Hoffnung auf die Stimme der Vernunft

Was die Kopten von den Muslimbrüdern und den Salafisten real erwarten

Von Emile Amin*

Der koptische Politikwissenschaftler Emile Amen; Foto: privat

Der koptische Politikwissenschaftler Emile Amen; Foto: privat

KAIRO, 2. Januar 2012 (Vaticanista/Die Tagespost).- Die Mehrheit der ägyptischen Muslime hat koptische Vorfahren, die Islam als Religion angenommen haben. Davon ausgehend und angesichts der weiteren Entwicklungen stellt sich die Frage: Sind die Kopten tatsächlich eine von vielen Minderheiten im Nahen Osten und in der arabischen Welt? Sind sie ein Pendant zu den Kurden im Irak, den Berbern in Nordwestafrika, den Christen im Südsudan und anderen?

Offensichtlich sind sie es nicht. Sie sind unter ethnischem Aspekt nicht mit den Kurden im Irak oder mit den Berbern in Nordwestafrika vergleichbar. Sie sind unter religiösem Aspekt nicht mit den Drusen oder den Armeniern in Israel und im Libanon vergleichbar.

Der hier vorgesehene Platz reicht sicher nicht aus, um den Patriotismus der ägyptischen Kirche in den letzten Jahrhunderten zu erläutern. Sie lehnte den Schutz des russischen Zaren ebenso ab wie die Versuche des britischen Gesandten Evelyn Baring, 1. Earl of Cromer, die ägyptische Kirche unter britischen Schutz zu stellen. Ebenso weigerten sich die Kopten nach dem Camp-David-Abkommen – auf ausdrückliches Geheiß des Oberhauptes der koptisch-orthodoxen Kirche, Papst Shenouda III. – bis vor kurzem, Jerusalem zu besuchen, ebenso wie die Muslime Ägyptens und der arabischen Welt.

Wenn das für die Geschichte gilt, was veranlasst dann die wohlhabenden Ägypter – und insbesondere die koptische Mittelschicht – über Emigration nachzudenken? In den westlichen Medien wie etwa die Nachrichtenagentur Agence France Presse ist davon ebenso die Rede wie in meinem Familien- und Bekanntenkreis.

Zweifellos war das Regime des ehemaligen ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak für die Kopten nicht gerade vielversprechend oder ermutigend. Dem damaligen Innenministerium unter Vorsitz von Habib al-Adli wird auch weiterhin die unmittelbare Verantwortung für den Anschlag auf die koptisch-orthodoxe Kirche Sankt Markus und Sankt Peter in Alexandria in der Silvesternacht 2010 vorgeworfen. Die säkulare Regierungsform machte den Kopten jedoch weniger Angst als eine Regierungsform, die aus den politischen Strömungen des Islam heraus entstehen könnte, an deren Spitze die Muslimbruderschaft und die Salafisten stehen.

Zweifellos gab es in der ersten Phase der Parlamentswahlen eine spürbare religiöse Polarisierung – auf der einen Seite die islamischen Strömungen, auf der anderen die Kopten, Liberalen und Linken, die jeglicher Wahlethik trotzte, besonders in der Zeit, in der keine Wahlpropaganda stattfinden sollte.

Trotz der offiziellen Ablehnung der koptischen Kirche, irgendeine politische Strömung zu unterstützen, die in der Erklärung des sehr einflussreichen Jugendbischofs Moussa zum Ausdruck kam, gibt es ein stillschweigendes Übereinkommen, die Demokratische Front Partei zu wählen, als die beste und brauchbarste Option für Ägypten. Die meisten ihrer Kandidaten sind Muslime, aber ihr Name steht in Verbindung mit dem koptischen Unternehmer Naguib Sawiris. Hier liegt der religiöse Aspekt der Wahlen, der sich auf ihre zweite und dritte Phase auswirken wird. Dieser Wahltrend führte dazu, Millionen von Wählern für die Muslimbruderschaft und die Salafisten gegen den bekannten koptischen Unternehmer zu mobilisieren.

