Fusseneggers Wirkungsgeschichte liegt in der Zukunft

Interview zum 100. Geburtstag der katholischen Schriftstellerin

MÜNCHEN, 8. Mai 2012 (Vaticanista).- Eine katholische Schriftstellerin zu sein, bedeute nicht über Christliches zu schreiben, sondern das Transzendente ernst zu nehmen, betonte einmal Gertrud Fussenegger. Sie zählte zu den großen katholischen Autorinnen und Autoren wie Gertrud von Le Fort und Werner Bergengruen und wäre an diesem Dienstag 100 alt geworden. Die 1912 in Pilsen geborene Österreicherin starb am 19. März 2009 in Linz. Der Journalist und Unternehmer Michael Ragg (Ragg´s Domspatz) war mit Gertrud Fussenegger befreundet. Seit fünfzehn Jahren setzt er sich für die Neuentdeckung der Schriftstellerin ein. Michaela Koller befragte ihn für Vaticanista über seinen persönlichen Eindruck von der einstigen Grande Dame der österreichischen Literatur.

Michael Ragg im Gespräch mit Gertrud Fussenegger; Foto: Privat

Michael Ragg im Gespräch mit Gertrud Fussenegger; Foto: Privat

Herr Ragg, wie haben Sie Gertrud Fussenegger kennengelernt?

Ragg: Am Anfang stand eine schlichte Notiz in einem Gedenktage-Kalender für Journalisten: „85. Geburtstag Gertrud Fussenegger, katholische Schriftstellerin“. Ich arbeitete damals für einen katholischen Radiosender und besorgte mir ihre Biographie, um zu sehen, ob sich ein Interview lohnt. Nachmittags fing ich zu lesen an, am anderen Morgen gegen sieben Uhr blätterte ich die letzte Seite um und war begeistert. Diese Frau musste ich kennenlernen. Kurze Zeit später saß ich ihr in Hall in Tirol gegenüber.

Welchen Eindruck hatten Sie von der Autorin?

Ragg: Sie war eine liebenswürdige, bescheidene, hochgebildete, hellwache Frau, eine „Grande Dame“, wie man sie zurecht genannt hat. Später, als ich sie zu einer Reihe von Veranstaltungen als Rednerin einlud, lernte ich ihre absolute Professionalität und Zuverlässigkeit schätzen. In ihrer Gegenwart bemühte man sich, das Beste aus sich selbst hervorzuholen. Das ging nicht nur mir so.

Wie sprach Gertrud Fussenegger über ihren Glauben?

Ragg: Der Glaube war für sie, besonders in ihren letzten Jahren, neben ihrer großen Familie, der tragende Grund ihres Lebens. Sie hat ihre Hoffnung in Gott gesetzt – und in die Sakramente.

Wie stand sie zur katholischen Kirche?

Ragg: Bei unserer letzten Begegnung am Krankenbett hat sie mich mit den eindringlichen Worten verabschiedet: „Wir bleiben bei der Una Sancta“. Sie hing, solange sie konnte, in die Heilige Messe, „um der Jugend ein Vorbild zu sein“. Einmal hat sie berichtet, dass sie bei der Begegnung mit dem ihr befreundeten Ernst Jünger bekannt habe, sie sei eine praktizierende Katholikin. Jünger, der selbst im Alter von 101 Jahren zur katholischen Kirche konvertierte, habe ihr gesagt: „Da tun sie recht daran.“ Als Papst Johannes Paul II. Österreich besuchte, wurde sie für die Ansprache ausersehen. Schließlich hat ihr ja Papst Benedikt XVI. 2007 das Komturkreuz mit Stern des päpstlichen Silvesterordens verliehen.

Das ist doch etwas überraschend, denn durch die Scheidung von ihrem ersten Mann war Gertrud Fussenegger lange von den Sakramenten ausgeschlossen. Wie hat das ihre Haltung zur Kirche beeinflusst?

Ragg: Erstaunlicherweise hat es ihre Bindung an die „Una Sancta“ eher verstärkt. In einem Interview, das ich mit ihr führen durfte, ging sie soweit, zu sagen, durch das Verbot sei ihr erst die Kostbarkeit der Heiligen Eucharistie aufgegangen. Sie habe sich „beschenkt gefühlt durch das Verbot“. Eine Haltung, der Kirche gegenüber, die man unseren diversen „Pfarrer-Initiativen“ wünschen würde.

