„Wir haben von einem neuen Ägypten geträumt“

Ein Jahr nach der Tahrir-Revolution leben Christen zwischen Bangen und Hoffnung am Nil

Von Michaela Koller

KAIRO, 23. Januar 2012 (Vaticanista/KSZ).- Der 46-jährige ägyptische Christ Emile Amin aus Kairo denkt partout nicht daran wieder auszuwandern. Seine zwei älteren Kinder sind in New York geboren, wo er als Politikwissenschaftler für die UNO arbeitete. Nach dem 11. September erfuhren er und seine Frau wie andere Araber dort sehr viel Misstrauen und so kehrten sie wieder in ihre Heimat zurück. Nun sitzen viele Ägypter christlichen Bekenntnisses im Land am Nil sprichwörtlich auf gepackten Koffern. „Ich glaube, eine Mehrheit der Kopten wäre bereit, das Land zu verlassen“, berichtet er und blickt dabei traurig aus seinen großen braunen Augen.

Emile Amen aus Kairo; Foto: M. Koller

Emile Amen aus Kairo; Foto: M. Koller

Der Grund ist nicht allein das Massaker am Maspero-Platz vor dem Fernsehgebäude bei einer Demonstration am 9. Oktober vorigen Jahres, bei der Kopten gegen das Attentat auf eine Kirche protestierten. Seit Hosni Mubarak und seine Getreuen vor einem Jahr aus dem Amt gejagt wurden, liegt die Zukunft des Landes am Nil im Ungewissen. Eine nervöse Spannung ist bei vielen Ägyptern herauszuhören, seit es im Dezember rund um das Innenministerium zu erheblichen Ausschreitungen kam: „Wir wissen immer noch nicht, wer die Situation eskalieren ließ. Nicht auszuschließen, dass zum Jahrestag der Revolution wieder etwas passiert“, fürchtet Emile Amin.

In der Mohammed-Mahmud-Straße, parallel zum Ministerium und zum Parlament, wo sich der alte Campus der Amerikanischen Universität befindet, zeugen immer noch ausgebrannte Autowracks, Steinblockbarrieren und Stacheldrahtrollen von den Schlachten. Sicherheitskräfte in Zivil und in Uniform beobachten rund um die Uhr die Lage. „Wir bleiben hier, denn das, was uns Hoffnung gibt, ist der Umstand, dass hier das Land ist, das der Heiligen Familie Zuflucht gewährte. Außerdem nennen wir unsere Kirche die Kirche der Märtyrer. Also wollen wir lieber sterben als auswandern“, sagt der hellhäutige Ägypter mit fester Stimme. „Wir rechnen allerdings mit der internationalen Solidarität“, fügt er hinzu.

Stacheldrahtbarrieren sichern das Innenministerium; Foto: M. Koller

Stacheldrahtbarrieren sichern das Innenministerium; Foto: M. Koller

In der Tat ist Kairo auch in gewissem Sinne Terra Sancta der Christen, da im alten koptischen Viertel Kopten und Griechisch-Orthodoxe der Stätte gedenken, wo die Heilige Familie auf der Flucht vor Herodes rastete, trank und betete. Die Gedenkorte der Christen befinden sich zudem nur einen Steinwurf entfernt von dem Ort, wo der Überlieferung nach Moses in einem Körbchen von der Tochter des Pharaos aus dem Wasser gefischt wurde und wo heute noch die wohl älteste Synagoge der Welt steht.

Griechisch-orthodoxer Überlieferung zufolge trank von dieser Quelle die Heilige Familie; Foto: M. Koller

Griechisch-orthodoxer Überlieferung zufolge trank von dieser Quelle die Heilige Familie; Foto: M. Koller

In ihr betete schon der große jüdische Aristoteliker Maimonides im 12. Jahrhundert. Die ägyptische Altertumsbehörde lässt diesen Ort ebenso bewachen wie die christlichen heiligen Stätten. Ein kleinwüchsiger, dunkelhäutiger Wächter am Eingang gibt bereitwillig Auskunft über das, was vom jüdischen Leben in Ägypten übrig geblieben ist: „Es leben nur noch einhundert von ihnen hier und rund 700 in Alexandria.“

Der Kopte Amen vertraut darauf, dass es hingegen weiterhin ein lebendiges Christentum am Nil geben wird. „Das ist schließlich unser Land“, sagt er. Der Patriarch der koptisch-orthodoxen Kirche Papst Schenuda gilt als der Nachfolger der Evangelisten Markus. Emile Amen gehört aber der mit Rom unierten koptisch-katholischen Kirche an, zu der rund 200.000 Gläubige im Land zählen. Kopten, ganz gleich welcher Konfession, sind Nachfahren der Ureinwohner, die bereits am Nil lebten, bevor die Anhänger von Religionsstifter Mohammed 641 Kairo einnahmen. Die radikalislamischen Salafisten in Ägypten versuchen, an die Zeiten der muslimischen Eroberung wieder anzuknüpfen.

Sie erhielten, vom Wahabismus in Saudi-Arabien ideologisch beeinflusst und finanziell gerüstet, rund 20 Prozent der Stimmen bei den ersten freien Parlamentswahlen. Die endgültigen Ergebnisse liegen seit voriger Woche vor. Fast fünfzig Prozent entfielen auf die Vertreter der Muslimbruderschaft. Die Macht im Land hat aber immer noch der Militärrat, um den nun Muslimbrüder und Salafisten im Land buhlen. Der Präsidentschaftskandidat der Salafisten, Scheich Hazem Salah Abu Ismail, schlug schon jetzt vor, Armeeangehörigen nach der Machtübergabe Immunität zu gewähren und dies nach schweren Menschenrechtsverletzungen, die sich seit vorigem Jahr ereigneten. Vertreter der wichtigsten politischen Gruppen zusammen mit dem Großscheich von Al Azhar, Ahmed El-Tayeb, haben sich Mitte Januar in einer Erklärung für Religionsfreiheit ausgesprochen. Aber Emile Amin räumt ein, dass darunter nicht der Abfall vom Islam und der freie Religionswechsel zu verstehen ist: „Wir haben es nicht von ihm eingefordert, da er sonst den Salafisten eine weitere Angriffsfläche bietet.“ Damit wird eine echte Freiheit, für die viele junge Leute vor einem Jahr 18 Tage lang enthusiastisch auf dem Midan Tahrir gekämpft haben, wieder in weite Ferne rücken. „Auch wir Christen haben von einem neuen Ägypten geträumt“, sagt Amin. Die nächsten Monate sind entscheidend, denn in diesem Zeitraum werden sich die Ägypter eine neue Verfassung geben, in der die Grundrechte formuliert werden.

[Erstveröffentlichung: © Katholische Sonntagszeitung, 21./22. Januar 2012]

 

 

 

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