„Es ist der Glaube, der uns fehlt“

Interview mit dem Dogmatikprofessor Pater Stefan Oster

BENEDIKTBEUERN, 10. August 2012 (Vaticanista/Die Tagespost).- Der Dogmatikprofessor Pater Stefan Oster SDB von der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Benediktbeuern rief vor kurzem in einer Stellungnahme zu einem Grundlagentext des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) über die Zukunft der Kirche zur Rückkehr zu einem christuszentrierten Kirchenbild auf. (Vaticanista berichtete.) Michaela Koller befragte den Salesianerpater über seine grundsätzliche Haltung zum Dialog, die Weitergabe des Glaubens und dessen Bedeutung in der theologischen Ausbildung.

Dogmatikprofessor Pater Stefan Oster; Foto: M. Koller

Dogmatikprofessor Pater Stefan Oster; Foto: M. Koller

Sie haben sich kürzlich bei einem Diskussionsabend mit dem Papier zur Kirchenreform „Freiheit der Kinder Gottes“ des BDKJ auseinander gesetzt und den darin enthaltenen Forderungen gestellt. Was war dabei Ihre Motivation, in den Dialog zu treten?

Oster: Ich bin dazu eingeladen worden, dazu Position zu beziehen. Über den Lehrstuhlinhaber für Jugendpastoral an unserer Philosophisch-Theologischen Hochschule, Professor Martin Lechner, besteht Kontakt zum BDKJ, dessen Beitrag wir vorstellen wollten, zusammen mit einer kritischen Antwort.

Was haben Sie sich vorgestellt, als Sie diese Einladung angenommen haben?

Oster: Manche sprechen mit Blick auf die heutige Glaubensdiskussion davon, dass wir einem Schisma, einer Kirchenspaltung, nahe sind. Ich würde so weit nicht gehen. Tatsächlich ist aber eines der schwierigsten Themen die Frage danach, wer oder was die Kirche ist. Der Blick darauf, dass wir die Gegenwart Gottes in der Kirche und durch sie erfahren können, ist stark verdunkelt. Wir nehmen die Kirche so häufig zunächst als Strukturen, als Gemeinschaft im soziologischen Sinne wahr. Aber die Möglichkeit Gott zu begegnen, in seinem Wort, in seinem Sakrament, in den Menschen, die ihn kennen, eine Begegnung, die mein Leben verändern kann, kommt dabei kaum in den Blick. Ich frage mich immer wieder, warum wir so sehr an den Strukturfragen hängenbleiben: In der Mitte der Kirche ist Christus wirklich gegenwärtig!

Sie haben sich nach der Debatte noch mit Studenten und Studentinnen zusammen gesetzt. Wie war wiederum die Reaktion auf ihre Antwort?

Oster: Die Reaktionen fielen, entsprechend dem Spektrum in der Kirche, unterschiedlich aus. Manche fanden es „stark“ oder „mutig“ im Sinne von: „Endlich sagt es mal einer“. Andere kamen mit kritischen Fragen, darunter auch Kollegen. Aber ich habe das gerne, die Auseinandersetzung. Wenn jemand wirkliche Fragen hat, kann man auch ins Gespräch kommen, und verstehen, wo der Andere steht oder worauf er hinaus will.

Sie sagten in Ihrer Ansprache: „Diese Frage nach Christus und seinem Handeln an uns ist aus meiner Sicht die alles Entscheidende“. Stellt sich die junge Generation diese Frage?

Oster: Natürlich ist die junge Generation wie alle Generationen auf der Suche nach Gott. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich die jungen Generation diese Frage vor allem dann stellt, wenn sie überzeugenden Christinnen und Christen begegnet, also Menschen, die aus der Erfahrung leben, dass Gott ihr Leben verändert hat. Wenn das wirklich glaubwürdig ist, dann wird in den jungen Menschen die Frage wach: Ist es wirklich möglich, dass Gott auch mein Leben verändert? Dann erwacht die Sehnsucht nach Christus und die Frage, wie wir ihm begegnen können.

Das Papier fügt sich in einen Dialogprozess ein. Worum geht es da aus Ihrer Sicht?

Oster: Zunächst einmal ist für mich das Wort Dialog kein Unwort, sondern ein ganz wichtiger Begriff. Es ist wichtig, dass in der Kirche ein Dialog geführt wird, denn wir müssen uns gegenseitig immer wieder ins Verstehen helfen. Das geschieht durch Gespräch. Auch die amtliche Seite darf im Dialog verstehen lernen, wo die Menschen stehen, die mit Fragen kommen. Und umgekehrt ist es wichtig, dass die Menschen auch die Möglichkeit bekommen, in der Tiefe das zu verstehen, was in der Kirche als verbindlicher Glaube formuliert wird.

In der öffentlichen Wahrnehmung aber kristallisieren sich dann diese Knackthemen heraus, wie kirchliche Sexualmoral, heute auch besonders Homosexualität, Frauenordination, Zölibat und so weiter. Ich frage mich immer, warum es uns eigentlich nicht gelingt, die Position der Kirche zu diesen Themen auch als vernünftig zu vermitteln. Freilich kann man dann auch darum streiten. Aber in den meisten der heutigen Medien kommt überhaupt kein Journalist mehr auf die Idee, dass die kirchlichen Positionen zu diesen schwierigen Fragen durchaus auch vernünftig und sogar human sein könnten. Da haben wir ein echtes Vermittlungsdefizit.

