Zukunftweisender Besuch in einer heiklen Situation

Papst Benedikt XVI. morgen früh im Libanon erwartet

Von Michaela Koller

BEIRUT, 13. September 2012 (Vaticanista/Explizit.net).- An die Reise Papst Benedikts XVI. ab dem morgigen Freitag im Libanon werden international hohe Erwartungen geknüpft. Der Besuch wird zukunftsweisend sein, nicht nur für die katholischen Gläubigen im Libanon, sondern über die Religions- und Staatsgrenzen hinaus. Der Grund: Es geht um die Selbstbehauptung der Christen in einer Welt, in der ein Teil sich immer weiter von jeglicher Religiosität entfernt, und ein anderer Teil einen immer brutaleren Fanatismus religiös unterfüttert.

In diesen Tagen vielerorts im Libanon: Papst Benedikt XVI. im Porträt neben der Landesfahne; Foto: F. Seizmair

In diesen Tagen vielerorts im Libanon: Papst Benedikt XVI. im Porträt neben der Landesfahne; Foto: F. Seizmair

Libanon ist ein Land zwischen diesen Extremen – wenn auch die Menschen dort im Allgemeinen einen radikalen Säkularismus ablehnen. Seit der Zeit des Osmanischen Reiches hatten die einzelnen religiösen Gruppen jeweils eine Schutzmacht. Und noch heute ist es ähnlich: Saudi-Arabien buhlt um die Sunniten, der Iran um die Schiiten, der Westen behält sich strategisch einen Fuß in der Tür und Damaskus verliert gerade aufgrund des Bürgerkriegs im eigenen Land an Boden im Libanon.

Die Vielfalt ist in der Hauptstadt Beirut, entlang der Strandstraße oder in den Einkaufszentren sichtbar: Überfüllte amerikanische Fastfood-Restaurants, darin junge Mädchen mit bunte Kopftüchern und engen Hosen, wenige schwarzumhüllte Damen und viele geschminkte Frauen, mit aufwendig geföhnten langen Haaren, die dazu enge Tops und Highheels tragen – als kämen sie vom Drehort einer US-amerikanischen Frauenserie. Immer wieder darunter Jüngere mit einem Pflaster auf der Nase: Plastische Chirurgie ist hier so hoch im Kurs wie in den Vereinigten Staaten.

Aber gerade auch unter den Christen gibt es junge Erwachsene, die gar keinen oberflächlichen Lebensstil pflegen: Als Papst Benedikt XVI. vor zwei Jahren auf Zypern das Instrumentum laboris für die jüngste Sondersynode der Bischöfe des Nahen Ostens übergab, kamen viele junge maronitische Katholiken, in Jeans, T-Shirt und mit der Zedernfahne des Libanon in der Hand. Sie kamen vielfach in Gruppen als Angehörige Neuer Geistlicher Gemeinschaften. Sie sind die Zukunft der Kirche in der Region – und sie möchte der Papst nun zum Bleiben anhalten.

Der maronitisch-katholische Priester Marwan Tabet, Leiter des zentralen Planungskomitees für den Aufenthalt des Pontifex, sagt über das Anliegen des Papstbesuchs: „Er möchte den Christen des Nahen Ostens mitteilen, dass sie ein integraler Bestandteil der Struktur dieser Region sind und daher bleiben müssen. Und den Muslimen wird er sagen, dass sie einen Orient erlebt haben, in dem Christen seit jeher präsent waren und fragen, ob sie sich einen Orient ohne Christen vorstellen könnten, was weitere Glaubensstreitigkeiten zwischen sunnitischen und schiitischen Muslimen hervorrufen könnte.“

In dem Nachsynodalen Schreiben, das Benedikt XVI. den Bischöfen der Region übergeben wird, sowie in den Ansprachen, wird es lange nicht nur um pastorale Fragen, wie die nach der Rolle der Laien, gehen. Der Papst trifft sich bei mehreren Gelegenheiten mit Gläubigen und Würdenträgern verschiedener Konfessionen und Religionsgemeinschaften. Es gibt auch eine starke ökumenische Komponente:

Jugendliche aller Konfessionen versammeln sich mit dem hohen Gast aus Rom beim maronitischen Patriarchat in Bkerke nahe des nationalen Marienwallfahrtsortes Harissa. Im nahegelegenen Charfet kommt es als krönenden Abschluss der Papstvisite im syrisch-katholischen Patriarchat zu einer ökumenischen Zusammenkunft. „Es geht um eine gemeinsame missionarische Vision“, erklärt der Jesuitenpater Samir Khalil Samir, der an der Nahostsynode teilgenommen hat.

