Seligsprechung von Anti-Mafia-Priester

Palermo jubelt über Ankündigung

Von Tanja Schultz

PALERMO, 6. Juli 2012 (Vaticanista).- In der sizilianischen Pfarrei San Gaetano ist die Freude groß: Ihr ehemaliger Pfarrer Giuseppe Puglisi (1937-1993), der von der Mafia ermordet wurde, soll selig gesprochen werden. In dem berüchtigten Viertel Brancaccio am östlichen Stadtrand von Palermo wird Don Pino, so sein Spitzname, schon seit langem als Märtyrer verehrt, genauer gesagt seit seinem gewaltsamen Tod am 15. September 1993.

Pfarrer Giuseppe Puglisi (1937-1993); Foto: Pfarrei San Geatano, Palermo

Pfarrer Giuseppe Puglisi (1937-1993); Foto: Pfarrei San Geatano, Palermo

Es handelte sich um eine regelrechte Hinrichtung auf Befehl des Mafia-Clans Graviano, die gefürchteten Herren von Brancaccio. Man wählte seinen 56. Geburtstag und passte ihn abends vor seiner Haustür ab, als er aus der nahegelegenen Gemeindekirche heimkehrte. Vier Killer verstellten ihm den Weg, einer schoss ihm eine Kugel ins Genick. Der Mörder, Salvatore Grigoli, gestand später, dass er das Lächeln des Priesters im Todesmoment nie hätte vergessen können, noch seine letzten Worte: Ich habe Euch erwartet.“

Dem Attentat gingen jahrelange Bedrohungen voraus. Dennoch hatte Don Pino sich nie von seinem Recht Gebrauch gemacht und Personenschutz beantragt. Aus sehr bescheidenen Verhältnissen stammend, hatten ihn sein tiefer Glaube und Bildungshunger davor bewahrt, selbst in die Fänge der kriminellen Familien vor Ort zu geraten. Seine Gegner, ein mächtiger Clan der Cosa Nostra, waren ihm von Kindesbeinen an vertraut. Die Familie Graviano hatten in den 90er Jahren die gesamte Kontrolle über Baugeschäfte, Kommerz und Drogen- und Waffenhandel in Brancaccio an sich gerissen. Die Brüder Giuseppe und Filippo ließen sich regelmäßig zu den Sonntagsmessen in der Kirche San Gaetano blicken. Eigenheit aller süditalienischen kriminellen Organisationen ist die tiefe Verwurzelung in Traditionen. Die gesellschaftliche Akzeptanz der Clans im eigenen Territorium fordert eine besondere Hingabe zu allem Religiösen. Regelmäßiger Kirchgang und Teilnahme an religiösen Festen sowie großzügige Spenden an die Kirche sind Demonstration ihrer zur Schau gestellten Gottesfurcht.

Dass ihr kriminelles Handeln im grotesken Widerspruch zum Evangelium steht, nehmen sie selbst nicht wahr. Auf dem Nachttisch von flüchtigen Mafiosi hat man Bibeln und Heiligenbildchen gefunden. Und Augenzeugenberichten zufolge bekreuzigen sie sich selbst bevor sie einen Mord begehen. Der Soziologe und Theologe Augusto Cavadi spricht von einer spezifischen, selbst zurecht gezimmerten Philosophie und Theologie der Mafia-Mitglieder, von einer Instrumentalisierung der Religion. Seit jeher hätten sie sich Sprache, Symbole und Traditionen des Katholizismus angeeignet, um ihre strenge Hierarchie und ihren Verhaltenskodex zu rechtfertigen, vor sich selbst, aber vor allem in ihrem sozialen Umfeld, aus dem sie stammen und dessen Anerkennung sie suchen.

Don Pino nahm angesichts dieser Tatsachen kein Blatt vor den Mund. Er hatte den Mut, Mitglieder des Clans und sympathisierende Politiker während der Messen offen anzusprechen und als Sünder zu bezeichnen, ihre Taten anzukreiden. Er sprach nicht nur von schweren Gewaltverbrechen und Illegalität, sondern prangerte die falsche Moral und abstrusen Wertvorstellungen an, die diese unter der Jugend des Viertels predigten, in dem seit jeher Arbeitslosigkeit und Armut grassieren. Heranwachsende würden über kleine Wach- und Botendienste ins Drogengeschäft gezogen und schließlich, wenn nicht selbst Opfer der ständigen Fehden, zu Killern werden. Die Mädchen hingegen würden durch den erzwungenen Familientreueeid zu passiven Mittätern ihrer Brüder, Väter und Ehemänner. Aus Erfahrung wusste der engagierte Priester, dass eine innere Umkehr bei erwachsenen Mafiosi fast unmöglich war. Aber er war überzeugt, dass man über die Kindergeneration eine Gesellschaft umerziehen könnte.

