Bildungselite für den Frieden

Die deutsche Schmidt-Schule in Jerusalem fördert Verständigung. Die Absolventinnen sollen beim Aufbau einer palästinensischen Zivilgesellschaft helfen.

Von Michaela Koller

JERUSALEM, 27. Juni 2012 (Vaticanista).- Lama Tarayrah, Palästinenserin und ehemals Schülerin an der vom Deutschen Verein vom Heiligen Land finanzierten Schmidt-Schule, durchbrach kurz nach Ausbruch des palästinensischen Aufstands im Jahr 2000, der zweiten Intifada, die Mauer des Schweigens. Mit der gleichaltrigen jüdischen Schülerin Talila Goldman, die wie sie in Jerusalem, aber doch in einer anderen Welt lebte, begann sie eine Brieffreundschaft. Die beiden tauschten sich über ihre Lieblingsbeschäftigungen, persönlichen Zukunftsvorstellungen, aber auch über ihre jeweiligen Friedenshoffnungen aus. Jahrelang engagierte sich die Palästinenserin zudem für das Projekt „Building Bridges for Peace“, das in gemeinsamen Ferienlagern mit muslimischen und christlichen Araberinnen und jüdischen Israelis gegenseitige Verständigung und Respekt fördern will.

Im September 2004 erhielt die Araberin aus Jerusalem für ihren Einsatz den Stuttgarter Friedenspreis. Bei der Verleihung sagte sie: „Wenn Feinde ihre Geschichten teilen, dann können sie beginnen, eine Geschichte mit einem Gesicht zu verbinden, eine Zeitungsschlagzeile mit einem Freund.“ Aus der damals 16-jährigen Lama ist heute eine erfolgreiche junge Frau von 26 Jahren geworden, die im Fach Biophysik an der renommierten Johns-Hopkins-Universität in Baltimore, USA, promoviert hat.

Inspiriert von Lamas Brieffreundschaft, verfasste die Münchner Schriftstellerin Margret Greiner einen Roman unter dem Titel „Jefra heißt Palästina“. Sie war Tarayrahs Lehrerin der an der Schmidt-Schule, an der die Schülerinnen im Geiste dieser Verständigung unterrichtet werden. Greiner, die die Schule regelmäßig besucht, fungierte als Brücke zwischen den Feinden, wohnte im jüdischen Teil Jerusalems und arbeitete im arabischen – und das gleich von Beginn der zweiten Intifada an. „Es war die härteste Zeit meines Lebens, aber auch die reichste“, resümiert sie. „Ich erlebte Menschen, die sich in Hass gegenüberstanden.“ Schülerinnen sahen in den Familien daheim, wie blutige Attentate auf israelische Zivilisten gerechtfertigt, ja gefeiert wurden. Aber immer habe es auch Schülerinnen und Lehrerinnen gegeben, die die Mauer aus Hass und Gewalt durchbrechen wollten.

„Man muss auf Bildung und Erziehung setzen, wenn man überhaupt eine Hoffnung auf Frieden und Verständigung in dieser Region haben will“, sagte Nikolaus Kircher, der damalige Direktor der Schmidt-Schule, bei einem Besuch der Schule im Jahr 2009. Die Einrichtung ist eine katholische Mädchenschule mit einer christlichen Minderheit: Träger sind Maria-Ward-Schwestern (Congregatio Jesu). Vier von fünf Schülerinnen sind arabische Musliminnen, ein Fünftel arabische Christinnen. „Bei dem Verhältnis rückt neben der Förderung der Christinnen die Aufgabe in den Vordergrund, jungen Musliminnen eine Bildung und Erziehung aus christlichem Geist anzubieten und ihnen ein christliches Verständnis vom Menschen und seiner Aufgabe in der Welt vorzuleben und weiterzugeben“, sagte Kircher. „Ein entscheidender Grund für den religiösen Frieden ist sicher, dass die Religionsverschiedenheit nicht ständig thematisiert und problematisiert, sondern in der Gemeinschaft der Schule gelebt wird.“

Auch wenn die Schmidt-Schule grundsätzlich Schulgeld von den Eltern verlangt, zeigt die Praxis, dass nur wenige Eltern dazu in der Lage sind. Trotzdem werden ihre Kinder aufgenommen. Die Gebühren werden in solchen Fällen gemindert oder erlassen. Auch Waisenkindern wird hier geholfen.

Im Jahr 1886 vom deutschen Pater Wilhelm Schmidt für „arabische Mädchen“ gegründet, machen dort mehr als 500 Schülerinnen aus Jerusalem mit der Unterrichtssprache Englisch einen palästinensischen und britischen Schulabschluss, beide dem Abitur gleichwertig. Auch können sie inzwischen das Deutsche Sprachdiplom nach den Vorgaben der deutschen Kultusministerkonferenz erhalten.

Seit dem Jahr 2005 wird den Mädchen die deutsche Sprache und die gesellschaftliche Realität in Deutschland nahegebracht. Auch erfolgte nach langen Bemühungen die Anerkennung als Deutsche Auslandsschule durch die Zentralstelle für das Auslandsschulwesen. Seit dem Schuljahr 2008/2009 ist ein Bildungsgang eingerichtet, der zum Deutschen Internationalen Abitur führt. Die Anerkennung bedeutet in der Praxis, dass mehr Lehrkräfte aus Deutschland entsandt werden und auch Fachunterricht auf Deutsch gehalten wird.

Seit der zweiten Intifada sind offiziellen Angaben zufolge allein aus Bethlehem mehrere Tausend Christen ausgewandert. Die Auswanderungswelle erstreckt sich auch auf hoch qualifizierte Muslime. „Wichtig ist uns, dass unsere Absolventinnen mit den erworbenen Fähigkeiten ihrem Land nicht den Rücken kehren, sondern sich einbringen in den Aufbau und die Gestaltung einer eigenen palästinensischen Zivilgesellschaft“, sagte Kircher. Die ehemalige Schmidt-Schülerin Lama Tarayah hat immer betont, dass sie ihrem Land von Nutzen sein und dort etwas zum Besseren verändern will.

 

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