Die bittersüßen Früchte der ägyptischen Revolution

Revolutionärin: „Die Wahlen spiegeln überhaupt nicht die Gesellschaft wider“

Von Michaela Koller

KAIRO, 24. Januar 2012 (Vaticanista/Die Tagespost).- Die unverzagte Aufbruchstimmung am Nil ein Jahr nach der Revolution ist offenbar noch nicht erschüttert. Hohe Wahlgewinne von Islamisten in Ägypten, die mehr als zwei Drittel der Wähler hinter sich wissen, dämpfen den Enthusiasmus der liberalen Kräfte allenfalls: Schon am Flughafen von Kairo empfängt den Besucher die Werbung des Telekommunikationsanbieters MobiNil, an dem der christliche ägyptische Milliardär Naguib Sawiris beteiligt ist. Im Leuchtkasten zeigt ein Foto das rebellierende Menschenmeer vor einem Jahr auf dem Midan Tahrir (Platz der Freiheit), Nationalfahnen schwenkend, und im Vordergrund das Zitat des österreichischen Bundespräsidenten Heinz Fischer: „Die Menschen in Ägypten sind die großartigsten der Welt und sie verdienen den Friedensnobelpreis.“ Sawiris ist in Folge der Umwälzung selbst in die Politik gegangen, erst als Mitglied im Rat der Weisen während der Revolution, dann als Begründer der „Partei der freien Ägypter“, die liberal-patriotisch ausgerichtet ist.

Die Piratenflagge über den Platz der Freiheit; Foto: M. Koller

Die Piratenflagge über den Platz der Freiheit; Foto: M. Koller

Aber den Christen feindlich gesonnene Kräfte, die unter dem Mubarak-Regime erstarkten, agieren seit dem Sturz desselben frei und ungebremst. Ein islamistischer Anwalt zeigte ihn wegen Blasphemie und Beleidigung des Islam an, nachdem Sawiris den Link zu einer Karikatur mit Micky Maus und Freundin Minnie als Salafisten-Paar getwittert hatte. Der einflussreiche Milliardär, der angetreten war, die Salafisten in ihre Schranken zu weisen, sah sich zu Entschuldigungen gezwungen.

Dass die Revolution schon jetzt gescheitert sei, will Sara Azer, eine der Aktivistinnen der Arabellion am Nil, Mitbegründerin der Hilfsorganisation „Mit Jedem teilen“ auch nicht sehen. Sie zählt zu den evangelischen Kopten, von denen rund 300.000 im Land leben. „Die Wahlen spiegeln überhaupt nicht die Gesellschaft wider“, sagt die 25-Jährige überzeugt und blickt dabei sehr ernst durch ihre modische eckige Brille. Aber der Glaube an die Revolution sei noch immer lebendig, betont die junge Software-Ingeneurin. Bei einer Tasse süßer heißer Schokolade in einem der neuen Cafés am Tahrir-Platz schildert sie daraufhin ihr ehrenamtliches Engagement als Motivationstrainerin zur Belebung der zivilgesellschaftlichen Eigeninitiative. „Das wirkt magisch“, schwört sie.

Sara Azer hat ihr Lachen nicht verloren; Foto: M. Koller

Sara Azer hat ihr Lachen nicht verloren; Foto: M. Koller

Zumindest das Geschäft mit der Rebellion läuft. Draußen vor der Glasfront bieten fliegende Händler Revolutionssouvenirs feil: Fahnen, Armbänder und Schlüsselanhänger in den Nationalfarben Rot-Weiß-Schwarz mit dem ägyptischen Wappentier, dem Adler Saladins in der Mitte. Zelte von Dauerrevolutionären, die in der Entfernung hinter im Schein der Lagerfeuer zu erkennen sind, stehen seit einem Jahr auf den Verkehrsinseln des vormals viel belebteren Freiheitsplatzes. Der zivile Ungehorsam wird seit zwölf Monaten geprobt und macht sich am augenfälligsten im Straßenverkehr bemerkbar. Im wirtschaftlichen Zentrum Kairos auf der Talaat Harb Straße, stehen rund zwei Meter breite Tische fliegender Händler mit Textil- und Kurzwaren auf der Fahrbahn und behindern den Fluss des ohnehin schon chaotischen und dichten Verkehrs. „Ist das Demokratie? Ist das Freiheit?“, fragt Hossam Abdel Hady beim Vorbeifahren augenzwinkernd mit einer ausladenden Handbewegung in Richtung der Spanplattentisch-Geschäfte.

