Zurück zum Ursprung

Interview mit dem katholischen Publizisten Dario Pizzano

ERFURT, 2. Januar 2012 (Vaticanista).- Der Buchautor Dario Pizzano hat ein ausschweifendes und hungriges Leben geführt, bevor er im Jahr 2005 zum christlichen Glauben fand. „Mein Leben zuvor war eine ständige Suche nach dem Sinn des Lebens, gepaart mit einer panischen Angst vor dem Tod“, erinnert er sich heute. Andreas Breitkopf sprach mit ihm darüber, wie die Entdeckung oder Wiederentdeckung des Glaubens nicht nur den Einzelnen, sondern auch die ganze Kirche verwandeln kann.

Wie Papst Benedikt XVI. in der Ansprache zum Weihnachtsempfang der Römischen Kurie erneut betont hat, befindet wir uns in Europa in einer Krise. Er sagte, der Kern der Krise, der Kirche in Europa sei die Krise des Glaubens. Wenn wir auf sie keine Antwort finden, wenn Glaube nicht neu lebendig wird, tiefe Überzeugung und reale Kraft von der Begegnung mit Jesus Christus her, dann bleiben alle anderen Reformen wirkungslos“. Wie sehen Sie das?

Dario Pizzano: Das sehe ich genau so, ja. Ich glaube, das nicht äußere Reformen den Glauben hervorbringen, sondern umgekehrt, der Glaube oft eher dort ist, wo weniger von Reformen die Rede ist. Ich habe mich sehr gefreut, das der Heilige Vater für das neue Jahr 2012, das „Jahr des Glaubens“ ausgerufen hat. Meine noch jungen Erfahrungen im kirchlichen Dienst, als auch im persönlichen Umfeld zeigen mir, das das Wissen um den Glauben häufig sehr gering ist. Wir müssen uns wieder neu bewusst machen, was der Glaube eigentlich ist. Eine lebendige Beziehung, ein Ja zu Jesus Christus, zum lebendigen Gott! Romano Guardini* hat gesagt: „Geborgenheit im letzten schenkt Gelassenheit im Vorletzten.“ Der Glaube ist ein gemeinsamer Weg, der meinem Leben eine unverlierbare Hoffnung vor Augen stellt: Am Ende der Tage wartet nicht der Tod, sondern Gott auf mich! Das ist die sensationelle Botschaft, die Christus gebracht hat.

Dennoch können wir uns nicht auf eine reine Innerlichkeit zurückziehen…

Dario Pizzano: Natürlich muss der Glaube institutionell getragen sein, sonst verkommt er zu einer Weltflucht. Natürlich müssen wir uns Gedanken machen, wie wir strukturelle Probleme lösen. Dennoch ist doch die wichtigere Frage: Wo ist der Glaube, der Geist Gottes zu finden, wo sind die wahren Aufbrüche in der Kirche? Dort müssen wir hin, dort müssen wir mit Einrichtungen helfen, den Glauben zu stützen. Das verstehe ich unter einer wahren Reform: zurück zum Ursprung! Jeder einzelne sollte sich wieder neu auf den Weg zu Christus machen und sich neu von ihm re-formen lassen. Wenn ich in Christus Gott begegne, erfahre ich eine erlösende, mir geltende, ewige Liebe, die meinem Leben echte Freude und Weite schenkt. Davon ist mir in den aktuellen Diskussionen zu selten die Rede. Wer seine Liebe erfährt, seinen Frieden geschenkt bekommt, kann auch selbst beginnen zu lieben. Eine Gemeinschaft, die sich und den Nächsten liebt und den Frieden hervorbringt: Ich glaube, das ist die Kirche, die der Herr sucht.

Ein Buch von Ihnen, welches besonders fesselnd ist, trägt den Titel „eXzess: Meine zwei Leben“ und ist im Pattloch-Verlag erschienen. Wären Sie bereit, unseren Lesern etwas über Ihre „zwei Leben“ in Kurzform zu berichten? Wie oder was war genau das Zeichen, das Sie erhalten und das für Sie der Wink war, ein anderes Leben zu führen, ein Leben in festem Glauben und Treue?

Dario Pizzano: Ich bin erst seit sieben Jahren Christ, habe 30 Jahre ohne das Wissen um Gott in meinem Leben gelebt. Mein Leben zuvor war eine ständige Suche nach dem Sinn des Lebens, gepaart mit einer panischen Angst vor dem Tod. Gott in meinem früheren Leben nicht zu erkennen, bedeutete für mich an innerer Einsamkeit zu implodieren. Meine Süchte und Ängste fraßen mich geradezu auf. Es war der nackte Nihilismus in Reinkultur.

