Papst: „Gott hat es uns in Bayern auch leicht gemacht“

Traditioneller bayerischer Abend im Innenhof der päpstlichen Residenz

Von Michaela Koller

CASTEL GANDOLFO, 5. August 2012 (Vaticanista).- Ein Schuss durchbrach am Freitag die hochsommerlicher Ruhe im italienischen Castel Gandolfo. Klickend fielen aus 14 Gewehren Platzpatronen auf das Kopfsteinpflaster vor der päpstlichen Sommerresidenz. Zweimal noch krachten Salutschüsse zu Ehren Papst Benedikts XVI. auf dem kleinen Platz der Freiheit, wo Einheimische an den Fenstern das fremdländische Spektakel mitverfolgten. Dann durften die Schützen endlich in den schattigen Innenhof einziehen.

Vor dem Ehrensalut der Tegernseer Schützen; Foto: M. Koller

Vor dem Ehrensalut der Tegernseer Schützen; Foto: M. Koller

Zünftig ging dort weiter für das bayerische Oberhaupt von weltweit 1,2 Milliarden Katholiken. Überwiegend in Trachten und Uniformen waren rund 1.000 Pilger aus dem Erzbistum München und Freising tanzend und musizierend gekommen, um „ihrem Papst“ nachträglich zum Geburtstag zu gratulieren. Papst Benedikt XVI. war am 16. April 85 Jahre alt geworden. Zu den Gästen aus dem Heimatbistum des Papstes zählten der Münchner Erzbischof Kardinal Reinhard Marx und sein Vorgänger Kardinal Friedrich Wetter, Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU), der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) sowie 450 Gebirgsschützen und 150 Trachtler.

Marx fühlte sich „in einer besonderen Verpflichtung“. Wohl mit Anspielung auf die Affäre um Vatileaks, sagte er: „Gerade in diesen Monaten stehen wir hinter Ihnen, Heiliger Vater.“ Er reiste mit ihm zusammen musikalisch durch sein Heimatbistum: mit Schuhplatteln, Jodeln und Volksmusik. Unter den Künstlern waren der Haushamer Bergwachtgesang, die Laubensteiner Bläser, die Gaugruppe des Chiemgau-Alpenverbandes und die Innleitn-Geigenmusik.

Papst Benedikt lauscht gespannt; Foto: M. Koller

Papst Benedikt lauscht gespannt; Foto: M. Koller

Der Papst lachte herzhaft, als der Freisinger Gstanzlsänger Walter Vasold, begleitet von zehn Musikanten der Gruppe Rupertiblech, in Anspielung auf dessen Vorliebe für Orangensprudel sang: „Sie essen mit Vorliebe gern Weißwurst und da foit ma grad ei, statt Bier trinken sie dazua a Kracherl, do wern ja Weißwürst beleidigt sei.“ Auf einer Übertragungswand konnten die Gäste seinen wachen Blick beobachten, als der Trachtenverein Hinterskirchen aus dem Kreis Landshut mit Sicheln einen Erntetanz aufführten. Und Benedikt XVI. beugte sich, besonders aufmerksam lauschend, vor, als Waggi Rehm mit Frau Hildegard und Tochter Elisabeth aus Garmisch-Partenkirchen jodelten.

Erntetanz aus Niederbayern; Foto: Koller

Erntetanz aus Niederbayern; Foto: Koller

„Bringt die Freude zurück, die Ihr hergebracht habt“, bat der Papst seine bayerischen Gäste vor dem Segen. Auch wenn es viel Leid in der Welt gebe. Ohne sich zu freuen, werde die Welt nur noch dunkler. „Gott hat es uns in Bayern auch leicht gemacht“, sagte er. Die ursprüngliche Plan mit der musikalischen Reise ging auch auf: Er sei wirklich „in dieser bayerischen Stunde dahoam“ gewesen, sagte Benedikt XVI. Die Freude war auf beiden Seiten: Gstanzlsänger Walter Vasold sagte nach seinem heiteren Auftritt vor dem Nachfolger Petri: „Ich bin überwältigt.“

Die meisten Pilger fuhren am Mittwoch mit einem Sonderzug von mehreren bayerischen Bahnhöfen nach Rom, wohin sie am Sonntag zurückkehrten. Die Waffen der Schützen wurden dazu auf Geheiß der italienischen Sicherheitsbehörden, wie bereits auf der Hinfahrt, in verplombten Kisten unter strengen Auflagen transportiert.