Nach der Fahrt durch die Altstadt vorbei an der 1000-jährigen Universität Al Azhar im Teehaus El-Fischawy, wo einst Literaturnobelpreisträger Naguib Mahfouz sich inspirieren ließ, zeigt sich Abdel Hady ratlos. Der 52-jährige Privatschulgründer bereitet junge Leute auf Berufe in der Reisebranche vor. Er blickt sich verwundert in dem sonst bei Touristen beliebten Teehaus inmitten des Suq Chan el-Chalili um. Es ist in dieser Zeit durchgehend gut besucht – allerdings von Ägyptern. Einige der weiblichen Gäste rauchen Shisha, die traditionelle Wasserpfeife, darunter zwei junge Damen allein am Tisch gegenüber. Diese Szenen galten vor Jahr und Tag noch skandalös. Die bärtigen Männer, die sich darüber aufregen könnten, sitzen weit entfernt in schäbigen Garagencafés, ganz unter sich.

Ganz von sich aus kommt Hossam Abdel Hady auf das Maspero-Massaker im Oktober bei einer Demonstration ägyptischer Christen zu sprechen, ebenso wie auf die Gewaltexzesse im Dezember um das Innenministerium herum. Wie für viele seiner Landsleute ist für ihn das Gegeneinander von Ägyptern gegen Ägyptern etwas Unbegreifliches. „Woher kommen die Leute, die da plötzlich angegriffen haben“, fragt er zunächst und rollt dabei die Augen fragend. Er selbst antwortet darauf: „Möglicherweise kamen sie aus dem Ausland.“ Schon während der 18 Tage der Revolution seien eine Reihe von Ausländern festgenommen worden, darunter auch Europäer, etwa aus Schweden oder Spanien.

Dass es zu einer regelrechten Verfolgung von Kopten kommen könne, schließt er aus. Einer seiner engsten Freunde, ein Anwalt, ist Kopte; er selbst ist Muslim. „Nach dem, was am Maspero-Platz passiert ist, haben wir uns gegenseitig besucht.“ Er kennt ihn noch aus Jugendtagen, als er im Kairoer Stadtteil Shubra wohnte, wo viele Christen leben. „Als er schon mal ans Auswandern dachte, habe ich ihm gesagt: Wir alle sind doch Ägypter.“ Während des Gesprächs kommen fortlaufend Schuhputzer, Verkäufer von blinkendem Spielzeug, gefälschten Designer-Uhren und Taschentüchern an die Tische. Die Bedienung schaut dabei zu. Ein Kellner schiebt schließlich einen Händler im braunen Tuch eines Fellachen grob hinaus; zwei kleine Kinder vertreibt er mit einer Kohlezange. Er bestimmt, wer den Gästen aufdringlich nahe kommen darf.

Endlich Privilegien durch Rechte zu ersetzen, das war der Traum der Jugend, die vor einem Jahr zum Platz der Freiheit in Kairos Mitte zog. Trotz der starken Präsenz engstirniger und freiheitsfeindlicher Kräfte mit Parlament glauben sogar ägyptische Politikwissenschaftler noch an einen guten Ausgang – am Ende einer Entwicklung. „Ich bin sehr optimistisch“, sagt Gamil Mattar, Zukunfts- und Entwicklungsforscher mit eigenem Institut und Redakteur der 2009 gegründeten ägyptischen Zeitung El Shorouk.

„Die Ägypter haben nun einmal die Erfahrung gemacht, dass sie einen Diktator verjagen können. Das gibt ihnen die Sicherheit, dies jederzeit wiederholen zu können“, wehrt er besorgte Nachfragen ab. Der ehemalige Diplomat ist Anhänger der These, dass die Moderaten eine weitere Diktatur zu verhindern wüssten, da die islamischen Kräfte untereinander zerstritten seien. Die Liberalen müssten gemäßigt Religiöse in ihre Arbeit einbinden. Für El Shorouk schreiben schon jetzt nicht nur säkulare Muslime wie er, sondern auch Muslimbrüder. Große Bedeutung misst er dem Engagement der Frauen bei, die eine Radikalisierung gewiss nicht zuließen und unter der jungen Generation von Akademikern die Mehrheit stellten.

Sara Azer ist eine von ihnen. Wenn sie und die anderen jungen Leute der Generation Facebook und Twitter ihre Ziele doch noch mittelfristig durchsetzen können, gegen zwei Drittel demokratisch gewählter Islamisten, wäre das ein Präzedenzfall. Dann gäbe es auch keinen Zweifel mehr an der Kandidatur für den Friedensnobelpreis.

[Erstveröffentlichung: © Die Tagespost, 24. Januar 2012]

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