„Freilassungen sind eher punktuelle Ereignisse“

Kubanischer Bischof Beyra Luarca im Exklusiv-Interview

BAYAMO, 15. März 2012 (Vaticanista/KSZ).- Die Kubaner haben eine starke Bindung zur Muttergottes. Die „Virgen de la Caridad“ (Jungfrau der Nächstenliebe) in El Cobre ist das Nationalheiligtum des Landes. Papst Benedikt XVI. wird der Muttergottes-Figur von El Cobre im Rahmen seiner Kuba- Reise einen Besuch abstatten. Unsere Mitarbeiterin Michaela Koller sprach mit Alvaro Julio Beyra Luarca, Bischof der Diözese Bayamo y Manzanillo, über die bevorstehende Papstreise, die Muttergottes-Verehrung und die kirchliche Präsenz in kubanischen Medien.

Bischof Luarca von Bayamo; Foto: Kirche in Not

Bischof Luarca von Bayamo; Foto: Kirche in Not

Herr Bischof, was erwarten die Kubaner vom Besuch Papst Benedikts XVI. in diesem Monat?

Bischof Luarca: Der Besuch des Heiligen Vaters wird von praktisch allen Menschen hier auf Kuba mit Begeisterung erwartet. Den Papst bewundert beinahe das gesamte kubanische Volk, umso mehr, seitdem er uns nach dem Besuch von Johannes Paul II. so viel näher gekommen ist. Die Präsenz von Papst Benedikt XVI. auf Kuba wird, seinem Sendungsauftrag entsprechend, das Volk von Kuba in seinem Glauben stärken. Die Kubaner sind grundlegend marianisch orientiert. Deshalb heißt auch das Motto der Feierlichkeiten „Zu Jesus durch Maria, die Liebe eint uns.“

Darüber hinaus erwarten wir mit besonderem Interesse die Worte des Papstes, weil es ein grundlegendes anderes Wort ist, als es uns die Medienn tagtäglich präsentieren. Dort gibt es immer nur eine Meinung und einen einzigen Stil zu hören. Die Worte des Papstes eröffnen neue Horizonte, neue Ansätze und werden immer als bereichernd aufgenommen. Der Besuch von Johannes Paul II. hatte dazu beigetragen, die Kirche auf Kuba aus den Katakomben zu holen, in denen sie seit Jahrzehnten steckte. Dadurch wurde sie in der Öffentlichkeit wahrnehmbar. Ich denke, das ist der große Unterschied zwischen diesem und dem vorherigen päpstlichen Besuch.

Vor genau 400 Jahren, im Jahr 1612, begann in El Cobre die Marienverehrung. Wie groß ist derzeit das Interesse an Pilgerfahrten dorthin?

Bischof Luarca: Ein Besuch im Heiligtum „Virgen de la Caridad“ (Jungfrau der Nächstenliebe) in El Cobre war auf Kuba immer möglich und die Kirche hielt diese auch in schwierigen Zeiten durch. Seit rund 20 Jahren wird nun die Zahl der Pilger immer größer. Derzeit kommen etwa eine halbe Million Pilger pro Jahr, obwohl der Standort am anderen Ende der Insel den Besuch schwierig macht: Zum einen aufgrund der Abgelegenheit und zum anderen wegen der Transportschwierigkeiten. Ein Problem ist, dass die Anlagen des Pilgerheiligtums nicht ausreichend für den Empfang der Pilger gerüstet sind. Wir wollen diese Einrichtungen erweitern, aber dies wird nicht so schnell zu bewältigen sein.

Was bedeutet den Kubanern dieser Wallfahrtsort, auch außerhalb der katholischen Kirche?

Bischof Luarca: Die grundlegende Beziehung aller Kubaner zur „Virgen de la Caridad“ ist wie das Verhältnis eines Kindes zu seiner Mutter. Die Verehrung erwuchs zunächst im einfachen Volk und in der frühen Geschichte des Landes. Die „Virgen de la Caridad“ wird nicht nur in den Kirchen, sondern auch in den Häusern verehrt. Es wird wohl kaum einen Haushalt im Land geben, in dem kein Bild der Jungfrau zu finden ist.

Was sind die Früchte der Vorbereitung auf das Jubiläum?

