Der Gott der Lega Nord

Die „Padania“-Partei und die katholische Kirche in Italien

Von Tanja Schultz

ROM, 5. März 2012 (Vaticanista).- Eine kritische Bestandsaufnahme über die Werte der italienischen Partei Lega Nord ist gerade in Italien in Buchform erschienen. Kann man gläubiger Christ sein und gleichzeitig diese ausländerfeindliche Partei wählen? Wie vertragen sich das Gebot christlicher Nächstenliebe mit den Hassparolen gegen Afrikaner, Asiaten, Nomaden und süditalienische Landsleute? Wie kann man für das Kreuz in den Schulzimmern eintreten und im selben Atemzug dafür plädieren, dass Obdachlose aus den Stadtzentren vertrieben werden, illegalen Ausländern medizinische Hilfe verweigert und auf tunesische Flüchtlingsboote geschossen wird?

Diese Fragen stellt sich der Theologe und Gymnasiallehrer Augusto Cavadi in seinem jüngst erschienen Buch „Il Dio dei leghisti“, zu deutsch “Der Gott der Wähler der Lega Partei“. Der vielseitig aktive Autor aus Sizilien war zuvor bekannt durch seine Studien über das Verhältnis zwischen Mafia und katholischer Kirche. Der provozierende Titel kann als rhetorische Frage gelesen werden. Eine Antwort liegt auf der Hand: Genauso wenig wie die Mafiabosse nach christlicher Ethik leben, so wenig lassen sich die 40 Prozent der Lega-Wähler, die sich als treue Kirchgänger bezeichnen, vom Evangelium Christi tatsächlich leiten.

Cavadi hat kein Pamphlet gegen die Gefolgsleute der Lega, vielmehr eine sorgfältige Analyse der Parteiideologie und ihrer Resonanz in der Gesellschaft vorgelegt. Immerhin ist die vor etwa zweiundzwanzig Jahren gegründete Partei zur drittgrößten Parlamentsfraktion in Italien aufgestiegen. Sie ist erstaunlicherweise diejenige Partei, die in der labilen und zerrissenen Parteienlandschaft seit dem Ende der Ersten Republik bisher am längsten besteht. Seit 1992 konnte sie in den Regierungswahlen zwischen acht und zehn Prozent der Stimmen erringen. Heute ist die Lega mit sechzig Abgeordneten im Parlament vertreten. Unverwechselbar durch das grasgrüne Parteiabzeichen in Form einer Krawatte oder eines Halstuchs, sind die Abgeordneten bekannt für ihr lautstarkes Auftreten und für ihren rüden, populistischen Ton. Ihre zur Schau getragene Geschlossenheit beruht auf der hierarchischen Ausrichtung auf den autoritären Parteigründer und Sekretär Umberto Bossi.

Seit 1994 mehrfach verbündet mit Silvio Berlusconi, hat oftmals die bloße Androhung Bossis, dem Regierungschef die Gefolgschaft zu entziehen, seine politische Linie durchgesetzt – oder so manche Regierungskrise ausgelöst. In dem aktuellen Technokraten-Kabinett von Mario Monti hat sich die Lega von Berlusconis Partei, dem Popolo della Libertà, abgespalten und ist zur Oppositionsseite des Parlaments übergewechselt. Ihre Hauptwählerschaft sitzt im reichen industrialisierten Norden Italiens. In der Stammregion Venetien sind sie mit 35 Prozent der Stimmen führende Partei, gefolgt von der Lombardei (26 Prozent) und Piemont (16,7 Prozent).

Zu den 40 Prozent der erklärten Kirchgänger unter den Lega-Wählern sind noch ungefähr 20 bis 30 Prozent hinzuzurechnen, die sich als nicht praktizierende Gläubige bezeichnen. Damit ist die Affinität zur katholischen Kirche unter den Lega-Anhängern größer als zum Beispiel unter denen der Mitte-Links-Partei des Partito democratico, der zweitgrößten Parlamentsfraktion. „Mich interessieren aber nicht nur die politischen Ideen der Partei, sondern vor allem die Haltung der katholischen Kirche zur Partei“, erklärt Cavadi in einem mit dem katholischen Wochenmagazin Famiglia Cristiana geführten Interview. Aus soziologische Untersuchungen und Umfragen geht hervor, dass nur wenige Kirchenleute öffentlich Stellung zur Lega Partei beziehen. „Natürlich sollen die Pfarrer im Wahlkampf nicht für eine bestimmte Partei werben. Aber es ist eine Sache, politische Präferenzen vor der Gemeinde zu äußern, eine andere, nicht für eine politisch-ethische Gewissensbildung einzutreten“, unterscheidet der sizilianische Theologe.