Sie haben am vergangenen Freitag zu Ehren der 2009 verstorbenen Autorin in München eine ihrer „Domspatz-Soiréen“ veranstaltet. Dafür konnten sie auch einen führenden Kopf der deutschen Literaturszene gewinnen, den Präsidenten der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, Professor Dieter Borchmeyer. Wie schätzt er den literarischen Rang Gertrud Fusseneggers ein?

Ragg: Borchmeyer hat sein Urteil bekräftigt, dass die „eigentliche Wirkungsgeschichte“ Gertrud Fusseneggers „erst der Zukunft angehört“. Er sieht einige ihrer Werke, vor allem „Das Haus der dunklen Krüge“ und „Zeit des Raben, Zeit der Taube“ ohne Weiteres auf der Stufe der „Buddenbrocks“ oder der Blechtrommel. Wie viele andere Literaturkenner beklagt er die „groteske Verkennung“ der Autorin zu ihren Lebzeiten, die vor allem dem Umstand geschuldet war, dass sie, nach von ihr sehr bedauerten politischen Jugendirrtümern, sich nicht wie viele andere der linken Autorenszene, etwa der Gruppe 47 angeschlossen hat, sondern sich als gläubige Christin bekannt und die Kirche verteidigt hat.

Der literarische Rang Gertrud Fusseneggers zeigt sich aber auch darin, dass sie, im Gegensatz zu anderen großen christlichen Autoren der Sechzigerjahre wie Werner Bergengruen, Gertrud von le Fort, Reinhold Schneider und andere, trotz aller Ausgrenzungsversuche nicht zu verdrängen war. Noch in den Achtzigern berief sie Marcel Reich-Ranicki mehrfach in die Jury des Bachmann-Preises nach Klagenfurt, sie wurde Ehrenmitglied des Östereichischen Schriftstellerverbandes und genoss den Respekt und die Sympathie österreichischer Bundespräsidenten wie Rudolf Kirchschläger oder Heinz Fischer, der einen sehr positiven Nachruf veröffentlicht hat.

Was sollten „Einsteiger“ von Gertrud Fussenegger lesen?

Ragg: Sie sollten vielleicht zuerst ihre letzte große Ansprache sehen und hören. Beim Kongress der Päpstlichen Stiftung Kirche in Not, den ich 2008 in Augsburg organisieren durfte, sprach sie, schon 97jährig, über „Mein Jahrhundert, mein Leben, mein Glaube“ – sozusagen ihr Vermächtnis. Sonst zum Einstieg vielleicht ihre Biographie „So gut ich es konnte“ oder den Roman „Die Pulvermühle“. Christen sollten sich unbedingt antiquarisch „Sie waren Zeitgenossen“ besorgen, einen Briefroman, der das Wirken Jesu im Spiegel seiner Zeitgenossen zeigt. Schließlich natürlich die genannten Hauptwerke „Das Haus der dunklen Krüge“ und „Zeit des Raben, Zeit der Taube“, letzteres ist allerdings anspruchsvoll zu lesen.

Planen Sie nach ihrer Domspatz-Soirée Weiteres, um das Andenken an Gertrud Fussenegger lebendig zu erhalten?

Ragg: Allerdings, zum Beispiel „Gertrud-Fussenegger-Literaturtage“, die unsere Agentur „Ragg´s Domspatz“ im Kloster Brandenburg/Iller durchführen wird. Sie sollen jährlich stattfinden und nicht nur bei der Neuentdeckung Gertrud-Fusseneggers helfen, sondern auch ein Treffpunkt literarisch interessierter Christen werden und sie sollen der Förderung des literarischen Nachwuchses mit christlichem Menschenbild dienen.

[Die letzte große Ansprache Gertrud Fusseneggers auf dem Kongress Treffpunkt Weltkirche der Päpstlichen Stiftung Kirche in Not in Augsburg (2008) und Interviews mit der Autorin aus den letzten Jahren findet man hier:

www.raggs-domspatz.de/angebote.2/index.html]

 

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