Erst als ich eine seelische Bankrotterklärung abgegeben hatte, als ich am Boden war, um Hilfe geschrien habe, konnte Gott eingreifen. Zeichen folgten dann viele. Das erste Zeichen war eine Art „innerer Ruf“, in Form einer allumfassenden Erkenntnis, Liebe, Wärme und Licht strömten in mich ein. Im Rückblick: eine personale Wirklichkeit, außerhalb dieser Wirklichkeit, die sich mir als Gott offenbart hat.

Um das ganze einzuordnen, half der geistliche Begleiter, der mir von Gott zu Beginn an die Seite gestellt wurde, ein ehemaliger Priester und Mönch. In ihm bin ich einem Mann begegnet, der mir die Zusammenhänge der Heilsgeschichte Gottes mit uns Menschen erklärt hat. Ich lernte durch ihn, vor allem durch die Bibel, in Christus den lebendigen Gott kennen und gab ihm dann endgültig mein Leben. Seither ist tiefer Friede, Hoffnung und Liebe eingekehrt. Erst als ich Gott in Christus begegnet bin, wurde ich ein Mensch. Heute ist alles schöner geworden, wenn auch nicht einfacher.

Sie haben nicht nur den Glauben, sondern auch den Theologen Joseph Ratzinger/ Papst Benedikt XVI. für sich entdeckt. Wie war denn dann Ihre Reaktion auf seine Wahl?

Dario Pizzano: Das hat mich damals noch so interessiert, wie den Fußballer das Frauenballett, nämlich gar nicht. Ich habe zu diesem Zeitpunkt mit Kirche, dem Glauben, geschweige denn mit dem Papst nichts am Hut gehabt. Für mich war die Katholische Kirche der Inbegriff für Intoleranz, Frauenfeindlichkeit und Alter-Oma-Mentalität. Hätte man mir gesagt, das nur wenige Monate später, dieser Papst für mich einer der wichtigsten Lehrer auf meinem Lebensweg werden und ich im kirchlichen Dienst stehen würde, hätte ich ihn für verrückt erklärt. Heute kenne ich fast alle seiner Bücher, Enzykliken und Predigten. Heute freue ich mich, im selben Jahr, in dem er zum Papst berufen wurde, Christ geworden zu sein.

Durch Ihr Wirken im Bistum Erfurt in der katholischen Erwachsenenbildung waren Sie sicher direkt dabei, als der Papst während seines Deutschlandbesuches im Jahr 2011 im Eichsfeld, der „katholischen Enklave“, zugegen war. Welche Eindrücke haben Sie während dieser Feier gewonnen?

Dario Pizzano: Für das Eichsfeld selbst war es ein großes, ein bewegendes Jahrtausend Ereignis. Eine unglaubliche Wertschätzung für all die vielen Menschen hier, die zwei Diktaturen trotzten und dem Glauben, der Kirche stets treu geblieben waren. Es war sehr bewegend, grundehrlich und herzlich. Über 90.000 Menschen aus der Region feierten und beteten gemeinsam mit dem Heiligen Vater eine Vesper in Etzelsbach. Alles verlief friedlich, harmonisch und froh.

Für mich persönlich war es ein weiterer Beweis dafür, das Gott Humor hat. Noch vor wenigen Jahren habe ich hier im Eichsfeld Disco-Parties und Livekonzerte veranstaltet, nun war ich mit in das kleine Vorbereitungsteam für das Vor-und Rahmenprogramm des Papstbesuchs hinein berufen. Ich habe also wieder das selbe getan wie früher, nur jetzt für einen anderen Chef. Das ist eben das Spannende an einer Entscheidung für Christus: Gott löscht nichts von der Persönlichkeit aus, er verwandelt nur alles und nutzt dann die Talente, Seine Heilsgeschichte weiterzuschreiben.

Welche Veröffentlichungen werden in nächster Zeit noch von Ihnen zu erwarten sein? Gibt es laufende Projekte, an denen Sie arbeiten und auf die sich der Leser freuen darf?

Dario Pizzano: Aktuell arbeite ich an einem neuen Buchprojekt, das in diesem Jahr erscheinen soll. Näheres kann ich dazu leider noch nicht sagen. Zudem schreibe ich immer mal auf Anfrage Kolumnen, Beiträge für Blogs, Bücher oder Zeitschriften. Das Schreiben macht mir Freude, habe ich doch erfahren, wie wertvoll es ist, seine Gedanken und Erfahrungen im Glauben mit anderen Menschen zu teilen.

* (Religionsphilosoph, 1885 bis 1968)

 

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