Der Besuch in dem Land, in dem rund 90.000 Menschen zwischen 1975 und 1990 im Bürgerkrieg ihr Leben verloren, steht auch im Zeichen des friedlichen interreligiösen Miteinanders. Der Staat erkennt 18 Religionsgemeinschaften an, Religionsfreiheit ist ein verbrieftes Recht. Benedikts Vorgänger Johannes Paul II. erfüllte die Libanesen einst mit Stolz, als er sagte, Libanon sei nicht bloß ein Land, sondern eine Botschaft der Freiheit und des respektvollen Zusammenlebens. Am Samstagvormittag ist eine Begegnung mit muslimischen Führern im Präsidentenpalast anberaumt. Bereits am Mittwoch hatten sich Repräsentanten der Christen und der Muslime mit jungen Leuten zum Gebet versammelt. „Muslime sind über den Besuch sehr begeistert und sie werben dafür, ihre Unterstützung zu zeigen“, sagt Pfarrer Tabet.

Eine Erklärung dafür könnte eine gemeinsame Vision sein, die viele Libanesen im Moment über die konfessionellen Grenzen hinweg teilen: Eine Zukunft in Frieden, oder zumindest zunächst ihr Land aus der Gewaltspirale des Nachbarlandes Syrien herauszuhalten. Vorbereitungen auf einen Papstbesuch, bei dem generell die höchste Sicherheitsstufe gilt, einen die Libanesen offenbar noch in einem gesamtnationalen Projekt.

Aber der Papst trifft in einer schwierigen Situation im Libanon ein. In Tripoli, wo die Lage seit Jahrzehnten als instabil gilt, kam es in diesem Jahr ab Februar bereits mehrfach zu Kämpfen zwischen Alawiten und Sympathisanten der syrischen Rebellen. Mitte August wurde der pro-syrische Ex-Minister Michel Samaha wegen Attentatsplänen in einem Dorf nördlich von Beirut festgenommen. Libanesischen Medienberichten zufolge räumte er ein, dass sich die Bomben der syrischen Verschwörer gegen sunnitische Ziel im Nordlibanon richten sollten.

„Seit dem Ausbruch der syrischen Krise hat sich die Sicherheitssituation im Libanon verschlechtert“, sagt Björn Zimprich, Fachkraft des Forums Ziviler Friedensdienst. Er arbeitet als Projektmanager im Beiruter Büro und ist zuständig für die Weiterbildung von privaten und gemeinnützigen Organisationen im ganzen Land. Eigentlich sei es erstaunlich, dass es so lange gedauert habe, bis etwas von der Situation im Nachbarland übergesprungen ist, zumal Damaskus lange die Geschicke im Zedernstaat mitbestimmt hat. „Dafür ist der Libanon schon noch sehr stabil“, sagt Zimprich weiter. Er glaubt, dass hinter den Kulissen viel dafür getan wurde, die Sicherheit in dem pluralistischen Land hochzuhalten. Das lasse auf einen Konsens der wichtigsten Akteure im Libanon schließen, das Land aus der Krise herauszuhalten. Syrien war von 1976 bis 2005 mit Truppen in dem kleinen Nachbarstaat präsent.

Nahost-Experte Thomas Gebhard sieht das ähnlich. Allen, einschließlich der Hisbollah, sei an der Stabilität des Landes gelegen, ist er überzeugt. „Meine Gesprächspartner im Land sagen, sie müssten gemeinsam eine Gesellschaft aufbauen und sich alle als Libanesen verstehen“, berichtet der Projektleiter der Hanns-Seidel-Stiftung für den Libanon, Syrien und Jordanien. Der Staat könne bestimmte Dinge für seine Bürger nicht leisten, weshalb Notwendiges wie Erziehung und Bildung privat organisiert werden müsse. Dies erfolge aus den Religionsgemeinschaften heraus. „Alle haben die Hoffnung, dass der Papst eine Botschaft mitbringt, die sich nicht nur an die Christen, sondern an die Libanesen richtet, sie dazu anhält, auf das zu blicken, was sie eint, ihr gemeinsames kulturelles Erbe.“

Der maronitische Patriarch Bechara Boutros Rai mahnte schon am Sonntag vor einer Woche in seiner Predigt: „Die libanesische Volk wendet sich dagegen, den Libanon in einen Schauplatz zu verwandeln, an dem regionale und internationale Streitigkeiten ausgetragen werden. Es lehnt es ab, dass politische Parteien dazu benutzt und bewaffnet werden, als Versuch, Chaos und Streit aus arabischen Ländern hereinzubringen, vor allem aus Syrien, in den Libanon.“ Der Patriarch wandte sich zudem gegen die Ausweitung der Gewalt im eigenen Land. Jetzt warten alle Libanesen guten Willens nur darauf, dass der Papst solche Worte als Appell in ihrem Land ausspricht.

[Erstveröffentlichung: © Explizit, 13. September 2012]

 

 

 

 

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