Neue Texttafel in Yad Vashem keine Überraschung

Rolle von Papst Pius XII.: Verteidiger kommen in Gedenkstätte zu Wort

Von Michaela Koller

JERUSALEM, 6. Juli 2012 (Vaticanista).- In die Auseinandersetzung über die Rolle Papst Pius XII. (1939 – 1958) ist durch eine neue Informationstafel in der zentralen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem Bewegung hinein gekommen. Darin ist zum Monatswechsel der Vorwurf gegen das damalige Kirchenoberhaupt abgemildert worden, er habe angesichts des Völkermords an den europäischen Juden geschwiegen. Die israelische Zeitung Haaretz titelte, dies sei „unter Druck des Vatikan“ erfolgt. Die Gedenkstätte widersprach durch Sprecher dieser Darstellung.

Diese stützte sich wohl nur auf eine Schlussfolgerung: Als das neue Museum in Yad Vashem für die Geschichte des Holocaust im Jahr 2007 eröffnete, hatte es tatsächlich „Druck aus dem Vatikan“ gegeben, zumindest durch den Päpstlichen Nuntius in Israel, Erzbischof Antonio Franco. Er wollte der Zeremonie zum Yom HaShoah (Holocaust-Gedenktag) fernbleiben, aus Protest gegen die auf die Erläuterungen über dem Porträt des Weltkriegspapstes dargestellte Version der Geschichte. Die Infotafel hängt im Museum zur Geschichte des Holocaust, gut sichtbar gegenüber in den Boden eingelassener Schuhe von Opfern aus dem Vernichtungslager Majdanek sowie Kanistern der zum Massenmord verwendeten Chemikalie Zyklon B.

Auf der Tafel war bislang zu lesen: „Nicht einmal als Berichte über den Mord an Juden den Vatikan erreichten, protestierte der Papst, weder mündlich noch schriftlich.“ Daher entbrannte in der Vergangenheit ein jüdisch-katholischer Streit über die Rolle des Pacelli-Papstes, denn gleichzeitig war bereits zu dem Zeitpunkt das Seligsprechungsverfahren Eugenio Pacellis weit fortgeschritten. Beide Seiten waren aber bemüht, die Auseinandersetzung in der Sache zu entschärfen. Und damit waren sie auch schon recht weit, wie Professor Thomas Brechenmacher, Historiker an der Universität Potsdam mit dem Spezialgebiet deutsch-jüdische Geschichte bestätigt. Die Änderung der Texttafel kam für ihn nicht überraschend: „Nein, denn seit der internationalen Konferenz von 2009 in Yad Vashem war eigentlich klar, dass eine Modifikation des Textes kommen wird.“

Die gemeinsame Historikertagung mit Experten, die zum einen von Yad Vashem und zum anderen vom Vatikanbotschafter in Israel eingeladen worden waren, lobten vor drei Jahren beide Seiten übereinstimmend wegen ihrer „guten Atmosphäre“. Brechenmacher war der einzige deutsche Teilnehmer des Kolloquiums, den der Vatikan eingeladen hatte. Auf vatikanischer Seite waren ansonsten Maria Loparco, Andrea Tornielli, Matteo Luigi Napolitano, Jean-Dominique Durand beteiligt. Yad Vashem lud dazu Sergio Minerbi, Susan Zuccotti, Michael Phayer und Paul O’Shea zu der Klausurtagung ein.

Die „offene und freundschaftliche“ Atmosphäre konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Historiker stark entgegengesetzte Auffassungen vertraten. „In einigen Punkten sind wir zum Konsens gekommen, in anderen Punkten gibt es noch Dissens“, sagte nach der Tagung auch der Leiter von Yad Vashem, Avner Shalev. Wenn endlich umfängliches Aktenmaterial aus dem vatikanischen Geheimarchiv zur Erforschung aufbereitet ist, interessiert die Historiker der Gedenkstätte, inwiefern Pius XII. Kleriker zur Rettung von Juden angehalten hat.

Aus den Quellen, die bisher schon zugänglich sind, erschließt sich für Brechenmacher, dass sich der Pacelli-Papst die Frage des Sprechens und Handelns nicht leicht gemacht habe. Viele Dokumente zeigten, wie er persönlich über diese Dinge „völlig hin- und hergerissen“ war. „Zudem bestand nach der Deportation der holländischen Juden infolge des Protestes katholischer und evangelischer Bischöfe im Sommer 1942 Anlass zu glauben, ein großer öffentlicher Protest würde die Lage nur noch verschlimmern“, erläutert Brechenmacher.

Neben der Kritik an „moralischem Versagen“, insbesondere mangels lauter Proteste angesichts der Deportation der römischen Juden, ist im Text nun die Weihnachtsansprache von Papst Pius XII. erwähnt, in der er sagte: “Dieses Gelöbnis schuldet die Menschheit den Hunderttausenden, die persönlich schuldlos bisweilen nur um ihrer Volkszugehörigkeit oder Abstammung willen dem Tode geweiht oder fortschreitender Verelendung preisgegeben sind.” Die Historiker räumen darin ein, dass die Verteidiger dagegenhalten, dass die Neutralität schlimmere Maßnahmen gegen den Vatikan und kirchliche Einrichtungen verhindert habe. Unterschiedliche geheime Rettungsaktionen seien so erst möglich geworden. Die Bandbreite zwischen den Positionen der Kritiker und der Verteidiger dürfte die der Thesen der Historiker widerspiegeln, die kurz vor dem Besuch Papst Benedikts XVI. in Yad Vashem im Frühjahr 2009 zusammentrafen. Dass eine politische Entscheidung nun plötzlich zu einer Änderung der Texttafel geführt habe, schließt Brechenmacher daher aus: „Es handelt sich um eine begründete Sachentscheidung, nicht um ein Geschäft.“

Das Bemühen um gegenseitiges Zuhören und Verstehen bildete damals Brechenmacher zufolge den Grundstein für weitere Gespräche. „Die Historiker der Gedenkstätte Yad Vashem betonten dabei das ausdrückliche Interesse ihrer Institution, zukünftig koordinierte Forschungsprojekte, etwa über die Rolle der Klöster bei der Rettung verfolgter Juden, einzurichten und durchzuführen.“ Auch die Ermutigung zu Rettungsaktionen durch Pius XII., auf die Verteidiger ausdrücklich hinweisen, erwähnen die Autoren der neuen Tafel. Es bleibt nun abzuwarten, was nach umfassenderer Aktenkenntnis der spezialisierten Historiker an derselben Stelle zu lesen sein wird.

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