„Toleranz- und Subsidiaritätsgedanke haben uns sehr geprägt“

Interview mit Karl von Habsburg

HILDESHEIM, 9. Juli 2012 (Vaticanista/SOK Aktuell).- Kaiserenkel Karl von Habsburg hat in einem Interview mit der Nachrichtenagentur der Serbischen Orthodoxen Diözese für Mitteleuropa das ökumenische Bemühen Papst Benedikts XVI. und seines Vorgängers gewürdigt: „Die Einheit der Christen hat den höchsten Stellenwert: Das ist evident“, sagte der Chef des Hauses Habsburg. In Europa sollten die Menschen mit ihrer eigenen kulturellen Identität integriert werden, fordert er in dem Interview weiter. Vaticanista dokumentiert das Gespräch im Folgenden vollständig.

Karl von Habsburg; Foto: http://www.e-g-s.eu/

Karl von Habsburg; Foto: http://www.e-g-s.eu/

Das Haus Habsburg, jene Dynastie, die jahrhundertelang an der Spitze des „Heiligen Römischen Reiches“ stand, genießt auch heute noch europäisches Ansehen. Der 2011 verstorbene Erzherzog Otto von Österreich war jahrelang CSU-Abgeordneter im Europäischen Parlament und zählte zu den markantesten Gestalten der Europapolitik des 20. Jahrhunderts. Sein Sohn, der 1961 im bayrischen Starnberg geborene Erzherzog Karl, widmet sich nun, nach einer ebenfalls europapolitischen Tätigkeit, der Politik auf anderen Ebenen, vor allem über Stiftungen und Nichtregierungsorganisationen. Das heutige Oberhaupt des ehemaligen Kaiserhauses ist seit 1986 Präsident der Paneuropa Bewegung Österreich und seit 1994 Mitglied des Präsidiums der Paneuropa-Union. Außerdem ist er Gründer und Vorsitzender des „Paneuropakreises Alpen-Adria“. Seit 2002 ist er Generaldirektor der Organisation der nicht-repräsentierten Nationen und Völker (UNPO).

So aktuell wie die Habsburger auch heute noch sind, wird ihr Name mehr noch mit einer komplexen und bewegten Vergangenheit zusammengedacht. Das Haus Österreich ist auch mit den turbulentesten Kapiteln der serbischen Geschichte untrennbar verbunden. Angesichts dieses historischen Erbes bezog sich unsere erste Frage auf die Rolle der Familiengeschichte der Habsburger auf die politische Arbeit des heutigen Chefs dieses Hauses.

Erzherzog Karl von Österreich: Ich habe mich immer für die kulturelle Eigenständigkeit eingesetzt: Diese kann sowohl ethnische als auch religiöse Gruppen betreffen und stellt etwas dar, was für mich immer das Bild von Europa ausgemacht hat. Im Unterschied zum Gemisch der Völker und Nationen etwa in den USA hat es in Europa immer ein ungemein fruchtbares Nebeneinander von Volksgruppen gegeben. Ich glaube nicht, dass ich erzogen worden war, so zu denken, sondern dass das mein großes persönliches Interesse war und ist.

Wenn wir früher zu Hause über Geschichte gesprochen haben, dann war es immer dieser Toleranzgedanke, der für das Kaisertum charakteristisch war. Der Toleranzgedanke und der Subsidiaritätsgedanke haben uns sehr geprägt und waren auch für mich persönlich besonders wichtig. Wir in Europa sollen integrieren, aber diese Integration soll nicht wie in Amerika ausschauen, sondern wir sollen die Menschen mit ihrer eigenen kulturellen Identität integrieren.

Einen besonderen Platz nimmt für mich die „Reichsidee“ ein, die aus dem Römischen Reich hervorgegangen ist: Eine supranationale Idee, bei welcher gewisse Entscheidungen auf der obersten Staatsebene getroffen werden, aber alles andere auf anderen Ebenen entschieden wird. Das ist für mich etwas, was der Vorläufer für Europa gewesen war.

Welche Position nimmt, aus Ihrer Sicht, die Orthodoxie in Europa ein?

Erzherzog Karl von Österreich: Orthodoxie ist ein so integraler Teil Europas, dass man sie überhaupt nicht aus Europa wegdenken kann. Europa ist ohne Orthodoxie überhaupt nicht vorstellbar. Natürlich muss man realistisch anmerken, dass die Orthodoxie immer wieder politisch missbraucht wurde. Dabei denke ich in erster Linie an die ehemalige Sowjetunion und Russland.

Orthodoxie ist ganz klar etwas, was Teile von Ost- und Mitteleuropa geprägt hat und ihre kulturelle Eigenständigkeit ausgemacht hat und insofern ist Europa ohne sie für mich undenkbar.

Und was ist für Sie die Position Serbiens in diesem Kontext?

Erzherzog Karl von Österreich: Serbien wurde – und das ist außerordentlich bedauerlich – eine eher negative Rolle beim Zerfall des alten Jugoslawien zugeschrieben. Ich bin aber froh, dass sich dieser Aspekt intensiv ändert. Ich bereise Serbien gelegentlich und konnte das auch selbst beobachten.

In dem Habsburgerreich lebten seinerzeit orthodoxe und römisch-katholische Christen – und auch andere Konfessionen und Religionen –relativ friedlich neben- oder sogar miteinander. Wie bewerten Sie die jetzigen Bemühungen um den Dialog der Christen, insbesondere den Dialog zwischen orthodoxen und römisch-katholischen Christen?

Erzherzog Karl von Österreich: Dieser Dialog ist nun ein gutes Stück vorangekommen. Sowohl der jetzige als auch der letzte Papst haben großes Interesse daran gezeigt. Die Einheit der Christen hat den höchsten Stellenwert: Das ist evident.

Nun kommen wir zu einem medial omnipräsenten Thema: dem Islam. Ihre Vorfahren haben seinerzeit Bosnien-Herzegowina, ein Territorium mit einem hohen Prozentsatz an Muslimen in ihr Reich integriert. Gibt es einen „europäischen Islam“?

Erzherzog Karl von Österreich: Natürlich gibt es den. Jeder Mensch, der das ignoriert, hat die Geschichte weder gelernt noch verstanden. In diesem Sinne ärgert mich auch die Türkei-Diskussion. Sie wird ganz falsch geführt. Bevor wir diskutieren, ob die Türkei zu Europa gehört, müssen wir darüber sprechen, was eigentlich Europa ausmacht. Es ist inzwischen ein falscher Eindruck über den Islam entstanden und man muss sich bemühen, diesen Eindruck wieder gerade zu rücken. Und es ist wichtig, dass man politische von den religiösen Elementen trennt! Es gibt in vielen Ländern Europas eine islamische Kultur mit einer langen Tradition. Deren Vertreter sind völlig europäisch integriert.

[Das Gespräch führte Tihomir Popovic, der Vizepräsident des Diözesanrates der Serbischen Orthodoxen Diözese für Mitteleuropa.]

 

 

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