Säkularen Rechtsstaat verteidigt

Nachbereitung des Papstbesuchs in Deutschland

Von Michaela Koller

MÜNCHEN, 1. Oktober 2012 (Vaticanista).- Bei seiner Rede vor dem Bundestag vor einem Jahr vertrat Papst Benedikt XVI. ureigene Prinzipien des säkularen Rechtsstaats. Davon ist der Eichstätter Philosoph Walter Schweidler überzeugt. Der an der Katholischen Universität Eichstätt lehrende Professor sprach am Montag in München bei einer Expertentagung der Hanns-Seidel-Stiftung und des Landeskomitees der Katholiken in Bayern zur Bedeutung und Wirkung des Papstbesuchs vom 22. bis 25. September vorigen Jahres.

Wer in unserem Staat das Mühen um Gerechtigkeit einfordere, und dies im Namen der unantastbaren Menschenwürde und der Wahrheit tue, der bringe damit eben nicht weltanschauliches Sonderinteresse ein, wie vielfach unterstellt werde. „Wer insbesondere für den Schutz des Lebens jedes menschlichen Wesens in diesem Staat eintritt, erinnert ihn an seine selbstverständliche und wesentliche, nach Hobbes sogar einzige Legitimationsgrundlage: das Lebens jedes Bürgers absolut zu schützen“, sagte Spaemann-Schüler Schweidler. Vor einer „Sakralisierung der Politik und des Rechts“ müssten hingegen religiöse Bürger wie alle anderen geschützt werden. Der Vertreter der Naturrechtslehre kam zu dem Resultat. „Darum können und müssen die Christen notfalls die letzten Verteidiger des säkularen Staates sein.“

Entscheidungen wie die, dass ein Mensch mit dem Absterben seiner Hirnfunktionen für eine Leiche erklärt wird, sei nicht einer Abstimmung im Bundestag zu überlassen, ebenso wenig wie über die vorgeburtliche Untersuchung, die die Lebensberechtigung eines Menschen infrage stelle oder die über den Importstichtag embryonaler Stammzellen, die durch die Tötung von Menschen gewonnen wurden. Das Recht sei eben Sinnprinzip jeder politischen Ordnung, betonte Schweidler.

Der Mainzer Theologe Johannes Reiter sieht in der Bundestagsrede einen wesentlichen und nachhaltigen Impuls für künftige Auseinandersetzungen um den richtigen Begriff der Natur und des Rechts. „Die Verabschiedung des Naturrechts aus vielen säkularen Ethikentwürfen erwies sich als Einfallstor weitreichender Relativismen“, stellte der emeritierte Professor fest. Er erinnerte zudem daran, dass die „brutalsten Verbrechen des 20. Jahrhunderts von totalitären Regimen verübt wurden, zu deren ideologischen Grundlagen die Verhöhnung des Naturrechts und die Überhöhung der Machtinteressen einer biologischen Rassen- oder sozialen Klassengemeinschaft über die Würde der menschlichen Person gehörte.“

Reiter erkennt aber auch Grenzen der Naturrechtsidee: Sie erweise sich als abstrakt und sei in der Vergangenheit stark vereinnahmt worden. Daher sei es im 19. Jahrhundert zum Kollaps der Idee und zur bis heute anhaltenden Krise gekommen, die auch in den sechziger Jahren der junge Theologe Joseph Ratzinger gesehen habe. „Man sollte also die Idee nicht leichtfertig verspielen und daher sparsam mit ihr umgehen“, riet Reiter. Er erkennt die aktuelle Chance einer Renaissance des Naturrechts: „Die Wiederbelebung und der Ausbau der Naturrechts-Idee bedarf der internationalen und interdisziplinären Zusammenarbeit.“

Albert Schmid, Vorsitzender des Landeskomitees der Katholiken in Bayern, betonte in seiner Einführung, Papst Benedikt XVI. habe die Deutschlandreise als einen „Höhepunkt seines Pontifikats“ lange vorbereitet. „Er wollte diesem Besuch eine besondere Note geben“, sagte Schmid, der danach in einer Audienz mit dem Papst über die Nachbereitung des Besuchs sprechen durfte. In Berlin, Erfurt und Freiburg habe er sich an drei Adressaten gewandt: die säkulare Welt, die katholische Kirche in Deutschland und an die ökumenischen Partner. Stellungnahmen und Interpretationen in den Medien hätten dem Papst gezeigt, dass seine Reden in Deutschland oftmals falsch verstanden wurden.

Der Neutestamentler Thomas Söding will nach der Freiburger Konzerthausrede des Papstes sogar Absprachen über die Auslegung der päpstlichen Worte unter Journalisten beobachtet haben. Der Professor an der Ruhr-Universität Bochum warnte davor, den Begriff der „Entweltlichung“, den der Papst der modernen Theologie entlehnt und in Freiburg verwendet habe, als Abschaffung der Kirchensteuer zu verstehen und somit zu begrenzen. „Das trifft eher die katholischen Kindergärten als die Bischöfe“, warnte Söding. „Der Papst musste nicht der Kirche in Deutschland erklären, dass sie in der Welt ist, sondern vielmehr, dass sie nicht aus der Welt sei.“ Seine Ansprache sei eine Ermahnung an die Katholiken gewesen, wieder so zu leben, dass an ihrer Lebensweise erkennbar sei, was ihnen heilig ist. Die katholische Kirche müsse an ihrer Glaubwürdigkeit arbeiten, um aufgrund ihrer Überzeugung als Vorbild wirken zu können. Dies führe sie zurück auf die Gottesfrage.

Der Begegnung mit den ökumenischen Partnern widmete sich die Theologin Dorothea Sattler, die das Ökumenische Institut an der katholischen Fakultät der Universität Münster leitet. Sie würdigte, dass im Kapitelsaal des Augustinerklosters in Erfurt Benedikt XVI. in einem kleinen Kreis anerkennende Worte für den Mönch Martin Luther in seiner Suche nach Gott gefunden habe. Sattler sieht aber ökumenische Hoffnungen vom Papstbesuch 2011 enttäuscht: „Vieles spricht dafür, dass Benedikt XVI. kein hohes Zutrauen zu akademischen Dialogen über Fragen der kirchlichen Ämter hat – wohl schätzt er die geistliche und die diakonale Ökumene – gemeinsam stehen wir als Christinnen und Christen im Dienst an den Ärmsten der Armen.“

Aus Kreisen der Veranstalter hieß es, mit der Organisation der eintägigen Expertentagung unter dem Motto „Kirche im säkularen Staat“ seien sie letztlich dem Wunsch des Papstes gefolgt, seinen Besuch nachzubereiten. Tagungen wie diese sind rar: Enttäuschungen, so ließe sich daraus schließen, dürfte es wohl auf beiden Seiten gegeben haben.

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