Er steckte daher all seine Energie in die Erziehung der Jugendlichen zu Legalität und Rechtsbewusstsein. Er lehrte sie Ehrlichkeit, Selbstachtung sowie die Bedeutung von Nächstenliebe und wahrer Gottesfurcht. Unermüdlich erläuterte er anhand der Evangelien christliche Ethik als Leitfaden richtigen Handelns, und dass ein reines Gewissen mehr Wert sei als Ansehen in der „ehrenwerten Gesellschaft“ sowie Reichtümer oder berufliche Vorteile. Besonders schwierig war es, den von der Mafiakultur geprägten Respektsbegriff bei den Heranwachsenden aufzubrechen. Denn als „rispettabile“ im Viertel gilt allgemein derjenige, der es schafft, die Spitze der Hierarchie des Clans zu erklimmen.

Dennoch ist es Don Pino gelungen, viele Jugendliche von der Straße wegzuholen und auf den rechten Weg zu bringen. Er hatte im Laufe der Jahre eine große Anhängerschaft im Viertel um sich geschart. Größter Stolz war das vom ihm gegründete Jugendzentrum Padre Nostro, das zur kulturellen Enklave im Viertel wurde. Dort wird unterrichtet, gespielt und betreut. Sein wachsender Einfluss war dem Clan ein Dorn im Auge. Hinzu genoss Don Pino die Unterstützung des damaligen Erzbischofs von Palermo, Kardinal Salvatore Pappalardo, der selbst für seinen Einsatz gegen die Mafia bekannt wurde.

Die Entscheidung, den „respektlosen“ Geistlichen zu eliminieren und damit auf die gesamte Kirche einen Warnschuss abzufeuern, fällte Cosa Nostra wohl nach der Pastoralreise von Johannes Paul II. in Sizilien. Erstmals in der Geschichte prangerte ein Papst ausdrücklich und unmissverständlich die Mafiaverbrechen an. Am 9. Mai 1993 überraschte das Kirchenoberhaupt mit einem Appell an Tausende von Gläubigen in Agrigent zum Abschluss einer Messe: „Gott hat gesagt: Du sollst nicht töten. Kein Mensch, keine Menschenvereinigung, keine Mafia kann dieses hochheilige Gesetz Gottes ändern und mit den Füßen treten. […] Im Namen Christi […] wende ich mich an die Verantwortlichen: Kehrt um! Eines Tages wird Euch das Jüngste Gericht Gottes einholen!“

Für Cosa Nostra war die Aufforderung des Papstes zur Umkehr und Buße eine Kriegserklärung. Nur zwei Wochen später begann eine Serie von Bomben-Attentaten, die das ganze Land in Angst und Schrecken versetzte. Zunächst wurden die Antimafia-Staatsanwälte Giovanni Falcone und Paolo Borsellino mit Sprengsätzen getötet, dann detonierten Bomben vor Museen (Uffizien), Theatern und schließlich vor bedeutenden Kirchenbauten in Rom. Großer Sachschaden entstand an der Fassade des Lateran, exterritorialer Besitz des Vatikans, und an der von San Giorgio in Velabro. Die Adressaten dieser Einschüchterungsserie waren klar: Staat und Kirche. Die Mafia begnügte sich aber nicht mit der Zerstörung von Kirchengütern. Wie zu Untermauerung ihrer Kriegserklärung an die Kirche als Institution folgte Mitte September die Ermordung von Padre Pino.

Diese Freveltat hat die Gemüter in Italien erschreckt und aufgerüttelt, sowohl in der Zivilgesellschaft als auch unter den Repräsentanten der Kirche auf Sizilien. Sie hat dazu geführt, dass beide Seiten stärker Position gegen das übermächtige organisierte Verbrechen beziehen. Bereits Ende 1991 hatte die italienische Bischofskonferenz die „Erziehung zur Legalität und Aufhebung der ungerechten Bindung von Politik und Geschäft“ gefordert. Nach jahrzehntelangem Schweigen der Kirchenführung, stellte diese Forderung eine Wende dar. Es ist der Vorabend von „Mani Pulite“, das Aufbegehren des Rechtsstaates gegen die in der politischen Führungsschicht verbreiteten Korruption, aber auch gegen die historische Verquickung von Politik und Cosa Nostra.

