„Das Zweite Vatikanische Konzil erst verwirklichen“

Lehmann über das Konzil, die Rolle der Frauen und die alte Messe

Von Michaela Koller

MÜNCHEN, 5. November 2012 (Vaticanista/Die Tagespost).- Der Mainzer Bischof Kardinal Karl Lehmann vermischt spannende Erinnerungen an das Zweite Vatikanische Konzil mit ermüdenden Kirchereformvorschlägen: Er sieht die Beschlüsse des Vaticanum II noch lange nicht vollständig umgesetzt. Die Zeit für ein „Vaticanum III“, das einige Stimmen befürworteten, sei daher noch nicht gekommen. „Es gab kein Konzil, das in wenigen Jahren verwirklicht worden wäre“, sagte er in der vorigen Woche in einer Begleitveranstaltung zur Münchner Vatikanums-Ausstellung zum 50. Jahrestag der Eröffnung des Konzils.

Er sei dafür, dass die Möglichkeiten zur Einführung eines Frauendiakonats gründlich studiert würden. „Ich wehre mich gegen die Behauptung, dass sich in Bezug auf die Stellung der Frau in der Kirche nicht geändert habe“, betonte er aber. Der langjährige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz verwies dabei auf die Frauen in Schlüsselpositionen in theologischer Lehre und kirchlicher Verwaltung.

In Rom werde zu viel entschieden, was der Ortskirche überlassen bleiben sollte. In diesem Sinne ist das Konzil seiner Ansicht nach noch nicht ausreichend umgesetzt worden. „Die Internationalisierung der Kurie brachte nicht immer nur Vorteile“, beklagte der Kardinal. Ein versierter Italiener in einer vatikanischen Behörde sei ihm schon lieber als jemand, der die Situation hierzulande gar nicht kenne.

„Papst Paul VI. nahm den Reformauftrag ungeheuer ernst“, urteilte Lehmann. Die augenfälligste Reform sei die der Liturgie gewesen. Kardinal Julius Döpfner, der ihn 1963 zum Priester weihte, habe bezogen auf den alten Messritus rhetorisch gefragt: „Warum haben wir vorher nur das Evangelium gegen die Wand gesprochen?“ Er selbst habe noch mehrere Jahre nach der Veröffentlichung des neuen Messbuchs, weil es vor Ort so gewünscht war, die tridentinische Messe zelebriert und dabei bemerkt, wie Gläubige während der Liturgie hinter ihm den Rosenkranz beteten.

Lehmann war als Zeitzeuge nach München eingeladen worden, um über seine Erinnerungen an die Zeit des Konzils und zu dessen Nachwirken zu sprechen. Er studierte während des Vaticanum II in Rom an der Universität Gregoriana, von 1957 bis 1960 Philosophie und dann bis 1964 Theologie. Aus seiner Zeit in Freiburg vor seinem Studium in Rom kannte er den Konzilstheologen Karl Rahner SJ, dem er in der Zeit des Vatikanums zuarbeitete und als wissenschaftlicher Assistent nach München und Münster folgte.

Bei der Wahl Papst Johannes XXIII. am 4. November 1958 war der 22-jährige Student Karl Lehmann zunächst enttäuscht, das ein 77-Jähriger als neues Oberhaupt der katholischen Kirche aus dem Konklave hervorging. Schon bald habe ihm ein Jesuit den Hinweis gegeben, dass bei dem Neugewählten trotz seines fortgeschrittenen Alters „Einiges zu erwarten“ wäre. Die Jesuiten kannten ihn aus der Zeit als Nuntius in Frankreich. Roncalli hatte dort selbst vor Kriegsgefangenen Vorlesungen gehalten und war durch seine Menschenfreundlichkeit aufgefallen. „Darum war ich vorsichtig geworden“, erinnerte sich Lehmann.

Auch der Verlauf des Konzils kam bedeutende Theologen wie den Jesuitenpater Sebastian Tromp, Sekretär der Theologischen Kommission des Vaticanum II. Zu Beginn des Eröffnungsjahres traf ihn der Student Lehmann unterwegs von Rom nach Freiburg im Zug. Der vormalige theologische Berater Pius XII. rechnete mit einer Gesamtdauer des Konzils von nur wenigen Monaten. „Sie werden sehen, wir haben alles vorbereitet“, habe er gesagt. Die vorgelegten Schemata wurden aber schließlich zur Grundlage Tausender Abänderungsanträge.

„Die Theologen waren sich nicht zu schade, monatelang und nächtelang Abänderungsanträge zu bearbeiten“, berichtete Lehmann, bewegt von deren „großen selbstlosen Dienst“ für die Kirche, die so auch einen neuen Begriff von Lehramt prägten. Aufgrund dieser Entstehungsgeschichte wiesen die Dokumente unterschiedliche Sprachstile auf, auch dogmatische Texte, die verbindlich genug sind. „Man kann sich aber nicht am konkreten Buchstaben vorbei stehlen.“

[Erstveröffentlichung: Die Tagespost, 2. November 2012]

 

 

 

 

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