„Der Mensch entscheidet zwischen Krieg und Frieden“

Die Friedenspolitik der Gemeinschaft Sant’Egidio

Von Michaela Koller

ROM, 1. August 2012 (Vaticanista/Explizit).- Der italienische Minister Andrea Riccardi, zuständig für internationale Zusammenarbeit und Integration, ist international bekannt als Gründer der Gemeinschaft Sant‘ Egidio. Der 62-jährige Karlspreisträger ist überzeugt, dass die Entscheidung über Krieg und Frieden beim Menschen liegt, oft bei einem Menschen, und nicht bei Strukturen, wie es Ideologen lehren. „Daher muss ein aufrichtiger menschlicher Kontakt hergestellt werden“, schreibt er in seiner Einleitung zum Buch „Wege zum Frieden“ (Echter Verlag, Würzburg, 2010). Aus dieser Überzeugung heraus sind er und seine Mitstreiter von Sant‘ Egidio seit Jahrzehnten als Netzwerker unterwegs.

Mit Cesare Zucconi, Generalsekretär von Sant' Egidio, im Gespräch; Foto: Sebastian Widmann

Mit Cesare Zucconi, Generalsekretär von Sant' Egidio, im Gespräch; Foto: Sebastian Widmann

Die von der katholischen Kirche anerkannte geistliche Gemeinschaft, benannt nach ihrem Hauptsitz in einem ehemaligen Kloster im römischen Stadtteil Trastevere, unterstützte bereits im Oktober 1986 das von Papst Johannes Paul II. initiierte interreligiöse Friedenstreffen. Das Oberhaupt der katholischen Kirche verabschiedete die hochrangigen Vertreter der großen Weltreligionen, indem er den Frieden mit einer Werkstatt verglich, die allen offen stehe. „Wir haben das Wort ernst genommen und damit begonnen, alljährlich so ein Treffen zu organisieren“, erinnert sich der Generalsekretär von Sant‘ Egidio, Cesare Zucconi. Das war der Anfang der Internationalen Friedenstreffen von Sant‘ Egidio, die 1987 am Ursprungsort der Gemeinschaft in Rom begannen. Die Begegnungen fanden seither mehrfach in Italien, zweimal in Polen, einmal jeweils in Belgien, Frankreich, Spanien, Portugal, Rumänien, Zypern und Malta sowie einmal in Jerusalem und voriges Jahr in München statt.

„Es gehört auch zu unserer Berufung als Menschen aus dem Mittelmeerraum, mit anderen Konfessionen und mit Muslimen sowie Juden in Dialog zu treten“, meint Zucconi. Es habe anfänglich viele Schwierigkeiten und wenige Teilnehmer gegeben. Der polnische Papst hatte sie aber überzeugt, dass die Religionsgemeinschaften über Kräfte verfügen, die zum Frieden beitragen können.

Bereits das dritte Treffen war ein Meilenstein: Die Teilnehmer kamen im Gedenken an den 50. Jahrestag des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs am 1. September 1989 in Warschau zusammen und pilgerten von dort nach Auschwitz. „Das war ein gewaltiger Schritt und das auch in den letzten Wochen vor den Zusammenbruch des Ostblocks.“ In der islamischen Welt, wo der Holocaust teilweise heruntergespielt, verharmlost oder sogar geleugnet wird, traf die Einladung auf Vorbehalte. Muslimische Freunde von Sant‘ Egidio vertrauten aber der Gemeinschaft. „Sie sind sich dann dort über die Dimension der Shoah bewusster geworden“, erinnert sich Zucconi. „Wir glauben daher fest daran, dass Begegnung und sich einander kennenzulernen, verändert.“ Eine große Hilfe dabei sei das Netz der Freundschaft, das Sant‘ Egidio pflegt. „Aber Freundschaft ist keine Strategie, sondern eine Haltung“, betont Zucconi

