Familie, kulturelle Vielfalt und erlebter Glaube kennzeichnen Europa

Diskussion um europäische Werte und Gefährdungen

Von Michaela Koller

STRASSBURG, 10. Juni (Vaticanista).- Der Vizepräsident des italienischen Abgeordnetenhauses Rocco Buttiglione hat am Samstag bei den 38. Paneuropa-Tagen im elsässischen Straßburg davor gewarnt, angesichts einer um sich greifenden Wertelosigkeit in Europa auf einen Dialog der Wahrheit zu verzichten. „Anscheinend ist es in dieser Welt aber verboten, Urteile zu fällen“, sagte der frühere italienische Kulturminister bei einem Forum unter dem Titel „Glaube, Werte, Vielfalt – wodurch überlebt Europa?“. Der weise Mensch unterscheide jedoch. Die Unterscheidung führe eine Hierarchie der Werte mit sich, die bereits der Philosoph Max Scheler erkannt habe.

Rocco Buttiglione; Foto: Thomas Brandler

Rocco Buttiglione; Foto: Thomas Brandler

„Wenn ich einen Menschen liebe, muss ich ihm aber die Wahrheit sagen.“ Es sei durchaus möglich, zwar das Verhalten eines Anderen abzulehnen, diesen Menschen jedoch zu lieben. „Der allgemeine Relativismus will aber keine Wahrheit erkennen“, kritisierte er. Es gebe Prinzipien wie die des Naturrechts, die Buttiglione zufolge als besonders katholisch abgestempelt werden. Die Geschichte des Naturrechts gehe aber auf die griechische Antike zurück. Europa habe schließlich sowohl judäo-christliche als auch griechisch-lateinische Wurzeln. „Wir müssen für dieses Erbe weiter kämpfen“, appellierte er. Aus dieser Notwendigkeit ergebe sich für den Christen die Frage, wie sie in der politischen Auseinandersetzung mit Anders- und Nichtgläubigen argumentierten. „Wir können zwar keinen dogmatischen Glauben, aber einen erlebten Glauben vertreten“, sagte Buttiglione.

Als Beispiel nannte er die Frage der Bewertung der Euthanasie. Anstatt sich etwa auf die Autorität der Bibel oder des Papstes zu berufen, verweise er in der Debatte auf die tatsächliche Situation der Menschen, die dies als Lösung suchten. „Sie möchten vor der Situation der Einsamkeit fliehen. Sie wollen einfach anders leben“, betonte Buttiglione. Die Zukunft christlicher Politik hänge schließlich von einer Erneuerung des christlichen Lebens ab.

Helmut de Craigher, Philosoph und Unternehmensberater und Mitbegründer der Paneuropa-Jugend, pflichtete ihm bei. „Solange Sie von Werten reden, nimmt Sie kein Mensch ernst. Sie müssen von Wahrheit sprechen.“ In der pluralistischen Gesellschaft dürfe jeder seine eigenen Werte haben. Drei Ideen seien jedoch für Europa zentral: die Wahrheit, die Freiheit und die Gerechtigkeit. Gefahren für die Zukunft des Kontinents rührten dagegen von der Technokratie, der Ideologisierung und der Vermassung. Er appelliere daran, die Begriffe sorgfältig zu wählen. Wer nur allgemein an die Gesellschaft appelliere, vergesse darüber, dass es einzelne Menschen, Gruppen oder Institutionen seien, die eine Entwicklung voran bringen.

Der bayerische Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) empfahl eine Ausrichtung europäischer Leitkriterien an der christlichen Lehre von Personalität, Subsidiarität und Solidarität. „Das ist ein Geschenk der alten Welt an die ganze Welt.“ Es sei zwar nicht gelungen, den Gottesbezug im EU-Verfassungsvertrag zu verankern, aber es ergebe sich aus diesen Prinzipien, wie in Schicksalsfragen zu handeln sei.

Fenster im Straßburger Münster; Foto: Ferdinand Seizmair

Fenster im Straßburger Münster; Foto: Ferdinand Seizmair

Flaminia Giovanelli, Untersekretärin des Päpstlichen Rates Justitia et Pax und eine der führenden Frauen im Vatikan, sieht ebenso drei Elemente, die in der europäischen Kultur bestimmend sind. Zunächst sei dies der Begriff der Menschenwürde, die Minister Spaenle mit dem Begriff Personalität beschrieben habe und der tatsächlich über den Gesetzen stehe. Als Nächstes nannte Giovanelli die Monogamie und die Familie, der als Keimzelle der Gesellschaft eine soziale Funktion und ein hoher Stellenwert zukomme. Als Drittes hob sie das Recht auf Religionsfreiheit hervor, als Grundlage anderer Rechte. Giovanelli sieht aber Gefahren im Verlust des Glaubens und der Identität, in einer positivistischen Anschauung der Vernunft sowie in der Selbstauslöschung der Europäer mangels Fortpflanzung und in der Errichtung eines neuen, rein materialistischen Wertesystems.

Das Straßburger Münster; Foto: Ferdinand Seizmair

Das Straßburger Münster; Foto: Ferdinand Seizmair

Zdzislaw Josef Kijas, Franziskanerpater und ehemaliger Rektor der Minoritenuniversität in Rom, betonte die Notwendigkeit, in Europa zwischen Gläubigen unterschiedlicher Bekenntnisse und Nichtgläubigen eine gemeinsame Sprache zu finden. Die Frage nach dem, was die Gemeinschaften gemeinsam tun könnten, habe daher vor der Frage, woran wir gemeinsam glaubten, Vorrang. „Die Wahrheit ist das, was uns unterscheidet, aber nicht trennt“, sagte der Ostkirchenexperte. Die Menschen sollten anerkennen, dass sie für sich allein arm im Geiste seien. Er schlug eine Sprache der Gesten und der Projekte vor, um Gemeinschaft zu stiften.

Beate Sibylle Pfeil, stellvertretende Leiterin des Südtiroler Volksgruppeninstitutes in Bozen, stellte die kulturelle Vielfalt in Europa als spezifischen Wert heraus. Minderheiten seien als „kulturelles Ganzes“ schützenswert und nicht nur einzelne Angehörige von Minderheiten seien vor Diskriminierung zu schützen. Dies diene nicht nur dazu, das in der Minderheitenfrage liegende Konfliktpotential zu entschärfen. Vielmehr werde so der kulturelle Reichtum, begründet durch die Existenz von Minderheiten, erst voll zur Geltung gebracht. „Die Wahrung von Frieden und kultureller Vielfalt sind aber zweifellos notwendig, damit Europa in seiner Besonderheit auch künftig überleben, seine spezifisch europäische Identität wahren kann“, betonte Pfeil.

Der tschechische Journalist Jaroslav Sonka, Direktor des European Shoah Legacy Institutes in Prag, betonte die Empathie als grundlegendes Prinzip für das Miteinander in Europa. Er erkannte hohe Übereinstimmung zwischen den Wertevorstellungen seiner Vorredner und richtete an alle Anwesenden die Frage: „Fischen wir genug?“ Erfolg und Scheitern hänge auch wesentlich davon ab, die breite Öffentlichkeit und besonders die nachfolgenden Generationen für diese Prinzipien zu gewinnen. Er fürchtet: „Wir werden nicht gehört und können das nicht vermitteln.“

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