„Ökumene des Martyriums“

Hochkarätig besetzte Konferenz zum Recht auf Religionsfreiheit

Von Michaela Koller

MÜNCHEN, 15. November 2012 (Vaticanista/Die Tagespost).- Selten ist wohl in den Räumlichkeiten einer politischen Stiftung soviel von Gebet die Rede gewesen wie bei der zweitägigen Konferenz zum Thema Religionsfreiheit der Hanns-Seidel-Stiftung und der Gemeinschaft Sant’Egidio in München. Neben dem aktiven politischen und humanitären Einsatz und beständiger Lobbyarbeit, in der Öffentlichkeit für verfolgte und diskriminierte Christen und andere Angehörige religiöser Minderheiten zu beten, lautete die einhellige Empfehlung der Mitwirkenden. In mindestens fünfzig Staaten der Erde werden Menschen täglich aufgrund ihres Glaubens verfolgt, mit dem Tod bedroht und teilweise sogar umgebracht. Angaben der Veranstalter zufolge sind achtzig Prozent dieser Bedrängten Christen.

Der Leiter der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz, Bambergs Erzbischof Ludwig Schick, empfahl, grundsätzlich für die Anhänger aller Religionsgemeinschaften einzutreten. „Weil Religionsfreiheit eine Sache der Menschenwürde ist“. „Interreligiöser Dialog und das deutliche Eintreten für Religionsfreiheit als universales und unveräußerliches Recht sind zwei Grundpfeiler für den weltweiten Aufbau des friedlichen Zusammenlebens von Anhängern unterschiedlicher Religionen“, hieß in einer Abschlusserklärung. Die Organisatoren hatten Vertreter aus dem Irak, Israel, Pakistan, Indonesien, Nigeria sowie Experten für China, Nordkorea und den Sudan eingeladen, um Informationen aus erster Hand weiterzugeben.

Mindestens zwei davon waren unmittelbar in ihrem Leben von Fanatismus betroffen, einer der Hauptgefahren für dieses nach Papst Benedikt XVI. grundlegendste aller Freiheitsrechte. Basilios Georges Casmoussa, Kurienerzbischof der syrisch-katholischen Kirche im Patriarchat von Antiochien erlebte die islamistische Bedrohung am eigenen Leib: Am 17. Januar 2005 entführten ihn Bewaffnete vor seiner damaligen Kirche im nordirakischen Mossul für einen Tag und drohten, ihn zu erstechen. „Als sie mir das Messer an den Hals hielten, sagten sie, das geschehe im Namen Gottes“, berichtete er im Gespräch mit dieser Zeitung. Er habe daraufhin im Stillen zu sich selbst gesagt: „Schneid mir den Hals durch, aber doch nicht im Namen Gottes.“ In Anspielung auf die Gewaltakte von Islamisten im September aus Anlass des verunglimpfenden Videos über den islamischen Religionsstifter Mohammed warnte Casmoussa vor „schlechten verbalen Äußerungen“. „Wir müssen dafür den Preis bezahlen“, mahnte er eindringlich.

Ebenso mutig das Zeugnis des pakistanischen Sonderberaters des Premierministers, zuständig für interreligiöse Harmonie, Paul Bhatti. Dessen Bruder, Shahbaz Bhatti, war am 2. März 2011, in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad Opfer eines islamistischen Attentats geworden. Er selbst muss in Islamabad unter Bewachung leben. Bevor er nach Pakistan zurückkehrte, um das Erbe seines Bruders in der pakistanischen Politik fortzuführen, war er niedergelassener Arzt in der Nähe von Venedig. In seiner Heimat engagiert er sich nun in der Partei seines Bruders „Gesamtpakistanische Minderheiten Allianz“. Die Fanatiker in seinem Land kennen Bhatti zufolge als einzigen Wert die gewaltsame Verteidigung des Islam vor seinen angeblichen Feinden, etwa durch Missbrauch des Blasphemiegesetzes oder durch Zwangskonversionen. Die politischen Führer in Pakistan meinten, mit diesen Extremisten Kompromisse eingehen zu müssen, um ihre Sitze zu behalten. Mit der Gemeinschaft Sant’Egidio und dessen Gründer Andrea Riccardi verband sein Bruder und verbindet ihn eine gute Freundschaft.

