„Dem treuen Bahnhofsapostel“

Vor einem Vierteljahrhundert wurde Pater Rupert Mayer selig gesprochen

Von Michaela Koller

MÜNCHEN, 3. Mai 2012 (Vaticanista).- An diesem Donnerstag ist in München in zwei Gottesdiensten der Seligsprechung des Jesuitenpaters Rupert Mayer vor einem Vierteljahrhundert gedacht  worden. Beim Festgottesdienst zusammen mit dem Jesuitenprovinzial Pater Stefan Kiechle mittags in der Münchner Bürgersaalkirche würdigte der Münchner Erzbischof Kardinal Reinhard Marx, den Seligen Jesuitenpater als „Zeugen der Evangelisierung“. „Ohne Verbindung zu Nächstenliebe und Caritas ist es unmöglich, den Glauben zu verkünden“, sagte der Erzbischof von München und Freising bei einem Gedenkgottesdienst am 25. Jahrestag der Seligsprechung Rupert Mayers am Donnerstag, 3. Mai, in der mit mehr als 500 Gläubigen voll besetzten Münchner Bürgersaalkirche. „Evangelisieren können wir nur, wenn wir in Wort und Wahrheit leben, wenn wir das, was wir verkünden, in Hinwendung zu den Menschen leben“, so Marx in seiner Predigt weiter. Pater Rupert Mayer habe die Wahrheit verkündigt und bezeugt und sich gleichzeitig den Armen, Schwachen und Ausgestoßenen zugewandt.

Gerade als Rupert Mayer allein gestanden sei gegen die Nationalsozialisten, sei er dem Glauben und der Kirche treu geblieben. „Er wusste, dass der Glaube nicht vereinbar ist mit Hass und einer menschenverachtenden Ideologie. Wie konnte es überhaupt Christen geben, die dem zugestimmt haben?“, fragte der Kardinal.

Am Abend fand noch ein weiterer Gedenkgottesdienst in St. Michael statt, bei dem Jesuitenpater Willi Lambert die Festpredigt hielt.

Papst Johannes Paul II. im Münchner Olympiastadion; Foto: Erzbistum München-Freising

Papst Johannes Paul II. im Münchner Olympiastadion; Foto: Erzbistum München-Freising

Der in München und weit darüber hinaus wegen seines sozialen Engagements und seines Widerstandes gegen das nationalsozialistische Regime verehrte Pater Mayer wurde am 3. Mai 1987 durch Papst Johannes Paul II. während eines Gottesdienstes im Münchner Olympiastadion selig gesprochen. In seiner Predigt sagte der Papst zu den zahllos versammelten Gläubigen: „Möge das geistige Erbe seines Lebens und seines apostolischen Dienstes immer, besonders in Zeiten der Prüfung, mit Euch sein und Euch stets neue Kraft und Zuversicht schenken in Christus.“ Nach dem Gottesdienst im Olympiastadion fuhr der Papst zur Bürgersaalkirche, wo er am Grab des Seligen im stillen Gebet verharrte.

Papst Johannes Paul II. am Grab Pater Rupert Mayers; Foto: Erzbistum München-Freising

Papst Johannes Paul II. am Grab Pater Rupert Mayers; Foto: Erzbistum München-Freising

Seit der Umbettung vom Pullacher Ordensfriedhof in die Unterkirche des Münchner Bürgersaals im Mai 1948 zieht es jeden Tag sehr viele Gläubige inmitten der Hektik der Münchner Fußgängerzone zu seinem Grab, um sich mit ihren alltäglichen Sorgen und Nöten an den „Münchner Apostel“ zu wenden, ihn um Fürsprache anzuflehen. Viele Tausende Gebetsanliegen sollen bereits erhört worden sein.

