„Sehnsucht, so zu sein wie alle anderen“

Matthias Matussek als Dissident unter Katholiken

Von Michaela Koller

MÜNCHEN, 16. Februar 2012 (Vaticanista/Die Tagespost).- Papstschüler Pater Vincent Twomey SVD hat einmal seinen Lehrer Benedikt XVI. als Dissidenten bezeichnet. „Weil er die herrschende Meinung der westlichen Welt in Frage gestellt hat“, begründete der Steyler Missionar das ungewöhnliche Attribut für ein Kirchen- und Staatsoberhaupt. Am Montagabend in der Katholischen Akademie in Bayern zeigte sich, dass diejenigen, die ihm folgen möchten, selbst schon als Dissidenten gelten.

Matthias Matussek, Spiegel-Redakteur, gab den vielschreibenden Systemkritiker mit wuscheligem Haar, den auch der Vorwurf, doppelt unangepasst zu sein, nicht glattbürsten konnte. Wer sich „loyal zum Heiligen Vater“ erklärt (Matussek), wolle Ungleichförmigkeit gegenüber der säkularen Welt und gegenüber Kirchenmitgliedern, die sich dem Säkularem zu sehr geöffnet haben, zeigen. Er setze auf Ideologie statt Glauben, auf diskriminierende statt wohltuender Unterschiede, glaubt Hans-Joachim Höhn, Professor für Systematische Theologie und Religionsphilosophie an der Kölner Universität. „Eine Kirche, welche zur Welt auf Abstand geht, steht in der Versuchung, sich in einen dogmatischen Rigorismus und liturgischen Ästhetizismus zu flüchten“, warnte er im Eingangsreferat.

Der Begriff des Dissidenten ist für Bürgerrechtler in Diktaturen geläufig. Im Deutschen bezeichnete er ursprünglich den Deutschkatholizismus der 1840er Jahre, der die christlichen Konfessionen damals als zu reaktionär empfand. Tempora mutantur: Das ist unbestreitbar eine aktuell zutreffende Beschreibung für das deutsche Establishment, das an diesem Abend mit zwei Repräsentanten vertreten war: Neben dem genannten Professor noch die ehemalige Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesentwicklungsministerium, Karin Kortmann (SPD). Die 52-jährige Sozialpädagogin und ehemalige Bundestagsabgeordnete war in den Neunzigern sieben Jahre hauptamtliche Bundesvorsitzende des BDKJ und ist seit 2009 Vizepräsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken.

Zurück zu Höhn: Er zeigte sich überzeugt, die Kirche sei nur noch zögerlich und halbherzig bereit, „sich widerständig auf die Welt einzulassen“. Er warf ihr vor, einer „McKinsey-Theologie“ zu folgen, die nur ihre Alleinstellungsmerkmale pflege, um sich mit klarem Profil abzuheben. „Vielleicht versucht man auf diese Weise sogar eine Tugend aus der Not zu machen, die mit dem Ende der „Volkskirche“ kommen wird“, mutmaßte er. Das Ende nahe und die Kirche werde zu einer sozialen Randgröße. „Problematischer als der Rückgang ihres äußeren Bestandes ist ihre drohende innere Verkrümmung“, fürchtet Höhn.

Bei seinem Bild von der heutigen Kirche geht er von der Prämisse aus, dass sie von der völligen Ablehnung des Säkularen bestimmt sei und von Movimenti beherrscht werde, die den ordentlichen Ritus zu verdrängen und sich nicht nur liturgisch-ästhetisch, sondern auch theologisch an die Piusbruderschaft anlehnten. Belege für diese Vorhaltungen führt der Kölner Professor nicht an. Sie sind vielmehr leicht zu widerlegen, denn die neuen geistlichen Bewegungen teilen mit den Traditionalisten gerade im liturgisch-ästhetischen Ausdruck so gut wie gar nichts miteinander. Allein ein Fernsehbericht über den Weltjugendtag, wo die Bewegungen regelmäßig sehr präsent sind, hätte dies Professor Höhn offenbart. Und das ist nur ein Auszug aus der Bandbreite der Unam Sanctam, so wie sie sich in diesem Pontifikat zeigt.

Höhn will festgestellt haben, dass die Kirche vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil nur einen halbherzigen Versuch unternommen habe, „den Glauben in das Industriezeitalter zu inkulturieren und sich widerständig auf das ethisch-politische und ökonomisch-technische Programm der Moderne einzulassen“. Dem ist zu entgegnen, dass sich bereits Papst Pius XII. mit dem technischen Programm der Moderne ernsthaft auseinandersetzte, als er zu Fragen der Bioethik Stellung nahm. Zudem war es nur gut, dass sich die Kirche dem ethisch-politischen Programm der Zeit des Pacelli-Pontifikats widersetzte, in der viele Millionen Menschen aufgrund von Ideologien entmenschlicht und verfolgt wurden. „Vermag nicht auch das Säkulare von sich aus Werte und Normen zu generieren, zu deren Anerkennung im Raum des Religiösen letztlich keine Alternative besteht?“, fragte der Professor rhetorisch, als habe Papst Benedikt nie auf die Möglichkeit, auch außerhalb der Kirche zu Erkenntnis zu gelangen, verwiesen.

Daran erinnerte Matthias Matussek in seiner frei gehaltenen Ansprache, als er auf das große Thema Vernunft und Religion dieses Pontifikats hinwies. Er war beim jüngsten Weltjugendtag im August in Madrid und wollte dort von Brasilianerinnen deren Meinung zum Frauenpriestertum wissen. Diese reagierten nur mit der Gegenfrage: „Wieso denn?“ Er habe dann Spanier nach der Aufhebung des Zölibats gefragt. „Die waren ähnlich perplex“, erinnerte sich Matussek. Gremienkatholiken verwechselten die deutsche Kirche mit der Weltkirche und glaubten, beim Mannheimer Dialogprozess weltweit gültige Regeln aufstellen zu können. Er diagnostizierte seinen Gesprächspartnern eine Sehnsucht, so sein zu wollen wie alle. Als Ursache für den Rückzug aus der Kirche sieht er eine Glaubenskrise und einen „religiösen Analphabetismus“.

ZdK-Vizepräsidentin Kortmann hingegen sieht in der „Verfasstheit der Kirche“ das Problem, die ihr zu wenig demokratisch ist. In der Reflexion über das Amtsverständnis und in Debatten über „strittige Themen“ wie die Haltung der Kirche zur Sexualität und die Einführung des Frauendiakonats will sie den Weg aus der Krise entdeckt haben. „Über alles darf gesprochen werden, damit die Kirche sich nach vorne bewegt“, riet sie an Matussek gerichtet. Kortmanns Ausführungen ließen jedoch offen, warum gerade eine Klerikalisierung der Laien einem Rückzug der Kirche aus der Welt entgegenwirken sollte. Sie selbst wolle zeigen, dass auch eine Katholikin gute Politik machen könne. Dass umgekehrt Politiker der hoffnungsfrohen Botschaft des Evangeliums zum neuen Glanz verhelfen, davon konnte sie das Publikum an diesem Abend eher nicht überzeugen. Zu dünnhäutig wirkte ihr Vorwurf nach Matusseks lebhaft-keckem Vortrag, dieser spreche ihr die Wahrhaftigkeit ab.

[Erstveröffentlichung: Die Tagespost, 15. Februar 2012]

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