Die Tore zum Business-Paradies

Italienischer Unternehmer vererbt der Kirche 1,7 Milliarden

Von Tanja Schultz

BOLOGNA, 10. April 2012 (Vaticanista).- Die Testamentseröffnung des kürzlich verstorbenen Milliardärs Michelangelo Manini in der vorigen Woche muss Kardinal Carlo Caffarra wie ein Schlag getroffen haben. Ausgerechnet sein Erzbistum von Bologna soll alleiniger Erbe des Hauptaktionärs der multinationalen Gruppe FAAC sein. Geschätztes Vermögen: 1,7 Milliarden Euro. Wie die Kirche zu dieser Erbschaft kommt, konnte sich keiner der Anwesenden zunächst erklären. Der Wunsch, Familienbesitz und Geschäftsleitung der Kirche nach dem Ableben anzuvertrauen, hat Manini zwanzig Jahre lang als Geheimnis gehütet, gut verschlossen in seinem handgeschriebenen Testament, das ein befreundeter Notar aufbewahrte. Erst als der gerade fünfzigjährige Firmenchef am 17. März an einem Krebsleiden verstarb, wurde das Geheimnis gelüftet. Und die Nachricht schlug wie eine Bombe ein!

Die FAAC-Zentrale muss nicht umziehen; Foto: FAAC

Die FAAC-Zentrale muss nicht umziehen; Foto: FAAC

Nicht, dass die alleinige Tatsache einer Kirchenerbschaft in Staunen versetze. Nicht selten hinterlassen heute noch alleinstehende Gläubige in Italien ihre Häuser und Ersparnisse der Kirche oder karitativen Organisationen. Abgesehen von der gewaltigen Höhe der Summe, die in der Geschichte ihresgleichen sucht, dürfte ein weiterer Umstand den Kardinal haben erzittern lassen: Die geerbten 66 Prozent Firmenanteile machen schließlich das Bistum zum Entscheidungsträger im Vorstand des Konzerns. Ein Kardinal sitzt nun an der Spitze einer multinationalen Gruppe. Die Fassungslosigkeit der Kurie rührte aber noch aus einem anderen Punkt. Niemand in der Gemeinde kannte Signor Manini persönlich. Der Milliardär führte ein zurückgezogenes Leben und war weder als Kirchgänger noch durch Spenden oder andere Wohltätigkeiten in der Vergangenheit aufgefallen.

An der Erbschaft ist auch nichts wirtschaftlich faul. Um die Bilanz des Unternehmens muss sich die Kirche in nächster Zeit nicht sorgen. Die Geschäfte laufen bestens. FAAC ist weltweit führenden Hersteller von automatischen Torantrieben mit einem Jahresumsatz von 214 Millionen Euro (2011). Vater Giuseppe hatte das 1965 gegründete Familienunternehmen mit der Erfindung von hydraulisch betriebenen Einfahrts- und Garagentoren zum Erfolg geführt. Der Boom kam 1993 mit dem patentierten Telepass an den italienischen Autobahn-Mautstellen. Derzeit verfügt die Firma tausend Mitarbeiter und hat Niederlassungen in zwölf Ländern, darunter China. Das Hauptquartier liegt seit 1979 in Zola Predosa bei Bologna.

Jedenfalls erholte sich der Purpurträger schnell von der Nachricht. Die Antwort folgte unverzüglich in einem Kommuniqué: „Die Kirche von Bologna wird diese Güter unter strikter Einhaltung der staatlichen Gesetze und nach den Normen des kanonischen Rechts, der Jahrhunderte langen praktizierten Fürsorge gegenüber den Bedürftigen sowie nach dem evangelischen Gebot der Nächstenliebe nutzen.“ Natürlich kann der Erzbischof nicht persönlich die Präsidentschaft übernehmen. Als Nachfolger von Michelangelo Manini bestimmte die Kurie Anwalt Andrea Moschetti, den langjährigen Vertrauensmann und Rechtsberater des Erzbistums.

Selbst der Geschäftsleiter Andrea Marcellan ahnte nichts von dem letzten Wunsch Maninis: “Wir sind über die Ereignisse äußerst erstaunt. Wir haben weder diesen neuen Gesellschafter erwartet, noch wussten wir, dass der gesundheitliche Zustand des Besitzers so kritisch war,“ gestand er gegenüber Medienvertretern ein. Am Tag zuvor hatte sich der neue Vorstand geschwind zu einer ersten Sitzung in Bologna zusammen gefunden, um die Geschäftslinie abzusprechen.

Als die französische Firma Somfy, mit 34 Prozent Minderheitsaktionär, von den neuen Besitzverhältnissen erfuhr, unterbreiteten sie sofort ein Angebot, die Anteile der Kurie zu übernehmen. Ihre Hoffnung, die im Business unerfahrenen Priester von der Last der Verantwortung abbringen lassen zu können, zerschlug sich jäh. Zum Erstaunen der französischen Manager lehnte die Kurie die gebotenen 1,1 Milliarden ab. „Kommt nicht in Frage. Wir werden den Wunsch von Michelangelo Manini respektieren und das Aktionspaket so unangetastet lassen, wie wir es übernommen haben,“ bekräftigte Bistumsverwalter und Finanzexperte Monsignore Gianluigi Nuvoli.

Eine Übernahme durch Somfy hätte eine Verlegung des Hauptsitzes nach Frankreich zur Folge gehabt. Hier ein klares Nein der Kurie: “Das Hauptwerk bleibt in Zola Predosa, die Arbeitsplätze der 200 Angestellten bleiben garantiert. Für uns haben Arbeitsplatzsicherung und Arbeitsethik Priorität.” In Zeiten der schweren Wirtschaftskrise, die die Arbeitslosenquote auf 9,3 Prozent hochschnellen ließ und das Prekariat auf die Hälfte der jungen Arbeitnehmer ausdehnte, ist diese Nachricht so beruhigend wie selten.

Eine genaue Inventarisierung der Hinterlassenschaft wird erst in diesen Tagen erfolgen. Zu den Firmenbeteiligungen gesellen sich Immobilien und Bankkonten des Verstorbenen. Erst dann wird ein Programm der Verwendung der Gelder vorgelegt werden. „Das Geld wird nicht an den Klerus verteilt”, versichert der Monsignore, „sondern an Kultorte und an karitative Einrichtungen“. „Es wird vor allem für die Verbreitung des Evangeliums verwendet werden, und das in jeglicher Hinsicht, auch in indirektem Sinn wie für die Restaurierung von Kirchenbauten, wodurch auch neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Darüber hinaus werden wir den Armen helfen, wie wir das stets getan haben.“

Wenn auch die Beweggründe des Unternehmers, die zu diesem außerordentlichen Testament geführt haben, nicht im Einzelnen bekannt sind, so mag er sicherlich in der Kirche eine zuverlässigen Vollstreckerin seines testamentarischen Wunsches, die Geschäfte in seinem Sinne weiterzuführen, gefunden haben. Michelangelo Manini hatte keine Nachkommen, er selbst war Einzelkind. Jedoch werden ihn nicht nur der Mangel an geeigneten Erben zu diesem Entschluss geführt haben. Sein Anliegen war zweifellos, das vom Vater aufgebaute Imperium nicht zerstückeln zu lassen und die Arbeitsplätze zu bewahren. Der Milliardär gehörte nie dem italienischen Jetset an, Luxus hat ihn nicht sonderlich interessiert. Mit der Gewissheit, dass die erwirtschafteten Familienreichtümer einen guten Zweck gefunden haben, wird er ruhiger entschlafen sein als ohne diese.

 

 

 

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