Interreligiöser Dialog in Deutschland: Gesucht und gefunden!

Zwei gläubige Frauen – die eine Muslima und die andere Katholikin – im Gespräch

MÜNCHEN, 26. Januar 2012 (Vaticanista/PM).- Frauen müssen sich wesentlich stärker im interreligiösen Dialog einsetzen. Das ist das gemeinsame Fazit, das die Muslima Gönül Yerli, Vizedirektorin des Islamischen Forums Penzberg, und die katholische Journalistin und Buchautorin Michaela Koller am Mittwoch im Münchner Presseclub gezogen haben. „Es sind doch meistens die Mütter, die mit ihren Kindern über Religion sprechen. Sie können ihnen auch Respekt und Liebe gegenüber den Anhängern anderer Religionen lehren, auf die sie schon im Kindergarten treffen“, sagte Koller. Durch ihre spezifische verbale Intelligenz und Intuition könnten Frauen zudem den Dialog bereichern. Beide Frauen schilderten sich als gläubig und antworteten auf Fragen des Journalisten und ehemaligen Presseclubvorsitzenden Norbert Matern zum Thema „Muslime und Christen – Chancen und Grenzen des Dialogs“.

Michaela Koller, Dr. Norbert Matern und Gönül Yerli im Gespräch; Foto: M. Seizmair

Michaela Koller, Dr. Norbert Matern und Gönül Yerli im Gespräch; Foto: M. Seizmair

„Für mich bedeutet Dialog vor allem die Begegnung zunächst mit dem Menschen und erst dann mit seiner religiösen Identität“, sagte die 35-jährige Yerli, die in Penzberg auch Referentin für Interreligösen Dialog ist. Sie erlebte seit langen Jahren das Miteinander mit der katholischen Mehrheitsbevölkerung in der oberbayerischen Gemeinde als harmonisch. „Wir sprechen gar nicht mehr von Dialog, sondern von Freundschaft, die ganz tief gewachsen ist“, betonte sie. Mit dem katholischen und evangelischen Pfarrer vor Ort sei der Austausch intensiv. Sowohl der vormalige evangelische Landesbischof Johannes Friedrich als auch der Münchner Erzbischof Kardinal Reinhard Marx, zeigten sich in der Vergangenheit schon für Gespräche offen. Sie kenne eine Fülle von Bereichen, in denen sich Gläubige unterschiedlicher Religionen gemeinsam engagieren und an die Gesellschaft zum verantwortlichen Handeln appellieren könnten: „Ich sehe das zum Beispiel bei der Bewahrung der Schöpfung“, sagte Yerli

Die Mutter von drei Kindern im Teenageralter absolvierte eine islamisch-religionspädagogische Ausbildung und per Fernstudium Katholische Theologie an der Domschule Würzburg. Ihre Eltern seien als Gastarbeiter aus der anatolischen Türkei nach Bayern gekommen, als sie vier Jahre alt war. „Ich bin mit Leonhardiritt und Maibaumaufstellen in einer katholischen Umgebung aufgewachsen“, berichtete die Muslima.

Schon früh habe sie in sich gespürt, dass ihr Bild von Gott ein liebender Schöpfer ist, der sich von dem in der islamischen Welt verbreiteten Vorstellung von einem Angstmachergott unterscheide. Dieses Gottesbild schlage sich auch in einer entsprechenden Auslegung von Koran und Tradition nieder, in der Beziehung zu Gott und Mensch und zwischen den Menschen untereinander. Yerli arbeitet hier eng mit dem Imam des Islamischen Forums in Penzberg zusammen, der in seinem Buch „Grüß Gott, Herr Imam“ einen Wertekatalog aufstellt, der sich zu den Grundrechten im deutschen Grundgesetz bekennt.

„Für mich sind diese Grundrechte der Maßstab“, bekennt Yerli. Mit Blick auf die zahlreichen repressiven Regime mit muslimischer Mehrheitsbevölkerung sagt sie: „Wir Muslime in Deutschland wollen es besser machen.“ So wie es etwa einen afrikanischen Islam gebe, so werde es einen Islam deutscher Prägung geben. „Die Muslime in Deutschland sind endlich angekommen und haben ihre Koffer ausgepackt.“

Michaela Koller lobte den Wertekatalog, der auch das vollumfängliche Recht auf Religionsfreiheit enthalte und dies sogar islamisch begründen könne. Sie zitierte dabei den Islamwissenschaftler und katholischen Theologen Pater Samir Khalil Samir, der vorgeschlagen hat, dass Muslime und Christen ein gemeinsames Fundament von Prinzipien aufstellen. Die islamische Begründung sei dabei entscheidend. „Solange die Artikel nicht im Koran und in der islamischen Tradition wurzeln, werden sie nicht angenommen“, habe ihr der Jesuit im Interview für das gemeinsame Buch „Muslime und Christen – Geschichte und Perspektiven einer Nachbarschaft“ gesagt, das vor kurzem im katholischen Sankt Ulrich Verlag erschien. „Was den ethischen Dialog betrifft, so haben wir uns gesucht und gefunden“, betonte die Politikwissenschaftlerin. Mit Imam Benjamin Idriz habe ein deutscher Muslim erstmals vernehmbar seit der Regensburger Rede Papst Benedikts XVI. über Glaube und Vernunft ethische Prinzipien des Rechts klar aufgelistet, die mittels der Vernunft für Christen und Muslime zu erfassen seien. Ihr Co-Autor Samir Khalil Samir ist als derjenige bekannt, der die Ideen des Papstes zum Islam anregte.

Die 42-jährige Familienmutter betonte, dass der Dialog über die Dogmatik jetzt nicht auf der Tagesordnung stünde. „Dazu haben auch bereits orientalische Christen in den 14 Jahrhunderten des Zusammenlebens mit den Muslimen reichlich gearbeitet, wie ich von Pater Samir erfuhr, der Spezialist für die christlich-arabische Literatur ist.“ Auf ethischer Grundlage gelte es nun, sich in Politik und Gesellschaft als Gläubige einzubringen. Durch ihre Zusammenarbeit mit Muslimen aus dem Kosovo als Mitbegründerin der Bayerisch-Kosovarischen Gesellschaft erkenne sie auch innerhalb des Islams in Deutschland einen Pluralismus.

Die Unterschiede zwischen diesem und dem Islam etwa in Ägypten könne sie aufgrund ihrer regelmäßigen Recherchereisen für ihre Bücher und Artikel in das Land am Nil bestätigen. Die jüngste Erklärung der Universität Al Azhar, deren Großscheich höchste Rechtsautorität im sunnitischen Islam ist, zu den bürgerlichen Freiheit und Rechten der Christen, zeige zwar, dass sich durch den Arabischen Frühling etwas bewege. „Aber das geschieht dort im Schneckentempo und sie sind von einer umfänglichen Religionsfreiheit noch weit entfernt.“ Umso erfreulicher sei eben die Entwicklung in Penzberg. „Ich frage mich nur, warum noch kein prominenter katholischer Vertreter diese angemessen gewürdigt hat“, sagte sie.

[Buchempfehlungen:

Benjamin Idriz, Grüß Gott, Herr Imam! – Eine Religion ist angekommen, Diederichs Verlag, München, 2010, 224 Seiten, 16,99 Euro in Deutschland

Michaela Koller und Samir Khalil Samir, Muslime und Christen – Geschichte und Perspektiven einer Nachbarschaft, Sankt Ulrich Verlag, Augsburg 2011, 176 Seiten, 19,95 in Deutschland]

 

 

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