Ägypten: Die Universität Al Azhar und die Religionsfreiheit

Höchste sunnitische Rechtsautorität im politischen Ränkespiel

Von Michaela Koller

KAIRO, 17. April 2012 (Vaticanista/Die Tagespost).- Alma Mater internationaler Wissenschaftler, Instrument ägyptischer Diktatoren und akademische Heimat großer Reformer: All dies zugleich ist in ihrer Jahrhunderte langen Geschichte Al Azhar gewesen, die „Blühende“ und zweitälteste islamische Lehranstalt, Madrasa, der Welt. Im Jahr 975 begannen dort erste Studien schiitischer Theologie und Rechtslehre unter der Herrschaft der Fatimiden. Erst im 12. Jahrhundert wurde die Einrichtung sunnitisch und ihr Großscheich gilt derzeit als oberste Rechtsautorität der sunnitischen Welt. Die Rechtsgutachten der Universität, an der mehrere Hunderttausend Studenten einen akademischen Abschluss anstreben, finden weite Anerkennung; ihre Wissenschaftler genießen hohes Ansehen. Viele Studenten der islamischen Theologie aus der ganzen Welt, darunter Indonesien, dem bevölkerungsreichsten islamischen Land, zieht es dorthin. Für den Besuch ist eigens ein spezielles Azhar-Abitur Voraussetzung, das in einem Netzwerk von Einrichtungen in Ägypten und im Ausland erworben werden kann.

Die Moschee und Universität Al Azhar; Foto: M. Koller

Die Moschee und Universität Al Azhar; Foto: M. Koller

Seit 1961 bis vor kurzem unterstand die Einrichtung vollkommen staatlicher Kontrolle: Großscheich Ahmed Mohammed et-Tayyib, Anfang 2010 noch von Hosni Mubarak ins Amt berufen, gab sich voriges Jahr noch sehr staatstragend: Nachdem in der Neujahrsnacht bei einem Bombenanschlag auf die Al-Qiddissine-Kirche in der ägyptischen Küstenstadt Alexandria 24 Kopten getötet und weitere 170 Menschen verletzt worden waren, verdächtigte er „zionistische Kräfte“ als Drahtzieher. Nun wird gegen den früheren ägyptischen Innenminister Habib el-Adly wegen des Verdachts auf Verstrickung in den Terroranschlag ermittelt. Der Verdacht liegt nahe, dass das Regime in seinem Großscheich einen Willfährigen gefunden hatte, der für einen Moment von einer erheblichen Tatsache ablenken konnte: Dass kurz vor dem Anschlag klammheimlich alle Sicherheitskräfte abgezogen worden waren. Dazu bediente sich et-Tayyib antisemitischer Hetze. Es gab schon bessere Zeiten an der „Blühenden“. Als sich die Universität im 19. Jahrhundert zu einer Einrichtung mit Renommee über die Grenzen des Orients hinaus entwickelte, war der ungarisch-jüdische Orientalist Ignaz Goldziher der erste Europäer, den die altehrwürdige Azhar zum Studium zuließ.

Der Großscheich soll künftig nicht mehr vom ägyptischen Präsidenten, sondern vom Vertretern des Lehrkörpers bestimmt werden. Für Pfarrer Rafic Greiche, Sprecher der mit Rom unierten melkitischen griechisch-katholischen Kirche in Ägypten, bringt das neue Gesetz die Universität einen großen Schritt vorwärts zugunsten eines moderaten Islam. Dem Geistlichen zufolge will Al-Azhar zu einem Bezugspunkt für moderaten sunnitischen Islam gegen extremistische muslimische Bewegungen wie die Muslimbruderschaft und Salafisten werden. „Die Mitglieder der Fakultäten sind gut ausgebildet“, betonte Greiche laut Presseberichten. „Viele haben im Ausland studiert. Sie haben eine andere Interpretation des Koran und sind gegen Islamisten, die sich gegen Kultur, Kunst, Gedanken- und Religionsfreiheit stellen.“

Die größere Unabhängigkeit von politischen Institutionen bedeutet gewiss nicht, sich selbst nur auf Hochschul- und Bildungspolitik zurückzuziehen. Bereits im Juni vorigen Jahres, vier Monate nachdem der autoritäre Herrscher Hosni Mubarak aus dem Amt gejagt worden war, veröffentlichte Al Azhar „Empfehlungen für die Zukunft Ägyptens“, zusammengefasst in elf Punkten.

