„Gott auch im Unscheinbarsten finden“

Kurz-Interview mit Michael Hesemann

DÜSSELDORF, 16. April 2012 (Vaticanista/Theologisches).- Anlässlich des 85. Geburtstags von Papst Benedikt XVI. am heutigen Montag stellt Vaticanista News den Gefeierten in den Mittelpunkt einer Bücherschau. Den Anfang macht der Erinnerungsband des Historikers und Vatikan-Autors Michael Hesemann über die Deutschlandreise des Pontifex im vorigen September. Peter Kauert befragte dazu den Publizisten nach dessen ganz persönlichen Betrachtungen.

45 Meter breit und 64 Meter lang prangt seit Montag das Titelblatt der Bild-Zeitung vom 20. April 2005 als Mega-Poster am Berliner Springer-Hochhaus; Foto: Koller

45 Meter breit und 64 Meter lang prangt seit Montag das Titelblatt der Bild-Zeitung vom 20. April 2005 als Mega-Poster am Berliner Springer-Hochhaus; Foto: Koller

Für die meisten Deutschen bleibt vermutlich das haushohe Titelblatt der „BILD“-Zeitung vom Papstbesuch im Gedächtnis. Was waren Ihre Höhepunkte als Vatikan-Journalist?

Michael Hesemann: Ganz ehrlich: Mein persönlicher Höhepunkt war die marianische Vigil in Etzelsbach. Die Stimmung war unbeschreiblich. Etzelsbach liegt praktisch mitten im Nirgendwo. Das heißt: Zweistündige Hinfahrt von Erfurt, Auto abstellen, noch einmal eine Stunde durch Wald und Wiesen pilgern. Das Pilgerfeld lag direkt vor der winzigen Kapelle, in der das Gnadenbild der schmerzhaften Gottesmutter verehrt wird. Dahin kam der Papst! Das war eine echte Wallfahrt, da wurde spürbar, welche Kraft vom Pilgerwesen ausgeht, dass wir selber Pilger sind und dass man Gott auch im Kleinsten, Unscheinbarsten finden kann.

Der Besuch des Heiligen Vaters im vorigen Jahr war überschattet von Kritik der unterschiedlichsten Lager. War davon im Gegensatz zu den vorherigen Besuchen etwas zu spüren? Wie ist Papst Benedikt XVI. damit umgegangen?

Michael Hesemann: Die Gegner haben sich blamiert. Statt der angekündigten 20.000 bis 30.000 Papstgegner marschierten in Berlin gerade einmal 2-3000 auf, in Freiburg war trotz großer Kampagne im Vorfeld dann doch nur ein armseliges Häuflein mit einem Mini-Infostand. Papst Benedikt tat das einzig richtige: Er hat die Protestler ignoriert.

Nun ist so ein Papstbesuch keine Fanveranstaltung der Katholiken, sondern – wenn man an das Erbe von Papst Johannes Paul II. denkt – vor allem eine Mission. Ist Deutschland Ihrer Meinung nach in Sachen Glauben ein Entwicklungsland?

Michael Hesemann: Das wird es leider mehr und mehr. Aber es gibt auch Zeichen der Hoffnung wie die vielen Jugendlichen, die sich in der „Nightfever“-Gebetsnacht in Berlin auf den Papstbesuch einstimmten.

Haben sie ein Lieblingsfoto in dem Bildband?

Michael Hesemann: Ja, Sie finden es auf Seite 41. Es zeigt den aufgerissenen Himmel über Berlin, als das Olympiastadion zur Kathedrale für 60.000 Menschen wurde. Das Naturschauspiel, das sich da bot, hatte geradezu alttestamentarische Symbolkraft. Das Licht, die Farben – ich werde sie nie vergessen!

Respektvoll überlassen Sie dem Heiligen Vater in dem neuen Buch das Wort und beschränken sich auf knappe Kommentare und Beobachtungen. Gibt es eine Rede, die Sie stellvertretend für den Besuch herausstellen möchten?

Michael Hesemann: Natürlich waren alle Ansprachen wichtig, jede auf ihre Weise. Historisch war die Rede vor dem Bundestag, aber wegweisend für die katholische Kirche in Deutschland seine Ansprache vor engagierten Katholiken in Freiburg, Stichwort: Entweltlichung statt Verweltlichung der Kirche von morgen!

Wurden Ihrer Meinung nach die brennenden Fragen wie: Ökumene, Missbrauchsfälle usw. ausreichend behandelt?

Michael Hesemann: Mehr als ausreichend! Was haben sich unsere protestantischen Brüder und Schwestern erhofft? Dass der Papst um einer netten Geste willen mal eben die katholische Sakramentenlehre über Bord wirft? Wer mit unrealistischen Erwartungen an eine Begegnung herangeht, der muss zwangsläufig auf den Boden der Tatsachen zurückgeführt werden. Umso schöner war die Begegnung des Papstes mit den Vertretern der Ostkirchen, die wie unsere Kirche in apostolischer Sukzession stehen. Da reift echte Ökumene heran!

Wird es bei einem (hoffentlich) nächsten Besuch von Papst Benedikt XVI. ein ähnliches Buch geben? Eventuell ausschließlich mit Fotos vom Autor?

Michael Hesemann: So Gott, der Heilige Vater und mein Verlag es wollen, gerne! Aber ausschließlich mit Fotos, die ich geschossen habe, gewiss nicht. Denn zwangsläufig konnte ich nicht überall sein; eine Anwesenheit im Olympiastadion etwa schloss die Teilnahme an der Reichstagsrede und der Begegnung mit der jüdischen Gemeinde aus, und auch einen halben Tag in Freiburg musste ich zwangsläufig verpassen, weil ich die rund 600 Kilometer zwischen Erfurt und Freiburg mit dem Auto zurücklegte. Zudem komme ich natürlich nicht so nah an den Heiligen Vater heran wie sein Leibfotograf. Und das ist auch gut so, denn er ist bei einer solchen Aufgabe doch eindeutig routinierter!

[Michael Hesemann, Benedikt XVI. Der Papst in Deutschland, Sankt Ulrich Verlag, Augsburg 2011, 144 S., ISBN: 978-3-86744-184-1, gebunden EUR 14,95 (D), sFr 23,50, EUR 15,40 (A)]

[Erstveröffentlichung: Theologisches, Nr. 3 / 4 2012]

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