Regierung in Havanna erwartet nervös den Papst

Dissidenten setzen Hoffnung in Besuch

Von Michaela Koller

HAVANNA, MADRID, 22. März 2012 (Vaticanista/Explizit).- An den Papstbesuch ab kommenden Montag auf Kuba, in einem der letzten kommunistischen Länder, werden hohe Erwartungen geknüpft. „Es wird schwierig. Er wird aber sagen, was er an Ort und Stelle sagen muss“, erklärte vergangenen Donnerstag sein Privatsekretär Prälat Georg Gänswein bei einer Stippvisite in München vor Journalisten. Benedikt XVI. wird sich klar positionieren, aber er wird dies nicht mit erhobenem Zeigefinger tun, sondern seinem sanften Stil entsprechend. Seine Präsenz wird der Höhepunkt der diesjährigen Feierlichkeiten um das 400-jährige Bestehen des nationalen Marienheiligtums de la Caridad del Cobre sein. Diese Muttergottes ist ein Zeichen der Einheit für die Kubaner. „Es wird ein Fest der Freude und der Geschwisterlichkeit“, freut sich schon seit vorigem Jahr der Erzbischof von Santiago de Cuba, Dionisio Guillermo García Ibáñez.

Fingerspitzengefühl wird auf jedem Fall erforderlich sein, da es sich um eine seiner politisch heikelsten Reisen handelt, wenn auch der Grund seines Besuchs pastoral und nicht politisch ist. Die Kirche auf Kuba spielt aktuell eine Vermittlerrolle, in die die politische Opposition inzwischen ihre Hoffnungen setzt. Spätestens seit dem Besuch seines Vorgängers Papst Johannes Paul II. auf der Zuckerinsel hat sich die Rolle der Kirche dort verändert. Bereits sechs Jahre zuvor wich der Atheismus aus Kubas Verfassung einem Laizismus, als vorläufiger Höhepunkt einer Entspannung seit der Mitte der 80er Jahre zwischen dem Dauer-Regime der Revolutionäre von 1959 und dem gläubigen Volk. Immerhin sind 60 Prozent der Kubaner Angaben des katholischen Lateinamerikahilfswerks Adveniat zufolge katholisch getauft, wobei dazu auch ein Teil der Anhängerschaft der synkretistischen Santeria-Religion zählen dürfte. Der unpolitische Kult verehrt in dem zentralen Marienheiligtum Barmherzige Jungfrau von Cobre die rachsüchtige Flussgöttin Ochún und wird sogar staatlich gefördert, im Gegensatz zur katholischen Ortskirche. Diese ist auf Unterstützung aus dem Ausland angewiesen, für einen seit dem Besuch des polnischen Papstes 1998 gewachsenen Handlungsspielraum.

„Der Papstbesuch war ein symbolisches Treffen zwischen zwei Staatsoberhäuptern, das zur Öffnung und zu einem besseren Verhältnis zwischen Staat und Kirche geführt hat. Die Katholiken wurden seither nicht mehr als Konterrevolutionäre angesehen“, ist Adveniat-Geschäftsführer Prälat Bernd Klaschka überzeugt, der auf Einladung der Kubanischen Bischofskonferenz am Papstbesuch teilnehmen wird. Nach der Hurrikan-Katastrophe 2008 sei sogar eine Zusammenarbeit zwischen staatlichen Einrichtungen und der örtlichen Caritas möglich gewesen. „Mit dem Katholischen Institut für Bioethik ist es sogar gelungen, als gleichwertiger Partner im akademischen Diskurs aufzutreten“, weiß Klaschka zu berichten.

Im vorletzten Jahr erreichte die katholische Kirche auf Kuba durch ihre Vermittlung, dass Havanna ungefähr 100 politische Gefangene freiließ. Menschenrechtsorganisation kritisierten zwar, dass die Freigelassenen gleich ins Exil gezwungen wurden, aber die Bischöfe verteidigten das Verhandlungsergebnis als humanitären Fortschritt: „Für diese Menschen ist es etwas Gutes, dass sie freigelassen werden. Das steht im Vordergrund. Der andere Aspekt bleibt im Hintergrund. Wenn wir handeln, dann um das Beste für die Person zu erreichen“, kommentierte etwa Erzbischof Dionisio Guillermo García Ibáñez von Santiago de Cuba den Vorgang. Die Mehrheit der Freigelassenen hätten der Ausreise nach Spanien zugestimmt. „Einige, die jetzt noch hinter Gittern sitzen, wollen im Land bleiben“, räumte er jedoch ein. Im Klartext: Das Regime möchte sich der Opposition entledigen und die Kirche kann sich von Fall zu Fall nur bemühen, ein Bleiben zu erreichen.

Ihre Vertreter sind nicht versucht, das Erreichte als politisches Tauwetter zu werten, zumal sich die Kirche selbst in der Öffentlichkeit nur ethisch-humanitär und nicht in der Verkündigung engagieren darf. Bei Besuchen von hochrangigen Vatikan-Vertretern in der Vergangenheit, wie des Kardinalstaatssekretärs Tarcisio Bertone sowie des Präsidenten des Päpstlichen Rates für die Sozialen Kommunikationsmittel, Erzbischof Claudio Celli, hatten diese etwa eine größere Präsenz der Kirche in den Medien angemahnt.