Darin werden Rechtsstaat, Demokratie sowie ein Klima des Dialogs und des gegenseitigen Respekts postuliert, was in allgemeinem Wahlrecht, Meinungs- und Informationsfreiheit, Gleichheit für alle Bürger, unabhängig von Alter oder Geschlecht, sowie einer Kontrolle der Sicherheitskräfte zum Ausdruck kommen soll. Internationale Verträge sollten ebenso geachtet werden wie die soziale Gerechtigkeit. Das islamische Recht, die Scharia, soll nur eine der Quellen der Gesetzgebung sein. Zum Schluss der Erklärung empfahlen die Autoren die Unabhängigkeit der Universität sowie ihren Primat in islamischen Angelegenheiten. Dabei geht es nicht nur darum, Verwirrung in der Umma zu vermeiden. Im Ringen um die Vertretung der reinen islamischen Lehre ist Al Azhar offenbar entschlossen, seine führende Rolle nicht nur zu verteidigen, sondern gar auszubauen, in Abgrenzung gegen Muslimbürder und Salafisten.

Ein „Dokument über die Grundfreiheiten“ folgte am 8. Januar dieses Jahres, während der Periode der Parlamentswahlen und kurz vor dem ersten Jahrestag des Beginns der ägyptischen Revolte. Verschiedene islamische Gruppen wie auch christliche Vertreter waren bei der Formulierung zu Rate gezogen worden. Es befasst sich mit Forschungs- und Kunstfreiheit sowie Meinungs- und Religionsfreiheit. „In jedem Fall hat das Dokument einen großen Wert, weil Al Azhar eine Autorität im Islam ist. Es ist eine Institution in einem Land, in dem 90 Prozent Sunniten leben. Wenn Al Azhar spricht, hören alle“, sagt der Islamwissenschaftler und Jesuitenpater Samir Khalil Samir gegenüber dieser Zeitung.

Das Dokument öffne sich einen Schritt weit der Moderne. Zu einer umfassenden Religions- und Gewissensfreiheit, die auch Abfall vom Islam und Übertritt zu anderen Religionen mit einschließe, hätten sich die Autoren jedoch nicht durchringen können. Auch hinsichtlich der Gleichheit vor dem Gesetz aller Ägypter, gleich welcher Religionszugehörigkeit, sei nichts Konkretes enthalten, meint Samir. „Die Christen haben es trotzdem zugelassen, weil sie wissen, dass es das Beste ist, was sie in dieser Situation erreichen konnten“, ist sich Samir sicher. „Beide Dokumente sind mehr politisch als religiös. Al Azhar verteidigt damit ihre Position und will zeigen, dass sie den richtigen, den orthodoxen Islam vertritt, der auch den Christen Freiheit garantiert.“

Vor einem Jahrhundert, so meint der ägyptische Jesuit, seien die Ägypter in Bezug auf die Auseinandersetzung des Islam mit der Moderne schon „einen Schritt weiter gewesen“. Die Reform Anfang des 20. Jahrhunderts ging von einem Absolventen der Azhar aus, Mohammed Abduh, der später zum Großmufti Ägyptens aufstieg. Er betonte, der Islam sei eine rationale Religion, bei der es sehr auf das Glaubenswissen ankomme. Er befürwortete die Einehe und kämpfte mit Worten gegen den Despotismus islamisch legitimierter Herrscher. Das Establishment entrüstete sich über seinen Korankommentar. Mit einem zweiten Mohammed Abduh könnte sich Al Azhar jetzt einen Platz in der Geschichte des Arabischen Frühlings sichern.

[Erstveröffentlichung: Die Tagespost, 17. April 2012]

 

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