Nach Ansicht vieler Kopten zeigen die Ergebnisse der ersten Phase, in der die Muslimbruderschaft 40 Prozent der Stimmen bekam, die Salafisten 20 Prozent und die Demokratische Frontpartei 15 Prozent, dass ihre Befürchtungen im Hinblick auf eine islamische Herrschaft wahr werden. Diese werden noch verstärkt durch viele Erklärungen besonders seitens salafistischer Kandidaten, die neu sind im politischen Leben in Ägypten, anders als die Muslimbrüder, die Erfahrungen in der Politik haben. Als die Bewegung der Muslimbruderschaft einst gegründet wurde, schlossen einige Kopten sich ihr an. Der Kopte Rafiq Habib, der Sohn des ehemaligen Oberhaupts der Evangelischen Kopten Samuel Habib, nimmt heute einen sehr hohen Rang innerhalb der Muslimbruderschaft ein.

Ist die Furcht der Kopten vor der Muslimbruderschaft berechtigt oder übertrieben? Wir stellten diese Frage Raschad Al-Bayumi, dem stellvertretenden Vorsitzenden der Muslimbruderschaft. Ihm zufolge ist sie dem ehemaligen Regime zuzuschreiben, das die Muslimbruderschaft als Abschreckung gegenüber allen Kräften in Ägypten gebrauchte, einschließlich der Kopten. Er sagt, dass zu der Zeit, in der während der Revolution die Sicherheit zusammenbrach, kein einziger Übergriff auf eine Kirche in Ägypten stattgefunden habe. Die Kopten selbst könnten bezeugen, dass die Muslimbruderschaft damals die Kirchen schützte. Für Al-Bayumi wird die positive Beziehung zwischen den Kopten und der Muslimbruderschaft durch die Verbindungen herausragender Kopten wie Istifan Basily, Makram Ebeid und Kamal Akhnokh zum Gründer der Bewegung, Hassan Al-Banna, belegt.

Diese Argumentation wird von koptischen Intellektuellen positiv aufgenommen. Zu ihren Vertretern gehören Männer wie Rafiq Habib, der sagt, dass die Meinung der Kopten über eine gemäßigte islamische Bewegung wie die Muslimbruderschaft zu etwa 80 Prozent an der Wirklichkeit vorbeiginge. Er sagt, dass diese Einschätzung sich nicht auf Fakten stütze. Die Kopten seien der Meinung, dass die Übernahme der Regierung durch eine islamische Bewegung eine große Gefahr darstelle, die ihre Existenz, ihre Position sowie Rechte in Gesetz und Verfassung bedrohe. Gibt es Gründe, die zur Bildung einer solchen Meinung geführt haben?

Dem koptischen Experten zufolge ja. Zunächst einmal gehe die Muslimbruderschaft religiösen und propagandistischen Aktivitäten nach. Dies beunruhige die Christen, weil sie einen anderen Glauben haben und weil die Kopten das islamische Denken und die verschiedenen islamischen Strömungen, ihre Struktur, ihr Denken und ihre Organisation nicht kennen.

Das zweite Problem ist, dass zwischen der Muslimbruderschaft und den Kopten keine wirkliche Zusammenarbeit stattfindet, weil ihre Sozialarbeit und Verbandstätigkeit unter Mubaraks Herrschaft rechtlich eingeschränkt war. Früher gab es einmal mehr Zusammenarbeit an den Universitäten und in Verbänden.

Außerdem standen die Kopten unter dem starken und unmittelbaren Einfluss der Regierungsmedien, der westlichen Medien und der Medien der säkularen Elite in Ägypten. Dadurch spiegelte ihre Sichtweise diejenige der säkularen Medien wider.