So sagt Bischof Alvaro Julio Beyra Luarca von Bayamo y Manzanillo im Interview über die Freilassung der Dissidenten sowie eine weitere Amnestie von Kleinkriminellen im Vorfeld des Papstbesuchs: „All dies sind natürlich gute Nachrichten, aber beide Entscheidungen werden eher als punktuelle Ereignisse, nicht als Erfolge eines Verhandlungsprozesses angesehen.“

Um eine Liberalisierung schneller herbeizuführen, wünscht sich so mancher Kubaner und so manche Kubanerin ein deutlicheres Wort vom Papst und von den Bischöfen. Eine der größten Organisationen von Exilkubanern, die in Miami ansässige Versammlung des Kubanischen Widerstandes (ARC), befürchtet laut KNA, die Papstvisite könne von der kommunistischen Führung dazu missbraucht werden, „das kubanische Volk weiterhin zu unterdrücken und somit ihren Machtanspruch auf der Insel zu legitimieren“. Sie wandte sich mit einem entsprechenden Appell an das Kirchenoberhaupt.

Das Magazin des Laienrats der Erzdiözese Havanna „Espacio Laical“ forderte Anfang März in einem Artikel einen grundlegenden Wandel in Kuba und Raum für politische Vielfalt. „Espacio Laical“ erklärte, dass die schwachen Resultate der Konferenz der Kommunistischen Partei am 24. Februar Frustration in weiten Teilen der Bevölkerung erzeugt haben, da das Land ohne grundlegende strukturelle Reformen die Krise nicht überwinden kann. Der Laienrat hoffe, dass Papst Benedikt XVI. während seines Besuches seine persönliche Unterstützung für das kubanische Volk zeigen und dazu beitragen werde, „den Pfad des nationalen Umbruchs weiter zu verfolgen und neue Türen zu öffnen“.

Und die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte in Frankfurt am Main, die beste Kontakte zur unterdrückten kubanischen Opposition sowie zu wesentlichen Exilgruppen in Miami (Florida) unterhält, wünscht sich, Benedikt XVI. möge Vertreter der kubanischen Menschenrechts- und Demokratiebewegung empfangen und sich überhaupt zum Thema Menschenrechte äußern. „Über Pläne mit der katholischen Bürgerrechtsbewegung „Damen in Weiß“ und der christlichen Sozialbewegung von Oswaldo José Payá Sardinas zusammen zu treffen, gibt es bislang keine Informationen, obwohl beide Gruppen hohes internationales Ansehen genießen und in den Jahren 2005 und 2002 den Sacharow-Preis für Menschenrechte des Europäischen Parlaments erhielten“, bedauerte ihr Sprecher Martin Lessenthin. Die Frauengruppe entstand 2003 aus Angehörigen von 75 zu langen Haftstrafen verurteilten Bürgerrechtlern, der „Gruppe der 75“. Noch im selben Jahr war deren Zahl auf 79 gestiegen. Die „Damen in Weiß“ sind sicherlich die international bekannteste kubanische Oppositionsgruppe. Immerhin hatte die Ortskirche erreicht, dass die Blockaden ihrer Schweigemärsche nach dem Besuch der Heiligen Messe sonntags in Havanna zeitweise aufhörten und schließlich ihre inhaftierten Angehörigen innerhalb der vergangenen zwei Jahre freikamen.

Kuba wäre nicht das erste Beispiel dafür, dass ein Papstbesuch den Widerstand im Gastland stärkt und so zeigt sich das Regime im Vorfeld des Ereignisses hoch nervös. In den ersten zwei Monaten des Jahres soll es Angaben der IGFM zufolge zu 815 kurzzeitigen politisch motivierten Verhaftungen gekommen sein. Davon waren auch 33 Damen in Weiß betroffen, von denen eine mit ihrer Familie sogar Folter erlitt. Andersdenkende sollen so systematisch daran gehindert werden, an Gottesdiensten teilzunehmen. Einige Bürgerrechtlerinnen und Bürgerrechtler werden der Menschenrechtsorganisation zufolge mit Drohungen, Verhaftungen und nackter Gewalt seit Monaten am Kirchgang gehindert. Sie suchen nicht nur Trost, sondern setzen ihre Hoffnung in die Vermittlerrolle der Kirche – trotz der jüngsten Rückschläge.

Der Botschafter Kubas beim Heiligen Stuhl, Eduardo Delgado Bermúdez, hatte im Zusammenhang mit seiner Akkreditierung im vorletzten Jahr Religionsfreiheit in seinem Land in Aussicht gestellt. Die Regierung unter Staatschef Raúl Castro sei bereit, sich mit einer „wachsenden Zahl konkreter Zeichen der Offenheit“ zu bewegen, sagte der Diplomat damals. Es gab in der Folge ein positives Zeichen, das immerhin nachhaltig wirkt: Nach mehr als einem halben Jahrhundert die Neuerrichtung eines Priesterseminars in 2010 in der Nähe von Havanna. Die Regierung erleichterte im Vorfeld die Anschaffung einiger Materialien. Präsident Raul Castro war selbst bei der Eröffnung. „Er wollte dabei sein und dies war ein positives Signal, dass der Präsident darauf bestand“, sagte Erzbischof von Santiago de Cuba, Dionisio Guillermo García Ibáñez im Interview.

Nun erwartet sein Mitbruder im Bischofsamt, Bischof Luarca von Bayamo, schlicht von der Apostolischen Reise nächster Woche: „Die Präsenz von Papst Benedikt XVI. auf Kuba wird, seinem Sendungsauftrag entsprechend, das Volk von Kuba in seinem Glauben stärken.“ Zumindest diese Erwartung dürfte zu erfüllen sein.

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