Bischof Luarca: Erst jüngst ging ein Bildnis der Jungfrau Maria für fast 17 Monate auf eine Pilgerreise. In deren Verlauf wurde es zu allen bewohnten Orten im Land gebracht – und überall wurde dieser Besuch für die Menschen zu einem Fest. Sie alle versammelten sich um das Bildnis als wahre Geschwister, Kinder einer Mutter, die von ihr zusammengerufen worden waren. Dies verhilft zu einem besseren Klima der Zusammenarbeit. Es beseitigt Groll, löst Spaltungen und Vorurteile auf. Ebenfalls bemerkenswert ist die beträchtlich gestiegene Zahl der Menschen, die aus den Kirchengemeinden nach Cobre kommen oder die ihre Kinder mitbringen, damit diese hier das Sakrament der Taufe empfangen.

Papst Benedikt XVI. hat in seinem Schreiben an die kubanischen Bischöfe im Jahr 2008 das Apostolat der Ortskirche gewürdigt. Er schrieb: „Die Verkündigung des Evangeliums Christi stößt in Kuba weiterhin auf gut vorbereitete Herzen, die es annehmen können.“ Wie ist Ihnen das gelungen?

Bischof Luarca: In den vielen Jahren, in denen es praktisch unmöglich war, außerhalb der Kirchen irgendeine Form von Evangelisierung zu starten und in denen aufgrund von Emigration und dem starken äußeren Druck die christlichen Gemeinden zusammenschrumpften, waren es dennoch diese kleinen Gemeinden, die einen großen Zusammenhalt begründeten und ein echtes Gemeinschaftsleben aufbauten. Mit der Gnade Gottes hielt sie die Flamme des Glaubens am Leben. Für zwei, drei Jahrzehnte wurde die missionarische Arbeit hauptsächlich von Laien geleistet, da es an geweihten Mitarbeitern in der Pastoral mangelte. Seit 20 Jahren haben wir eine sehr starke Pastoral des Katechumenats für Erwachsene und natürlich auch für Kinder.

Seit mehr als fünf Jahren ist die Kubanische Bischofskonferenz mit einer Webpräsenz online. Wie sieht es darüber hinaus mit der Präsenz der Kirche in den Medien aus?

Bischof Luarca: Fast 40 Jahre lang hatte die Kirche keinen Zugang zu öffentlichen Medien. Die Berichterstattung über Kirche und Glaube war komplett negativ. Heute hat die Kirche einige bescheidene Möglichkeiten, Publikationen aufzulegen, die für den einfachen Umlauf innerhalb der Kirche dienen, auch wenn sie natürlich immer ein Stück weit über ihre Grenzen hinausgehen. Im Fernsehen kam es zu einer Premiere, als die Gottesdienste von Johannes Paul II. im Jahr 1998 übertragen wurden. Anschließend wurden auch einige Feierlichkeiten ausgestrahlt, die eine besondere Bedeutung hatten. Auch die Auftritte von Bischöfen nach der Bekanntgabe des Papstbesuches gehören dazu. Im Radio hat jeder Bischof dreimal jährlich ein 15-Minuten- Zeitfenster, um eine Nachricht zu Weihnachten, Ostern und zum Fest „Unserer Lieben Frau der Barmherzigkeit“ zu verbreiten.

Im Jahr 2010 hat die Regierung auf Vermittlung der katholischen Kirche auf Kuba politische Gefangene freigelassen. Internationale Menschenrechtsgruppen kritisieren jedoch, dass sich seither nicht viel bewegt hat. Laufen noch Verhandlungen?

Bischof Luarca: Die Kirche hatte damals als Vermittlerin bei einer Initiative der Regierung mitgewirkt, in der es um die Freilassung von etwa 100 politischen Gefangenen ging. Die meisten von ihnen waren dann aufgrund der Vermittlung der spanischen Regierung mit ihren Familien nach Spanien emigriert. Seit kurzem läuft eine weitere Initiative der Regierung: Aus Anlass des Besuches des Heiligen Vaters soll es zur Freilassung von 2.900 Gefangenen kommen, die wegen verhältnismäßig geringer Straftaten einsitzen. All dies sind natürlich gute Nachrichten, aber beide Entscheidungen werden eher als punktuelle Ereignisse, nicht als Erfolge eines Verhandlungsprozesses angesehen.

[Übersetzung: Dr. Angela Reddemann;

Erstveröffentlichung: © Katholische Sonntagszeitung, 16./17. März 2012]

 

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