„Den Glauben haben wir aus Schlesien mitgebracht“

Gottesdienstbesuch an Werktagen untersucht

WÜRZBURG, MÜNCHEN, 18. Mai 2012 (Vaticanista).- Die katholische Zeitung Die Tagespost hat anläßlich des Katholikentags in Mannheim 14 Journalisten beauftragt, Kurzreportagen über Gottesdienste in Deutschland zu schreiben. Das Ziel war, die Realität der Nutzung an Werktagen zu dokumentieren. Der 16-Stunden-Report erschien in der Ausgabe am Mittwoch. Vaticanista-Gesamtkoordinatorin Michaela Koller war angeboten worden, über ein Rosenkranzgebet zu berichten. An der originellen Idee beteiligte sie sich gerne.

Seit der Gründung der Pfarrei St. Sebastian 1929 im Münchner Norden versammeln sich an jedem Werktag Gläubige zum Rosenkranzgebet. Anfang der achtziger Jahren sollen noch mehr als 20 Betende zusammen gekommen sein: „Wir sind seit mehr als 30 Jahren hier mit dabei“, sagt eine ältere Dame an diesem Montagnachmittag und deutet dabei auf sich und den weißhaarigen, still lächelnden Herrn an ihrer Seite, ihr Ehemann, wie sich herausstellt. Auf die Frage nach ihrem Namen winkt sie ab: „Wir wollen kein Aufsehen. Wir sind nur hier, um die Jungfrau Maria zu ehren.“ Seit sie in das Pfarrgebiet gezogen sind, zählen sie zu den Stützen des Rosenkranzgebetskreises. „Mein Mann ist ja schon ein älterer Herr; er ist Jahrgang 1923.“ Eine weitere Teilnehmerin sei zudem schon 96 Jahre alt. Auf die Frage, was ihnen die Kraft für diese Ausdauer gebe, unterbricht sie das Gespräch abermals. „Wir fangen jetzt an.“

Es sind noch fünf Minuten, die bis zum angekündigten Beginn bleiben. Seit zehn Minuten kniet als erste aus der Runde eine grauhaarige Frau im roten Strickpullover ganz vorne links. Ab und zu hebt sie ihren Kopf, blickt in Richtung der Christusdarstellung auf dem ovalen, goldenen Bild im sonst sehr schlichten Altarraum. Nach und nach kommen noch vier weitere Frauen ihres Alters in die erste Bankreiche. Dahinter bleibt alles frei an diesem Nachmittag in der größten Pfarrei des Dekanats München-Innenstadt.

Schließlich haben sich auch die beiden am Eingang Befragten jeweils ins stille Gebet versenkt. „Wir fangen um Viertel nach an“, durchbricht eine Frauenstimme den Moment des Sich-Sammelns. Die Teilnehmenden, über die beiden ersten Sitzreihen verteilt, stehen auf. Im hohen Kirchenschiff hallen ihre Stimmen laut wider, lassen sie zu einer Stimme verschmelzen, mit einer einzigen Melodie die Worte des Freudenreichen Rosenkranzes wiedergeben. Das Gebet tragen sie nach der Einleitung zum ersten Gesätz im Wechsel vor: „…den du, o Jungfrau vom heiligen Geist empfangen hast“.

Ein junger Mann mit dunkelbraunem Haar, der nicht einmal 30 Jahre alt sein dürfte, eilt leise herbei und kniet, einen schwarzen Rosenkranz in der Hand, in der dritten Reihe. Montags beginnt das Gebet schon eine Dreiviertelstunde früher als an den anderen Werktagen, vielleicht zu früh für einen Mann im aktiven Berufsalter. Auch die Antwort auf diese Frage bleibt aus: „Ich bin seit einigen Monaten, seit Dezember dabei“, verrät er noch im Anschluss, bevor er forteilt. Eine ältere Dame mit einem burschikosen Haarschnitt, nach der Bedeutung der Zusammenkunft im Gebet befragt, weicht ebenfalls aus und verweist auf die zum Beginn befragten Eheleute. Ohne ihren Namen nennen zu wollen, gibt sie aber eine Erklärung, dabei auf das Paar deutend: „Wissen Sie, wir haben ja den Glauben aus Schlesien mitgebracht. Als Kinder sind wir im Rosenkranzmonat Oktober jeden Tag zur Andacht gegangen.“ Diese Tradition hat sie nicht nur ein Leben lang bis ins Alter bewahrt, sondern auch noch ausgebaut, im täglichen Gebet in St. Sebastian. „Nur wenn wir gerade krank sind, dann kommen wir natürlich nicht her“, sagt sie.

[Erstveröffentlichung: Die Tagespost, 16. Mai 2012]

 

 

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