Die Gemeinschaft hatte zu Beginn der Friedenstreffen schon langjährige Kontakte und Erfahrungen im Umgang mit fremden Kulturen. Bereits 1968 gründete Andrea Riccardi, langjähriger Professor für Kirchengeschichte, die Gemeinschaft als 18-jähriger Schüler in Rom. Eigenen Angaben zufolge hat die Gemeinschaft aktuell in 70 Ländern rund 60.000 Mitglieder. „Unser Fundament ist das tägliche Gebet und die Solidarität mit den Armen. Wir verstehen unser Christsein, in Empathie mit allen und in Verantwortung vor der Welt zu leben“, erklärt dessen Mitstreiter Zucconi. Die Gemeinschaft fing damit an, den Kindern in den römischen Armenvierteln an der Peripherie Hausaufgabenhilfe zu erteilen. Heute ist die soziale Arbeit der Gemeinschaft vielfältig, richtet sich an ältere Menschen, Aidskranke, Behinderte, Obdachlose, Gefängnisinsassen und Drogenabhängige. Sie alle nennen sie nicht Hilfsempfänger, sondern Freunde.

„Wir haben mit den Jahren verstanden, dass es neben den vielen Armen in unseren Städten auch diese große Armut des Krieges gibt“, berichtet der promovierte Politikwissenschaftler und Historiker Zucconi. So gehörte Andrea Riccardi zu den Vermittlern des Friedensabkommens von Mosambik, das nach 16-jährigem Bürgerkrieg und zweijährigen Verhandlungen 1992 geschlossen wurde. „Daraus sind viele Kontakte mit afrikanischen Ländern entstanden, die sich an uns gewandt haben und um Hilfe baten, bei Spannungen und Konflikten zu vermitteln. So kamen wir in vielen anderen Situationen dazu, für den Frieden zu arbeiten“, erinnert sich Zucconi an den Anfang einer Kette von Vermittlungsbemühungen, die bereits mit Erfolg gekrönt wurden.

Darunter das Beispiel Burundi: Dort vermittelte Matteo Zuppi, geistlicher Generalassistent von Sant‘ Egidio und seit April dieses Jahres Weihbischof der Diözese Rom, zwischen Hutu und Tutsi. Der langjährige Pfarrer von Santa Maria in Trastevere, der wahrscheinlich ältesten Marienkirche Roms, arbeitete zuvor in Mosambik schon an der Seite Andrea Riccardis. In Burundi wirkte er auf Bürgerkriegsgruppen ein, um radikale Abspaltungen zu vermeiden und sie letztlich zu einer nationalen Armee zusammen zu führen. Er unterstützte sogar Nelson Mandela auf dessen Bitte hin bei seinen Friedensverhandlungen dort.

Ein aktuelles Beispiel für die Vermittlungstätigkeit der Gemeinschaft ist Guinea, wo es dank der Arbeit von Sant‘ Egidio 2010 die ersten demokratischen Wahlen gab. Mehrfach wurde die Gemeinschaft schon in der Folge ihres Engagements in Afrika, aber etwa auch in Guatemala und Kosovo für den Friedensnobelpreis nominiert, mit anderen Preisen ausgezeichnet, darunter im Jahr 2009 etwa mit dem Aachener Karlspreis.

In Deutschland, wo es in mehreren Städten Gruppen gibt, hat Sant‘ Egidio 1981 in Würzburg begonnen, mit Kindern in einem sozialen Brennpunkt zu arbeiten. Dann kam der Dienst mit Menschen in Altenheimen und später mit Ausländern, Flüchtlingen und Behinderten dazu. Eine Mensa, die Bedürftigen Essen und Gespräche anbietet, wurde 1998 gegründet. Höhepunkte des Jahres sind mehrere große Feste an Weihnachten mit armen Freunden der Gemeinschaft.

[Erstveröffentlichung: © Explizit.net, 31. Juli 2012]

 

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