederherzustellen und im realen Leben umzusetzen“. Dem ist nichts hinzuzufügen.

[Ende Teil 2. Teil 1 erschien am Dienstag. Erstveröffentlichung der ungekürzten Originalfassung: © Paneuropa Österreich, Dezember 2011]

 

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