Sie haben selbst eine journalistische Ausbildung absolviert, bedienen sich nicht nur philosophischer Begriffe wie in Ihrer Forschung, sondern auch einer spielerischen Sprache. Voriges Jahr beim Kongress der Päpstlichen Stiftung Kirche in Not traten sie als Clown verkleidet auf und trugen jonglierend eine Berufungsgeschichte in Reimform vor. Brauchen wir in der Kirche in Deutschland vielleicht auch eine andere Sprache, um Glaubensinhalte wieder für jedermann verständlich zu machen?

Oster: Meine Erfahrung ist nicht so sehr, dass wir eine neue Sprachform brauchen, die man irgendwie sucht und dann für sich übernimmt. Eher ist es so: Wenn ich überzeugter Christ bin und etwa mit jungen Menschen zu tun habe, die ich ins Herz geschlossen habe, dann lerne ich auch deren Sprache gleichsam von innen her verstehen und finde von selbst Worte, die ihnen verständlich werden. Kurz gefasst: Ich glaube eher, dass es der Glaube ist, der uns fehlt – ein Glaube, der in der Liebe wirksam wird, wie Paulus sagt.

Am 11. Oktober beginnt das Jahr des Glaubens der Weltkirche. Papst Benedikt XVI. sagte kürzlich bei einem Besuch in Frascati, entscheidende Voraussetzung für eine Weitergabe des Glaubens sei eine sorgfältige Erziehung und Unterweisung. Was bedeutet dies für die Ausbildung angehender Theologen an den Universitäten?

Oster: Ich beginne meine Vorlesungen ganz oft damit zu sagen, als Dogmatiker vermittle ich zunächst, was die Kirche glaubt. Dies ist zunächst einmal wichtig zu wissen. Ich bin anschließend jederzeit bereit, andere Positionen wahrzunehmen, vorzustellen und kritisch zu prüfen. Zunächst einmal dürfen die Studentinnen und Studenten aber verstehen lernen, was uns unsere Überlieferung für heute mitgibt – und dass diese Überlieferung auch heute noch hilfreiche Antworten zu geben vermag.

Was bedeutet das übertragen auf die Jugendpastoral in Pfarreien und Verbänden?

Oster: Wir machen uns hier in Benediktbeuern viele Gedanken über Jugendpastoral. Das ist vielleicht eines der schwierigsten Themen in der praktischen Theologie. Die Erfahrung, die wir auch als Salesianer Don Boscos machen, ist die, dass Glaubensweitergabe zuerst über gelebte Beziehungen möglich ist. Nicht umsonst sagt man, die allererste Glaubensschule ist die Familie, wo die intensivsten und dichtesten Beziehungen zwischen Menschen zu finden sind. Glaubensweitergabe nur durch Bücher oder Massenveranstaltungen ist nicht besonders erfolgversprechend.

Heutzutage ist wirklich gefragt, dass gläubige Menschen mit Entfernteren oder Suchenden in echte Beziehungen kommen, deren Fragen verstehen lernen und anfangen, mit ihnen einen Weg zu gehen. Das ist mühsam und aufwändig. Aber Glaube ist etwas Personales. Um glauben zu können, muss ich Menschen kennen, die diesen Glauben auch haben und die erklären können, was er für sie bedeutet, mit allen Fragen und Brüchen, die es bei Gläubigen natürlich auch gibt. Von daher ist es aus meiner persönlichen Erfahrung am besten, Weggemeinschaften oder Gruppen zu bilden, in denen sich im Miteinander das Fragen, Suchen und eben Glauben ereignen können. Es ist ein Jammer, dass es in so vielen Pfarreien keine Jugendgruppen mehr gibt oder dass bei denen, die es gibt, oft so wenig Glaubensinhalte auf der Tagesordnung stehen.

Muss ein Theologie-Professor, eine Theologie-Professorin, selbst glauben?

Oster: Jemand, der Menschen ausbildet, die verkündigen sollen, sollte glaubwürdig sein. Das kann man freilich nicht machen, sondern sich nur schenken lassen. Zentral dabei ist: Wir glauben zwar etwas, einen Inhalt, aber wir glauben zuerst einmal jemandem, einem personalen Gott. Und das ist ein Akt des Vertrauens. Das Wissen, das aus einer Beziehung zwischen Personen entsteht, in der Vertrauen herrscht, hat eine andere Qualität. Ich kann folglich auch anders über Glauben und Theologie reden, wenn ich eine Beziehung zu Gott pflege, wenn ich ihn also in gewisser Hinsicht kenne. Hier geht es nicht bloß um ein abstraktes Wissen, vielmehr ist der Glaube Erfahrungseinsicht aus gelebter Beziehung.

[Erstveröffentlichung: © Die Tagespost, 9. August 2012]

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