Euthanasie durch die Hintertür (Teil 2)

Wird der assistierte Selbstmord zur Pflicht?

Von Jürgen Liminski

BERLIN, 22. Juni 2012 (Vaticanista/Der Fels).- Die Personalität ist existentieller Natur. Sie hängt, wie Romano Guardini schrieb, grundsätzlich „weder am Alter, noch am körperlich-seelischen Zustand, noch an der Begabung, sondern an der geistigen Seele, die in jedem Menschen ist“. Und er fuhr vor mehr als sechzig Jahren geradezu prophetisch fort: „Die Personalität kann unbewusst sein, wie beim Schlafenden; trotzdem ist sie da und muss geachtet werden. Sie kann unentfaltet sein wie beim Kinde; trotzdem beansprucht sie bereits den sittlichen Schutz. Es ist sogar möglich, dass sie überhaupt nicht in den Akt tritt, weil die physisch-psychischen Voraussetzungen dafür fehlen, wie beim Geisteskranken oder Debilen. Dadurch unterscheidet sich aber der gesittete Mensch vom Barbaren, dass er sie auch in dieser Verhüllung achtet“.

Da sind ferner die Erkenntnisse der Medizin. Der wohl bekannteste Suizidforscher in Deutschland, der an der Universität Würzburg lehrende Professor Armin Schmidtke, der auch das Nationale Suizidpräventionsprogramm leitet, schätzt die Zahl der Suizidalen, die wegen Depressionen in akuter therapeutischer Behandlung sind, auf rund 25 Prozent. Und die Zahl der Suizidalen, die vermutlich depressiv erkrankt sind, dürfte nach seinen Statistiken zwischen 70 bis 90 Prozent liegen. Bei solchen Zahlen ist es geradezu fahrlässig, Beihilfe zur Selbsttötung nicht generell zu verbieten.

Und da ist außerdem die demographische Entwicklung, die von manchen Ökonomen und Politikern nur „als Chance“ wahrgenommen und verkündet wird, statt auch die Risiken zu benennen. So ist der Zusammenhang zwischen Alterung und suizidalem Verhalten seit langem bekannt. Das Alter wird im Allgemeinen zu den Risikofaktoren gezählt. Häufige Motive sind, so Schmidtke, „der Verlust des Partners, des sozialen Netzwerkes und der Freiheitsgrade des Handelns“. Aufgrund der demographischen Entwicklung habe sich in den letzten Jahrzehnten die „Alterszusammensetzung der Suizidenten stark verändert. Vor allem der Anteil älterer Frauen an allen Suiziden ist den vergangenen Jahren im Verhältnis zu deren Bevölkerungsanteil deutlich gestiegen. Jeder zweite Suizid einer Frau in Deutschland ist der einer Frau über 60 Jahren. Hauptsuizidmethode bei älteren Menschen ist das Erhängen. Neben psychiatrischen Erkrankungen, vor allem Depressionen, unterscheiden sich die Motive für suizidale Handlungen zwischen alten und jungen Menschen.“

Und da ist schließlich der Fortschritt bei der Palliativmedizin und die wachsende Bereitschaft von jungen Rentnern und Pensionären, sich in diesem Bereich zu engagieren. Die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin, der Deutsche Hospiz- und Palliativverband und die Bundesärztekammer (BAEK) fordern deshalb auch mehr Palliativstationen und Hospize für die Versorgung sterbenskranker Menschen. In den vergangenen Jahren habe es „in diesem Bereich zwar große Fortschritte gegeben, doch noch immer werden viele der schwerstkranken und sterbenden Menschen von den Angeboten nicht erreicht“ schreibt Bundesärztekammer-Präsident Frank Ulrich Montgomery Anfang Mai. Die Palliativmedizin könne dazu beitragen, das Vertrauen der Menschen in eine fürsorgliche Medizin am Lebensende zu stärken.

Unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin, des Deutschen Hospiz- und Palliativverbandes und der Bundesärztekammer haben mehr als 50 Verbände, Ministerien sowie die beiden großen Kirchen eine Charta erarbeitet und genehmigt. Sie thematisiert die Rechte, Bedürfnisse und Wünsche von Schwerstkranken und Sterbenden. In fünf Leitsätzen plädierten die Verbände und Organisationen für eine Verbesserung der juristischen, medizinischen und ethischen Rahmenbedingungen. Versorgungsstrukturen müssten stärker miteinander vernetzt, Aus-, Weiter- und Fortbildung ausgebaut und Forschungsvorhaben gefördert werden. Von all dem ist bei der Diskussion um einen neuen Paragraph 217 nichts zu sehen oder zu hören. Dagegen wird die Bevölkerung mit Filmen konfrontiert, die die Problematik in eine bestimmte Richtung lenken.

Der Sozialwissenschaftler Manfred Spieker hat schon früh darauf hingewiesen, wo diese Debatte endet. Anhand der Untersuchungen über die Euthanasiepraxis in den Niederlanden schrieb er schon vor Jahren: „Die Legalisierung der aktiven Sterbehilfe muss unvermeidlich dazu führen, dass aus dem Recht zum assistierten Selbstmord eine Pflicht wird.“ Diese Richtung nimmt der Gesetzentwurf. Mit Filmen wird emotionaler Druck erzeugt, Fernsehen und Kino sind die großen Gefühlsmaschinen unserer Zeit, das Internet ihr Verstärker in die Massen. Die Methode ist bekannt. Aus emotional aufwühlenden Einzelfällen werden allgemeine Rechtssätze konstruiert, die dann zu Pflichten werden. Bei der Abtreibung war es so, die Strafbarkeit ist bereits abgeschafft, man ist jetzt in der Phase, wo das Recht auf Abtreibung diskutiert wird. Robert Spaemann hat schon darauf hingewiesen: Das Böse beginne oft mit Gefühlsduselei. Diese zerstöre dann moralische Überzeugungen und sei der Feind der Vernunft. Die Vernunft aber ist die „Künderin der Würde des Menschen“.

Die zehn Gebote sind eben vernünftig. Die Kirche als „Treuhänderin der Wahrheit“ (Benedikt XVI.) verkündet diese Gebote und tritt im Namen Gottes für sie ein. Das gilt heute ganz besonders für das fünfte Gebot. Das war schon so vor siebzig Jahren. Damals predigte der Löwe von Münster, Clemens August Graf von Galen, gegen die Euthanasie-Gesetze der Nazis: „Wehe den Menschen, wehe unserem deutschen Volk, wenn das heilige Gottesgebot: ‚Du sollst nicht töten‘ nicht nur übertreten wird, sondern wenn diese Übertretung sogar geduldet und ungestraft ausgeübt wird!“. Es ist höchste Zeit, dass die Kirchen heute gegen die verkappten Euthanasie-Gesetze aus Berlin aufbegehren. Diese Gesetze führen in die Irre, sie gaukeln vor, es gebe ein Leben ohne Leid. Sie führen in die Barbarei. Die Botschaft der Kirche aber überwindet Leid und Tod. Schon deshalb steht die Kirche in der Pflicht, die Wahrheit zu verkünden.

[Das war Teil 2. Teil 1 erschien am 21. Juni 2012;

Erstveröffentlichung: © Der Fels, Juni 2012]

 

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