Während die Ansichten von Al-Bayumi und Habib Realismus und Hoffnung auf Zusammenarbeit zum Ausdruck bringen, vermittelt die Haltung einiger strenger Salafisten das Gegenteil. Auch einige persönliche Aussagen, die Mitgliedern der Muslimbruderschaft zugeschrieben werden, versetzen die Kopten in Angst und Schrecken, aber nicht so sehr wie die Haltung der Salafisten.

Mohammed Nur, Pressesprecher der salafistischen Al-Nour-Partei, sagt: „Den Christen auch nur ein Haar zu krümmen, widerspricht unserem Programm.“ Auch Isam Dirbala, der Vorsitzende des Vorstandsrates der Islamischen Gemeinschaft, sagt, dass seine Partei möchte, dass die neue Verfassung „die islamische Identität und die Rechte der Nichtmuslime wahrt“. Viele Stimmen aus beiden Bewegungen klingen jedoch ganz anders. Abdel Munim al-Schahat, der bekannteste Salafist in Alexandria, sagt, dass Kopten nicht im Parlament sitzen dürfen, sondern sich mit Positionen in Beratung und Verwaltung zufriedengeben müssen. Internetseiten und soziale Netzwerke wie Facebook und Youtube sind voll mit seinen Ansichten und Aussagen gegen die Kopten, ihre Kirchen und ihren „Unglauben“.

All das führt dazu, dass die sozial schwachen Kopten sich ängstlich isolieren und die finanzkräftigen Ägypten verlassen. Einige meinen, dass den Kopten die Kopfsteuer auferlegt werden sollte. So sagte Ahmed Umran, der Kandidat der Salafisten der Al-Nour-Partei im Gouvernement Asyut, die Kopten dürften nicht vergessen, dass „wir Muslime sie aus den Händen der Römer befreit haben und der Tribut nur einen halben Dinar umfasst“.

Scheich Adel Schehato, eine führende Persönlichkeit in der Gemeinschaft des Islamischen Dschihad, sagt, dass sobald die Gemeinschaft in Ägypten an die Herrschaft kommt, die Christen den Tribut zahlen oder das Land verlassen müssen. Von Muslimen werde hingegen verlangt, Almosen zu geben. In einem Gespräch mit der ägyptischen Zeitung „Rose-al-Youssef“ in diesem Monat gab er zu, gegen die Demokratie zu sein, da sie nicht der Religion des Islam, sondern der Religion der Juden und Christen entspräche. Er fügte hinzu: „Die Christen haben ein Recht auf die Durchführung ihrer Riten, aber wenn sie Probleme machen, werde ich sie zerschlagen“.

Konnte bei einer solchen Polarisierung die erste Phase der Parlamentswahlen neutral verlaufen? Haben all diese Dinge die Gewissheit der Kopten, Ägypter zu sein, erschüttert, insbesondere nachdem sie gemeinsam mit ihren muslimischen Mitbürgern zum Tahrir-Platz gezogen sind und durch Tausende von Verletzten ein großes Opfer gebracht haben, um „ein neues Ägypten“ zu erlangen?

Die erste Frage haben wir dem bekannten koptisch-ägyptischen Oppositionsführer George Ischak gestellt, dem Gründer der Bewegung “Kefaja“ (Genug), die entscheidend dazu beigetragen hat, ab 2005 in das stagnierende Leben der Parteien und der Politik in Ägypten Bewegung zu bringen. Er brachte seine Enttäuschung über die Vorherrschaft religiöser Strömungen bei den Wahlen zum Ausdruck. Sie veranlasste ihn, dass das Ergebnis seines Wahlbezirks Port Said in Frage zu stellen, weil sein Rivale Akram al-Schahir auf religiösen Versammlungen gegen ihn predigte. Im Fernsehen sagte George Ischak oft, dass die Muslimbruderschaft in Port Said deutliche Weisungen gab: „Wählt keinen Christen, das ist gegen das Gesetz“.