Cavadi hat jahrelang Tagungen und öffentliche Volksreden der Lega beigewohnt, ihre Slogans und Parteidokumente gesammelt und studiert. Er selbst gehört als Süditaliener der Volksgruppe an, die ständig Zielscheibe ihrer separatistischen Äußerungen ist. Nach Meinung der „Leghisti“, wie ihre Anhänger genannt werden, sind die Sizilianer und Kalabresen von Natur aus weniger fleißig und ehrlich als die von den Kelten abstammenden Norditaliener. Jene würden durch die selbst verschuldete Misswirtschaft den reichen Regionen auf der Tasche liegen. Deswegen lehnt die Lega jeglichen Zentralismus ab und träumt vom unabhängigen Staat Padania. Insofern darf ihr unermüdlicher Kampf für eine Umwandlung des zentralistisch regierten Italiens in einen föderalistischen Staat als erster Schritt in diese Richtung betrachtet werden. Eine Konsequenz ihres ethno-nationalistischen Gedankenguts ist die Ablehnung von Gastarbeitern und fremden Kulturen in der eigenen Heimat. Sie würden am liebsten die Grenzen schließen, obwohl in der norditalienischen Industrie und in der Gastronomie Bedarf an ausländischen Arbeitskräften besteht. Ihre Ablehnung richtet sich auch gegen die Integration der schon jahrelang legal in Italien lebenden 4,5 Millionen Immigranten.

„Hätten Parteigründer Bossi und Seinesgleichen zur Zeit Christi gelebt, hätten sie mit einer Gemeinde zu tun gehabt, die im Geiste universeller Brüderlichkeit lebte und keinen Unterschied zwischen der einheimischen Bevölkerung und Ausländern, zwischen Römern und Juden machte. Die Lega hätte diese Gemeinschaft als eine Gruppe von Verrückten und Utopisten betrachtet. Die Tatsache, dass die Nachkommen dieser Bewegung heute von den Lega-Wählern als ein beruhigender Schutzwall gegen Immigranten betrachtet wird, müsste die Kirche eigentlich hellhörig machen,“ fährt Cavadi fort.

Damit signalisiert der Theologe, dass er von der italienischen Bischofskonferenz eine öffentliche kategorische Verurteilung der Partei und ihrer Politik erwartet. Dabei fehlt es nicht an couragierten Einzelinitiativen innerhalb der Kirche, die durchaus als eine „offene Parteiergreifung“ gewertet werden können. So hatte der Erzbischof von Mailand, Kardinal Dionigio Tettamanzi, den Stadtrat verklagt, weil dieser sich nach einer Hetzkampagne der Lega gegen Nomaden weigerte, Roma-Familien die vertraglich zugesprochenen Sozialwohnungen zu übergeben. Als er wiederholt in den Predigten die mangelnde Bereitschaft der Mailänder kritisierte, Immigrantenfamilien, vor allem Afrikaner und Muslime, integrieren zu wollen, wurde der Kardinal als „Imam“ in dem parteieigenen Radiosender bezeichnet. Auf die menschenunwürdige Behandlung und unbegründete Abweisung von Flüchtlingen wies Erzbischof von Agrigent, Monsignore Francesco Montenegro mit einer besonderen Aktion im Jahre 2010 hin. In der alljährlich im Dom aufgebauten Weihnachtskrippe fehlten die Heiligen Drei Könige. „Sie konnten nicht zum Christuskind kommen, weil sie an der Grenze festgehalten wurden!“

Das Verhältnis der Parteiführung zur Kirche ist seit jeher zwiespältig und wechselhaft. Auf Vorwürfe der Doppelmoral und Scheinheiligkeit folgen Lobpreisungen hinsichtlich der Verteidigung der christlichen Wurzeln in der europäischen Verfassung. „Die Lega trennt die Kirche in Gut und Böse“, liest man bei Cavadi. „Die „Bösen“ sind diejenigen, die von Brüderlichkeit, Solidarität, Rücksicht auf die Schwachen und Armen dieser Erde sprechen, wie zum Beispiel die Kardinäle Martini oder Tettamanzi. Die „Guten“ hingegen verweisen allein auf die christlichen Ursprünge Europas und insistieren auf einem Katholizismus im Sinne einer bürgerlichen und nationalen Identität.“

Aber nicht die katholische Tradition hätte die fremdenfeindlichen Ideologien erzeugt. Vielmehr sei die katholische Lehre von den Lega-Anhängern für ihre Zwecke verdreht worden, resümiert der Autor. Cavadi begründet das hohe Aufgebot an „Katholiken“ unter den Leghisti damit, dass sich in Italien das katholische Bekenntnis sich dazu eignen würde, als konservative Ideologie instrumentalisiert zu werden. „Es ist das Aufeinandertreffen von einem traditionellen mediterranen Katholizismus mit dem modernen kleinbürgerlichen Egoismus, dazu in einer wohlhabenden Region, der diese teuflische Mischung hervorgebracht hat“, lautet sein abschließendes Urteil.

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