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Die Ansprache des Papstes im Wortlaut:

Liebe Herren Kardinäle, liebe Mitbrüder, liebe Freunde!

Am Ende dieser bayerischen Stunde kann ich nur von Herzen „Vergelt’s Gott“ sagen: Es war einfach schön, hier mitten in Latium, in Castel Gandolfo, zugleich in Bayern zu sein. Ich war richtig „dahoam“ – und ich muss den Kardinal beglückwünschen, dass er das Wort schon so schön aussprechen kann!

Wir haben empfunden, dass die bayerische Kultur eine fröhliche Kultur ist: „Mir san koane Rowdies, ’s is koa Gaudi“, aber es ist fröhlich, von Freude durchtränkt; sie stammt aus innerem Zustimmen zur Welt, aus einem inneren Ja zum Leben, das ein Ja zur Freude ist. Sie beruht darauf, dass wir im Einvernehmen mit der Schöpfung sind, im Einvernehmen mit dem Schöpfer selbst und dass wir dadurch empfinden, dass es gut ist, ein Mensch zu sein. Natürlich muss man sagen: Gott hat es uns in Bayern leicht gemacht. Er hat uns eine so schöne Welt geschenkt, ein so schönes Land, dass es leicht ist, zu erkennen, Gott ist gut, und froh darüber zu sein. Aber zugleich hat er geholfen, dass die Menschen dieses Landes aus diesem Ja heraus dem Land erst seine volle Schönheit gegeben haben, so dass es erst durch die Kultur der Menschen, durch ihren Glauben, ihre Freude, ihr Singen, ihre Musik, ihre Kunst so schön geworden ist, wie der Schöpfer es nicht alleine, sondern mit Hilfe der Menschen machen wollte. Nun kann jemand sagen: Darf man sich eigentlich so freuen, wenn die Welt so voller Leid ist, wenn es so viel Dunkles und Böses gibt? Ist es dann erlaubt, so übermütig und fröhlich zu sein?

Und die Antwort kann nur lauten: Ja! – Denn mit dem Nein zur Freude dienen wir niemandem, machen wir die Welt nur dunkler. Und wer sich selbst nicht mag, kann auch dem anderen nichts geben, kann ihm nicht helfen und kann nicht ein Bote des Friedens sein. Wir wissen es aus dem Glauben und wir sehen es jeden Tag: Die Welt ist schön, und Gott ist gut. Und dadurch, dass er als Mensch unter uns herein getreten ist, mit uns leidet und lebt, wissen wir es endgültig und handgreiflich: Ja, Gott ist gut, und es ist gut, ein Mensch zu sein. Wir leben aus dieser Freude, und aus dieser Freude heraus versuchen wir auch, anderen Freude zu bringen, dem Bösen zu wehren und Diener des Friedens und der Versöhnung zu sein.

Nun müsste ich eigentlich der Reihe nach allen einzelnen danken, aber das Gedächtnis eines alten Mannes ist nicht verlässlich, deswegen fang ich damit lieber nicht an. Aber danken möchte ich jedenfalls dem lieben Kardinal Marx, dass er diese Stunde eingefädelt hat, dass er Bayern nach Rom transportiert hat und so auch die innere Einheit christlicher Kultur uns fühlbar machte; danken, dass er Bayern aus unserer Diözese versammelt hat, von Niederbayern bis zum Oberland, vom Rupertigau bis ins Werdenfelser Land. Dank der Moderatorin, die uns ein so schönes Bayerisch geschenkt hat. Das trau ich mir nicht zu, bayerisch zu reden und zugleich nobel zu sein. Aber sie kann es. Dank allen Gruppen, den Bläsern … – ich fang aber jetzt doch nicht an.

Ihr wisst, alles hat mich im Herzen bewegt, ich bin dankbar und froh darüber … Natürlich, die Gebirgsschützen, die ich nur von Ferne habe hören können, die verdienen besonderen Dank, weil ich ein Ehrenschütze bin, obwohl ich seinerzeit nur ein mäßiger Schütze gewesen bin. Ja, und dann danke ich natürlich besonders Dir, lieber Kardinal Wetter, dass Du auch mitgekommen bist, mein direkter Nachfolger auf dem Stuhl des heiligen Korbinian. Du hast ein Vierteljahrhundert die Erzdiözese als guter Hirte geführt: Danke, dass Du da bist.

 

 

 

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