Zwar sind die Hintergründe und die Ängste real, aber ihnen steht das rationale patriotische Denken der Kopten entgegen. Bischof William Kyrollos, der Metropolit der katholischen Kopten in Asyud, sagt, dass man keine Angst vor der Zukunft haben muss: „Wir sind sicher, dass Gott die Geschichte lenkt und dass das große ägyptische Volk in eine bessere Zukunft gelangen und den frischen Wind der Freiheit genießen will. Daher müssen wir in dieser Übergangssphase Schwierigkeiten und Nöte überwinden.”

Er meint auch, dass die jungen Menschen, die die Revolution entzündet haben, Übergriffe nicht stillschweigend hinnehmen, sondern erneut Reformen verlangen werden.

„Ägypten ist unser Land. Wir werden es unter keinen Umständen verlassen bis nicht das volle Bürgerrecht, die gegenseitige Achtung und Rechtsgleichheit hergestellt sind“, sagt er. Wir freuen uns, dass wichtige Persönlichkeiten der ägyptischen Revolution für die Kopten Partei ergreifen und ihre Bedeutung und Rolle im ägyptischen Nationalgefüge kennen. Einer von ihnen ist Scheich Mazhar Schahin, der berühmte Redner vom Tahrir-Platz, der kürzlich gesagt hat, dass die ägyptischen Muslime ihre christlichen Mitbürger nicht auswandern lassen werden, denn Ägypten sei für Muslime und Christen. Er erläuterte, dass ein Sieg der Islamisten nicht bedeute, dass die Christen keine Rolle mehr spielen. Wenn das ägyptische Volk merke, dass ein Christ verfolgt werde, dann wird es gegen einen Muslim für den Christen Partei ergreifen.

Nagih Samaan – Mitglied des ägyptischen Komitees Justitia et Pax – sagt, dass der Aufstieg der Islamisten die Kopten auf der Ebene des Glaubens und der Religion nicht erschreckt. Seiner Ansicht nach versetzt auch der Gedanke der Anwendung der islamischen Scharia die Kopten nicht in Angst und Schrecken, denn die meisten ägyptischen Christen seien ehrlich in dem, was sie tun und was sie sagen, und suchten auch mit den Feinden den Frieden.

Die Furcht der Kopten ist jedoch verständlich, wenn sie daran gehindert werden, ihren Ritus durchzuführen und ihre Glauben zu bekennen. Im Zusammenhang mit dieser Furcht erklärte der Rat der Kirchen des Nahen und Mittleren Ostens (MECC) auf offizieller Ebene im Rahmen seiner Versammlung in der vergangenen Woche, dass er die Emigration ostkirchlicher Christen aus ihren Ländern grundsätzlich ablehne, betonte die Notwendigkeit der Koexistenz und unterstützte Reformen und Veränderungen. Wenige Tage zuvor hatte die Abschlusserklärung des im Libanon abgehaltenen Rates der Patriarchen der katholischen Ostkirchen seinen Appell an die Christen bestätigt, festzuhalten an ihrem Land und ihren Kirchen, an der Zusammenarbeit, an der Unterstützung des Austauschs mit gemäßigten Kräften, am Glauben, dass die Religion ein Weg zu Gott und zum wahren Frieden ist, und am Bau von Brücken unter den Bürgern eines Landes, die dieselbe Erde bewohnen und dasselbe Schicksal miteinander teilen.

Wird es der Stimme der Vernunft und den Befürwortern der Koexistenz gelingen, den Kopten ihre Ängste zu nehmen? Wir hoffen es.

*Der Autor ist koptisch-katholisch, Politikwissenschaftler und Publizist. Er ist für internationale Medien tätig und lebt in Kairo.

[Übersetzung aus dem Englischen von Claudia Kock.

Erstveröffentlichung: © Die Tagespost, 29. Dezember 2011]

 

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