Von der Nazi-Gegnerschaft zum Broadway-Mythos

The Sound of Music wieder in Wien

Von Michaela Koller

WIEN, 11. Mai 2012 (Vaticanista).- Auf der Bühne sind Kapitän von Trapp, seine zweite Frau Maria und seine sieben Kinder in Trachten zu sehen. Sie stehen ganz nahe beieinander und singen „Edelweiß, Edelweiß“ – der langsame Walzer, den viele Menschen weltweit immer noch hartnäckig für eine österreichische Hymne halten. Zwei Männer in SS-Uniform sitzen in der vordersten Loge. Zwei jüngere Darsteller in Uniformen der Wehrmacht, Heer 2. Feld-Gendarmerie, die gerade in den Zuschauerraum gestürmt haben, blockieren breitbeinig die Seiteneingänge. Die eingängige Melodie, die sonst zum Tagtraum verführt, wirkt auf einmal langatmig und melancholisch-beklemmend.

Im Vergleich weniger süßlich, dafür politischer zeigt sich diese aktuelle Inszenierung des Musicals „The Sound of Music“, die noch bis zum 30. Mai in der Wiener Volksoper zu sehen ist. Ganz anders das Beispiel der Verfilmung des Stücks von Richard Rogers und Oscar Hammerstein von 1965 unter dem Titel Meine Lieder – meine Träume mit Julie Andrews und Christopher Plummer in den Hauptrollen. Der weltweite Verkaufshit dürfte im deutschsprachigen Raum und vor allem in Österreich, wo die Geschichte spielt, noch eher bekannt sein als die raren Bühneninszenierungen. Erst Jahrzehnte nach der Broadway-Premiere im November 1959, vereinzelt seit 1993, kam der Stoff in der Alpenrepublik auf die Bühne, etwa als Satire in Wien, später in Innsbruck und St. Pölten und schließlich auch am Originalschauplatz in Salzburg. Im Jahr 2005 brachte die Wiener Volksoper es in einer großen Produktion heraus, die bis ins fünfte Jahr mit großen Erfolg beim Publikum ankam. Seit dem 30. April läuft dort nun die Wiederaufnahme.

Die politischen Implikationen waren es, die wohl keinen großen Erfolg in früheren Jahrzehnten erwarten ließen. Mit größerem zeitlichen Abstand und Blick auf die Großeltern und Urgroßelterngeneration – ist eine differenzierte historische Sicht für ein breites Publikum bühnenreif – gerade wenn es vordergründig um Romantisches geht. Mit Recht war die Verkitschung des Österreich-Bildes in den zahlreichen US-Produktionen kritisiert worden. Die Regie ließ sich nun davon nicht abschrecken und setzte den Stoff, der letztlich auf das autobiographische Werk Maria Augusta von Trapps „The Story of the Trapp Familiy Singers“ von 1949 zurückgeht, zeitgemäß in deutscher Sprache um – trotz großer Treue zu Hammersteins Vorlage. In der Hauptrolle der Maria glänzen die in Osttimor geborene Sandra Pires, Lebensfreude ausstrahlender Popstar mit kraftvoller Stimme, und in der zweiten Besetzung die in Österreichs Hauptstadt geborene Johanna Arrouas, Tochter eines Franzosen aus Marokko und vom Wiener Publikum gefeierte Operetten- und Musicalkünstlerin.

Gerade diese Inszenierung unterscheidet deutlich zwischen Gegnern der Nazis wie der einstige k. u. k. Korvettenkapitän Georg Ludwig Ritter von Trapp, glühenden Anhängern wie der Obersturmbannführer Zeller, Opportunisten wie Max Dettweiler, dem Freund von Trapps, mit dem es schließlich zum Bruch kommt – sowie den Vielen, die angesichts der totalitären Naziherrschaft nichts mehr hören oder sehen wollten, wie die Figur der Freundin Elsa Schrader. Im Film trennt er sich von ihr, als ihm klar wird, dass sein Herz eigentlich für Maria, das Kindermädchen, schlägt. Auf der Bühne kommt es zum Zerwürfnis über die Position gegenüber dem NS-Regime, die Schrader, im Film schlicht die Baronin aus Wien, nicht zu beziehen bereit ist. Maria, so zeigt es das Bühnenstück deutlich, steht ganz hinter von Trapp.