Eines der frühesten Dankeskärtchen für seinen Beistand, aus dem Jahr 1946, ist in einer Dauerausstellung in der Bürgersaalkirche zu sehen. Diskrete Pfeile weisen den Betenden den Weg links am Grab vorbei zu Räumlichkeiten der Marianischen Männerkongregation, in denen seit zwei Jahren Münchens erstes kirchliches Museum regen Zulauf bekommt. Vor einer hell erleuchteten Milchglasscheibe steht ein Schattenbild des Seligen, dessen sterbliche Überreste ja nur wenige Meter entfernt beigesetzt sind, lädt Besucher effektvoll zum Verweilen ein. Davor ist die Soutanelle, der Hut und der Stock zur Vervollständigung der Dreidimensionalität drapiert, mit der berühmten Caritasbüchse, mit der Pater Rupert Mayer einst Spenden sammelte.

Es ist wie ein Deja-vu-Erlebnis: Zeigt es doch eines der bekanntesten Fotos des gebürtigen Stuttgarters am 18. Mai 1935 vor der benachbarten Kirche St. Michael mit der Spendendose, mit der demonstrativ trotz eines Verbots durch die Nazis für die Caritas sammelte. Sehr plastisch werden so Stationen seines priesterlichen Lebenszeugnisses zur Einführung in sein Leben präsentiert, darunter auch seine Krücken: Der einstige reisende Volksmissionar (1906 bis 1912), Männerseelsorger (1912 bis 1914) und Soldatenseelsorger war als erster Feldgeistlicher mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet worden, nachdem er, einen schwer verletzten Soldaten schützend, selbst lebensgefährlich verletzt worden war.

Ganz in der Nähe der Gehhilfen ist auf Augenhöhe für Mittelgroße eine Dankeskarte zu sehen, die ihn aus bedeutsamer Hand noch zu Lebzeiten erreichte: Michael Kardinal von Faulhaber übermittelte „dem treuen Bahnhofsapostel“ seinen herzlichsten Dank. Auf der dazugehörigen Infotafel in der Ausstellung erfährt der Besucher, dass der Kardinal, der im Januar 1937 die Enzyklika „Mit brennender Sorge“ entworfen hatte, am 4. Juli desselben Jahres, in seiner Predigt „Wenn die Flammenzeichen rauchen“ den 1899 zum Priester geweihten Jesuitenpater verteidigte, „der einen Monat zuvor von der Gestapo wegen seiner mutigen Verkündigung der Wahrheit verhaftet worden war.“ Es war der Tag des Hauptfestes der Marianischen Männerkongregation, deren Präses Pater Rupert Mayer seit 1921 war und sich so den Ruf als „Stimme der Katholiken“ in München erwirkte.

„Verbrecherfotos“ von der Festnahme des Paters präsentiert die Ausstellung zudem als weiteres Dokument seiner geistigen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Das Predigtverbot vom 7. April 1937 beachtete er so wenig wie zwei Jahre zuvor das Verbot zum Spendensammeln. Zweimal brachte dem Aufrechten dies eine Verhaftung ein. Als er ein drittes Mal abgeholt wurde und ins KZ Sachsenhausen kam, hatte er sich zuvor geweigert, Auskunft über Seelsorgegespräche zu geben. Sein schwacher Gesundheitszustand machte eine Überstellung ins Kloster Ettal notwendig, wo er bis zum Zusammenbruch der braunen Terrorherrschaft interniert blieb. Nur ein halbes Jahr später, am Allerheiligentag, erlitt er einen Schlaganfall in der Münchner Kirche St. Michael, dessen Folgen er noch am selben Tag erlag.

Seither stärkt sein heiligmäßiges Leben ununterbrochen die Gläubigen, die davon erfahren oder seine Fürsprache suchen. Szenen von seiner Seligsprechung durch Papst Johannes Paul II. am 3. Mai 1987 im Münchner Olympiastadion sind in der Ausstellung per Knopfdruck auf einem Flachbildschirm abrufbar. Nur ein kirchlich anerkanntes Wunder als sichtbares Zeichen des übernatürlichen Eingreifens fehlt noch zur Heiligsprechung.

 

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