Das denkende Herz Harnoncourt

Preisverleihung in München

Von Michaela Koller

MÜNCHEN, 11. Mai 2012 (Vaticanista).- Die Romano-Guardini-Preisverleihung hätte eine weitere von zahlreichen Ehrungen werden können, die der Dirigent Nikolaus Harnoncourt bereits verliehen wurden: Die Festgäste in der Katholischen Akademie am Donnerstag in München erlebten jedoch laut Kardinal Reinhard Marx „eine bewegende Stunde“. Es war zudem ein Abend der Bekenntnisse. „Mich hat immer fasziniert, wie eng Nikolaus Harnoncourt Glaube, Religion und Kunst zusammen sieht“, begründete Akademiedirektor Florian Schuller die Auszeichnung und zitierte dessen Botschaft „Die Kunst ist eben keine hübsche Zuwaage, sie ist die Nabelschnur, die uns mit dem Göttlichen verbindet, sie garantiert unser Mensch-Sein.“

Wie zentral diese ist, erfuhren die Zuhörer vom Laudator, dem Grazer Liturgiewissenschaftler Professor Philipp Harnoncourt, der als Bruder des Musikers eine sehr persönliche und gleichermaßen leidenschaftliche Rede hielt, bei deren Vortrag ihm zweimal fast vor Rührung die Stimme versagte. Sowohl für den Träger als auch den Namengeber des Preises sei der Mathematiker und Philosoph Blaise Pascal „in gleicher Weise aufregend und fesselnd“ gewesen. Sein Bruder habe von ihm den Begriff „Das Denkens des Herzens“ übernommen.

Dieses Organ erfasse laut Pascal Wert, Sinn und Wahrheit, sei Ort der Erleuchtung durch den Geist und die Gnade der Offenbarung, Sitz der Liebe und Ankunftsplatz der Liebe Gottes. „Das Herz in solchem Verständnis braucht und hat seine ‚Sprache‘, und das kann nur – wenn es nicht das Schweigen ist – eine über alle verbalen Möglichkeiten hinausgreifende Sprache sein, die große Kunst“, sagte Harnoncourt weiter. Als Beispiele nannte er Poesie, Architektur, Bilder und Musik, wobei letzterer, weil auf jedes stoffliche Material verzichtend ein besonderer Rang zukomme.

Der Grazer Geistliche sagte über seinen Bruder, den er als Kulturphilosoph bezeichnete: „Er ist ein wahrhaft ‚Berufener‘, und er weiß das auch. Was er getan hat und immer noch tut, muss er tun, und er muss es so tun, wie es seiner Überzeugung entspricht. In aller Radikalität, ganz im wörtlichen Sinn: ausgehend von den tiefsten Wurzeln.“

„So eine wunderbare Veranstaltung, das habe ich noch nicht erlebt, vom ersten Ton an“, reagierte der Geehrte ebenfalls gerührt, dessen Familie unter den Gästen stark vertreten war.“ Er zitierte daraufhin Ludwig van Beethoven mit dem Bekenntnis, religiöse Erlebnisse bei seinen Hörern hervorrufen und dauerhaft machen zu wollen.

„Nikolaus Harnoncourt hat auch zu meiner Herzensbildung beigetragen“, räumte der Münchner Erzbischof Kardinal Marx ein. Das musikalische Tiefenwirkung des Weltstars betonte im Anschluss an den Festakt auch eine Musikerin im Gespräch mit Vaticanista: „Harnoncourt ist mein eigentlicher Lehrer, der mein musikalisches Denken wirklich geprägt hat. Das denkender Herz, von dem sein Bruder in der Laudatio sprach, das ist er wirklich“, sagte Charlotte Geselbracht, die unter ihm im Chamber Orchestra of Europe Bratsche gespielt hat.

Zur Person

Im Dezember 1929 in Berlin geboren, verbrachte der österreichische Dirigent aus dem Geschlecht der luxemburgisch-lothringischen Grafen de la Fontaine und d’Harnoncourt-Unverzagt seine Kindheit und Jugend in Graz. Schon früh künstlerisch ambitioniert, absolvierte Harnoncourt das Cellostudium an der Wiener Musikakademie und wurde1952 als Cellist bei den Wiener Symphonikern aufgenommen.

Ein Jahr später gründete er gemeinsam mit seiner Frau Alice den Concentus Musicus Wien, um seiner immer intensiveren Arbeit mit Originalinstrumenten und der musikalischen Aufführungspraxis von Renaissance- und Barockmusik ein Forum zu geben. Nikolaus Harnoncourt sammelte historische Instrumente und entwickelt parallel zum Musizieren und Dirigieren auch in musikphilosophischen Schriften seine Analysen der „Musik als Klangrede“. Es sind dies heute Standardwerke der historischen Aufführungspraxis.

Von 1972 an unterrichtete Nikolaus Harnoncourt Aufführungspraxis und historische Instrumentenkunde als Professor am Salzburger Mozarteum. Parallel dazu wuchs sein Erfolg als Operndirigent. Nach seinem Debüt am Theater an der Wien mit Monteverdis „Il ritorno d’Ulisse in patria“ 1971 folgt der inzwischen legendäre Zyklus von Monteverdis Musiktheaterwerken, zusammen erarbeitet mit dem Regisseur Jean-Pierre Ponelle am Opernhaus Zürich, ein weltweit als sensationell betrachteter Durchbruch. Mit Auftritten wie beim Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker erreicht er ein Millionenpublikum.

Zum Preis

Der Romano-Guardini-Preis wird seit 1970 in Erinnerung an Romano Guardini (1885 – 1968), einen der bedeutendsten katholischen Gelehrten des 20. Jahrhunderts verliehen. Er umfasst eine Silbermedaille mit dem Portrait Guardinis und ein Preisgeld von 10.000 Euro. Die Akademie zeichnet mit dem Preis Persönlichkeiten aus, die sich im Sinne Guardinis hervorragende Verdienste um die Interpretation von Zeit und Welt auf verschiedenen Gebieten des Lebens erworben haben. „Nikolaus Harnoncourt ist nicht nur ein Dirigent von Weltrang, er ist auch Musikphilosoph, Denker und Deuter von Welt“, begründete die Akademie ihre Entscheidung in diesem Fall.

 

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