Nach der Ermordung des Priesters veröffentlichte die sizilianische Bischofskonferenz eine Stellungnahme. In ihrem Hirtenbrief vom Mai 1994 „Neue Seelsorge und Evangelisierung“ wird die absolute Unvereinbarkeit der Mafia mit dem Evangelium erklärt. Einem Christen sei es nicht gestattet, sich um Hilfe oder der Vorteile wegen an die Mafia zu wenden. Damit wird auf die Funktionen der Clans als Arbeitgeber und soziale Wohltäter durch Bereitstellung von Wohnungen und Dienstleistungen angespielt, in einem Teil Italiens, wo es kaum Arbeit gibt und die staatliche Versorgung unzuverlässig ist. Die Bischöfe erheben stattdessen die Seelsorge, so wie sie Don Pino praktizierte, für Priester und Laien zum Modell. Don Pino sagte einmal von sich selbst: „Ich bin kein Theologe, ich bin einer, der für das Reich Gottes zu arbeiten versucht.“

Heute sitzen die damaligen Bosse und Killer der Cosa Nostra alle hinter Gittern. Neue Verschworene sind jedoch nachgerückt. Wie schwierig und gefährlich die Pastoralarbeit in Sizilien dennoch ist, zeigen zwei neuerliche Anschläge. Erst am Mittwoch wurde eine große Gasflasche vor dem Jugendzentrum von Don Pino geborgen. Und Anfang der Woche hat der Casalesi-Clan die Erntefelder der Landwirtschaftsgenossenschaft Terre di Don Diana bei Caserta abgefackelt. Es handelt sich um Ländereien, die von der Camorra konfisziert und der von Antimafia-Priester Luigi Ciotti 1995 gegründeten Organisation Libera zur Nutzung überlassen wurden. In dem Verein sind mehr als 700 italienische Organisationen zusammen geschlossen und kämpfen so vereint gegen die Mafia, durch Bewusstseinsbildung, Solidarität und konkrete Initiativen eines gewaltlosen Widerstands. Der Organisation werden regelmäßig die konfiszierten Güter der Mafia zum Ausgleich an deren Opfer überschrieben, was auf der Grundlage eines eigenen Gesetzes geschieht.

Vor dem Hintergrund dieser Ereignisse erhält die Seligsprechung von Pino Puglisi ein besonderes Gewicht. Benedikt XVI hat sich bei seinem Besuch in Palermo im Herbst 2010 die Geschichte des außergewöhnlichen wie charismatischen Priesters noch einmal erzählen lassen. Das Seligsprechungsverfahren war 1999 auf Betreiben von Kardinal Salvatore Pappalardo eingeleitet worden und wartete nun auf den abschließenden Entscheid des Papstes. Die jetzt erfolgte Anerkennung des ermordeten Anti-Mafia-Priester als Märtyrer bedeutet einen großen Triumph für seine Anhänger, die unter großen Kraftanstrengungen versuchen, sein Jugendzentrum und seine Lehre am Leben zu erhalten. Für das Verfahren war keine Beweise von Wundertätigkeit nötig, denn der Pater sei „in odium fidei“, das heißt aus Hass auf seinen Glauben gestorben.

Am Tag der Verkündigung des Dekrets vorigen Freitag ließ Don Maurizio Francoforte, Nachfolger von Pino Puglisi, die Festglocken in San Gaetano läuten. Die Gläubigen strömten in die Kirche und umarmten sich gegenseitig vor Freude. „Von diesem Tag haben wir seit seinem Tod geträumt“, gestand Kardinal Paolo Romeo, Erzbischof von Palermo, daraufhin bei einer Pressekonferenz im Bischofspalast. Wir wissen noch nicht genau wann die Feier der Seligsprechung stattfinden wird, aber auf jeden Fall in Palermo.“

Auch Don Ciotti, der selber seit Jahren die Mafia in Kalabrien und Kampanien bekämpft und in gewissem Sinn als geistiger Erbe Don Pinos gelten darf, zeigte sich bewegt. In einem Interview mit Radio Vatikan bekundete er: „Dieses priesterliche Vorbild, das die Mafia in die Sakristei zurück scheuchen wollte, wird heute offiziell von der Kirche als höchste Treue zum Evangelium anerkannt…Mit seinem Zeugnis spornt uns Don Pino an, diejenigen zu unterstützen, die dieselbe Realität in aller Stille leben.“

 

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