Maria bringt die Musik zurück ins Haus der Trapps; Foto: Volksoper

Maria bringt die Musik zurück ins Haus der Trapps; Foto: Volksoper

Die Politik war es schließlich aber, die den Wienern einen kräftigen Anstoß gab, das Stück zu adaptieren. „Ich würde gerne eine Aufführung von „The Sound of Music“ sehen“, sagte Mitte der 1990er Jahre bei einem Wien-Besuch Hillary Rodham Clinton, damals als mitreisende Gattin von US-Präsident Bill Clinton auf die Frage nach ihrem Wunsch zum Abendprogramm. Die Gastgeber mussten die heutige US-Außenministerin enttäuschen. Sie staunte darüber, dass die Geschichte der wohl berühmtesten österreichischen Familie nach den Habsburgern nicht in deren ursprünglichen Heimat Allgemeingut ist.

Ganz anders bekannt ist es bei ihren Landsleuten. Sie warten schon darauf, wenn am Anfang die Pfeife des Korvettenkapitäns ertönt, dass nun nach und nach zwei Jungen und fünf Mädchen wie Orgelpfeifen Aufstellung nehmen. Sie wissen, dass bald mit der lebenslustigen Maria, der als Kindermädchen entsandten Ordensanwärterin vom Benediktinen-Frauenstift Nonnberg, die Musik in das Haus von Trapp diese Flötentöne ersetzen wird. Sie erkennen sofort die Verlegenheit als Verliebtheit wieder, die den Adeligen und Maria befällt, als sie beim Fest zusammen tanzen. Und sie wissen, dass sie sich danach nicht lange auf der Höhe hinter Klostermauern vor ihrer wahren Berufung als Familienmutter verstecken kann: Mutter Oberin – in Wien von einer umjubelten Ulrike Steinsky ergreifend dargestellt – weist sie in einer Schlüsselszene darauf hin. Aber die Unbeschwertheit nach ihrer Rückkehr währt wieder nicht lange, da die Nazis dem Kapitän ein Kommando übertragen wollen.

Liebe in dunklen Zeiten – das ist sicher auch die Mischung, die die Geschichte eines Familienchors bis zur Emigration zu einem Stück für Bühne und Film werden ließ. Das Publikum ist am Abend der Aufführung sichtbar international: Während der Pausen in den Gängen ist vielfach Englisch mit amerikanischem Akzent zu hören; im Parkettbereich sitzen Inder, Ostasiaten und in den Logen sind mehrere verschleierte Damen zu sehen, neben einer sitzt ein Paar in alpenländischer Tracht, der Herr in der Krachledernen zur Rechten der Muslimin. Wohl sonst nie hatte die Figur einer katholischen Ordensanwärterin in der Geschichte des Schauspiels so einen interkulturellen Fan-Kreis.

Der internationale Erfolg liegt wohl auch daran, dass es sich um eine echte Familiengeschichte handelt, die Generationen miteinander verbindet, nicht nur im Publikum, sondern auch auf der Bühne unter den Darstellern. Die 14-jährige Antonia Pumberger, die seit sieben Jahren im Kinderchor der Volksoper und nun in der Rolle der Trapp-Tochter Louise singt, betont die familiäre Atmosphäre dort: „Es ist keinem schwer gefallen, eine große Familie zu spielen, weil die Zusammenarbeit so toll ist.“ Das Musical ist noch an folgenden Terminen zu sehen: 11., 13.,15., 16., 20., 21., 23., 27., und 30. Mai; Näheres im Internet: http://www.volksoper.at.

 

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