Euthanasie durch die Hintertür

Wird der assistierte Selbstmord zur Pflicht?

Von Jürgen Liminski

BERLIN, 21. Juni 2012 (Vaticanista/Der Fels).- Zukunftsromane sind Medienromane. Denn es geht um das Bewusstsein, um die Natur des Menschen als ein soziales, mithin auch kommunikatives Wesen. Dieses Bewusstsein und damit auch seiine Freiheitsfähigkeit soll manipuliert oder kontrolliert werden, sei es vom allgegenwärtigen Fernsehauge des Großen Bruders in George Orwells „1984“, sei es durch das Verbrennen von Büchern, weil diese eigenständiges Denken fördern, in Ray Bradburys „Fahrenheit 451“. Bei Orwell achtet die „Denkpolizei“ darauf, dass die Menschen nicht „falsch“ denken und bei Bradbury wird die Bücher-Feuerwehr vom Fernsehen betäubt und in einem Zustand des Nicht-Denkens gehalten. Auch der Weltaufsichtsrat und die Gefühlsingenieure in Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“ haben mittels elektronischer Medien die Orte der personalen Gefühlskultur besetzt und verhindern das Denken. Vor allem das gebräuchlichste Mittel der Kommunikation, die Sprache, wird entsprechend pervertiert. Die politische Korrektheit verbietet es, von der Abtreibung als Tötung eines Kindes zu sprechen. Die UNO etwa redet lieber von „reproduktiver Gesundheit“, und etliche Politiker sagen immer noch „Schwangerschaftsunterbrechung“.

Hat die Zukunft Orwells, Huxleys oder Bradburys schon begonnen? Ein amerikanischer Journalist hat nachgeprüft und errechnet, dass vier Fünftel der Voraussagen Orwells bereits Wirklichkeit geworden sind. Das Denken ist pervertiert worden. Genau dasselbe geschieht jetzt mit der Euthanasie. Es fällt auf, wie viele Filme in jüngster Zeit sich mit dem Thema des Todes alter und kranker Menschen beschäftigen. Ausgerechnet am Gründonnerstag strahlte das ZDF den Film „Komm, schöner Tod“ aus. In ihm erstreitet eine 85jährige vor dem Bundesverfassungsgericht das Recht auf aktive Sterbehilfe, das ihr Arzt wiederum mittels eines Instituts zu einem neuen Geschäftsmodell entwickeln will. Auch im Kino wird die aktive Sterbehilfe seit Jahren immer häufiger thematisiert. Das mag mit der Alterung der Gesellschaft zu tun haben, mit der damit einhergehenden Zunahme von Demenzkranken, mit dem Pflegenotstand, mit der Ökonomisierung des Denkens, das „die heroische Gesinnung im Menschen erstickt“, wie selbst Adam Smith, der Vater der Wirtschaftswissenschaft, schon vor 250 Jahren bemerkte.

Wir leben bereits in der Zukunft. Und die meisten ahnen es nicht. 93 Prozent der Deutschen glauben, dass Beihilfe zum Suizid in Deutschland verboten ist. Aber das stimmt nicht. Es spricht zwar für die Deutschen, dass sie das annehmen und so dem im Gewissen eingeschriebenen fünften Gebot die Ehre geben. Dieser hohe Prozentsatz spiegelt das kollektive Bewusstsein wider. Aber es gibt kein Gesetz – noch nicht. Bis zur Sommerpause jedoch soll als Paragraph 217 im Strafgesetzbuch diese Lücke gefüllt werden. Allerdings in einer Fassung, die dem Missbrauch aktiver Sterbehilfe Tür und Tor öffnet. Der Referentenentwurf lautet: „Wer in der Absicht, die Selbsttötung eines Menschen zu fördern, diesem hierzu gewerbsmäßig die Gelegenheit gewährt, verschafft oder vermittelt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“ Das Schlüsselwort heißt „gewerbsmäßig“. In der Erklärung des Entwurfs wird das Gewerbsmäßige definiert als die wiederholte Beihilfe, durch die der Täter eine „fortlaufende Einnahmequelle von einiger Dauer und einigem Umfang“ unterhalte. Die einmalige Beihilfe fällt also nicht darunter, etwa wenn Angehörige diese „Hilfe“ leisten und selbst Ärzte dies hier und da unentgeltlich tun.

Das ist ein Gummiparagraf wie die Beratungspflicht bei der Abtreibung oder auch wie die soziale Indikation bei der früheren Regelung des Paragraph 218 . Mit anderen Worten: Die linguistische Verschleierung der Euthanasie soll noch vor dem Sommer in Deutschland Gesetz werden. Die Debatte um einen Suizid-Paragraphen läuft seit einigen Jahren ziemlich geräuschlos. Die FDP-Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger ist an einer lauten und redlichen Debatte offenbar nicht interessiert. Sie weiß natürlich, dass man mit ihrem Entwurf Vereinen wie „Sterbehilfe Deutschland e.V.“ das Handwerk nicht legen kann. Und längst wäre das Gesetz im Bundestag verabschiedet worden, wenn Bayern und Niedersachsen sich nicht dagegen wehrten. Die Justizminister der beiden christlich-demokratisch geführten Länder wollen die Einschränkung „gewerblich“ streichen. Sie sind für ein generelles Verbot jeder Art von aktiver Beihilfe zur Selbsttötung. Es gibt sogar einen Gegenentwurf, den die Christdemokraten für das Leben befürworten und der sich an die Regelung in Österreich anlehnt. Dort ist jede Form der Beihilfe zum Suizid verboten und steht unter Strafe.

Aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis der Widerstand gegen das Gesetz gebrochen ist. Das Vorhaben steht im Koalitionsvertrag, und es ist durchaus denkbar, dass hinter den Kulissen ein Kuhhandel vorbereitet wird dergestalt, dass die FDP dem Betreuungsgeld zustimmt, wenn die CDU/CSU dem Gesetz zur aktiven Sterbehilfe die Zustimmung nicht mehr verweigert. Das umso mehr, als auch in der SPD und bei den Grünen mehrheitlich der Entwurf von Leutheusser-Schnarrenberger befürwortet wird. Da auch in den großen Medien kein nennenswerter Widerstand zu spüren ist, sondern im Gegenteil das große Schweigen zu dieser Frage herrscht, ist in der Tat mit dem Gesetz noch vor dem Sommer zu rechnen. So könnte ein Gesetz über Leben und Tod ohne öffentliche Debatte in Deutschland die notwendigen parlamentarischen Instanzen passieren. Dabei gäbe es ein ganze Menge dazu zu sagen.

Da ist zum einen die Geschichte. Und zwar zunächst die Geschichte Europas oder des Abendlandes, das dank des Christentums die Personalität des Menschen, mithin seine Würde entdeckt und zum Fundament der Kultur über Europa hinaus gemacht hat. Die Ideologien des 20. Jahrhunderts haben diese Kultur verletzt. Eigentlich ist es unvorstellbar, dass in einem Land, in dem die Nazi-Diktatur die Unterscheidung zwischen lebenswert und lebensunwert getroffen und damit die Würde des Menschen ideologischen Forderungen unterworfen hat, genau das erneut passiert. So als ob man die Würde jedes Lebens wieder vergessen könnte, als ob diese Würde von Umständen abhinge und nicht prinzipiell existierte, als ob der Mensch nicht Person wäre und seine Würde deshalb unantastbar ist.

[Das war Teil 1. Teil 2 erscheint am 22. Juni 2012;

Erstveröffentlichung: © Der Fels, Juni 2012]

 

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