Riccardi schrieb über das christliche Martyrium im 20. Jahrhundert als Professor für Zeitgeschichte an der Universität Rom III im heiligen Jahr 2000 eine umfassende Bilanz unter dem Titel „Salz der Erde, Licht der Welt“. Riccardi, inzwischen italienischer Minister für Integration, verriet in seinem Referat über seine Recherchen anhand zahlreicher Dokumente von Glaubenszeugen: „Ich stieg hinab in die Katakomben des 20. Jahrhunderts.“ Totalitäre Diktaturen, autoritäre Regime, Ausbeutung und systematische Verbrechen haben oftmals den Widerstand mutiger Christen provoziert, die ihrem Gewissen folgten und für Gerechtigkeit eintraten, bis zum äußersten Opfer. Im Unterschied zu Märtyrer genannten Terroristen, die sich und andere willentlich töteten, könne man über die christlichen Glaubenszeugen sagen. „Sie haben den Tod nicht gesucht.“ Sie seien Wege der Liebe, Ehrlichkeit und Freundschaft gegangen. „Sie hatten Angst wie wir auch.“

Der Römer erinnerte an den evangelischen Pastor Paul Schneider, der in einem Verlies auf dem Gelände des Konzentrationslagers Buchenwald die letzten vierzehn Monate seines Lebens fristete. An diesem dunklen Ort rief er laut in Richtung des Appellplatzes: „Jesus Christus sagt: Ich bin das Licht der Welt.“ Im Martyrium gebe es keinen Unterschied zwischen den Konfessionen. Vielmehr zeige sich eine „Ökumene des Martyriums“. Auf die selbst gestellte Frage, warum überhaupt so viele Christen von den Mächtigen bedrängt werden, sagte Riccardi: „Man möchte das Christentum beseitigen als Quelle der Menschlichkeit und des Glaubens, als Raum der Freiheit und als Widerstand gegen das Böse.“

Der UN-Sonderberichterstatter für Religionsfreiheit, Heiner Bielefeldt, zeigte systematisch auf, wer Religionsfreiheit verletze, warum und wie. Nicht nur Staaten, sondern Teile der Gesellschaft wie Religionsgemeinschaften, Warlords und Terrorgruppen treten Bielefeldt zufolge als Täter auf. Macht- und Kontrollbestrebungen, Korruption, Angst und Hass trieben diese dazu, die Freiheit von Anhängern anderer Religionen oder Konfessionen sowie Religionskritikern zu beschneiden. Die Mittel reichten von Hetze in der Öffentlichkeit und Indoktrination, über bürokratische Schikanen und einschränkende Strafrechtsbestimmungen bis hin zur körperlichen Angriffen und Morden.

Dieses Grundrecht, formuliert im Artikel 18 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, werde nicht nur in der Praxis bedroht. Es werde auch versucht, den Begriff auszuhöhlen. Auf internationaler Ebene, im sogenannten Istanbul-Prozess, werde es durch den Einsatz gegen religiöse Stereotype verteidigt. Dabei würden die Menschen als Träger der Religion in ihrer Würde geschützt.

Das Recht schließe den Aufbau und die Pflege einer Infrastruktur der Religionsgemeinschaften, deren öffentliche Darstellung und die Möglichkeit des Religionsunterrichts mit ein, sowie die Freiheit, seine Religion zu wechseln oder dafür zu werben. In Griechenlands Verfassung etwa sei Mission, mit dem negativ besetzten Wort Proselytismus bezeichnet, verboten. „Es gibt keine natürlichen Opferreligionen oder Täterreligionen“, betonte Bielefeldt. Besorgt zeigte er sich über die Beschneidungsdebatte in Deutschland: „Der ätzende Tonfall in vielen Leserbriefen offenbarte antireligiöse Ressentiments.“

Markus Rode, Leiter des Hilfswerks Open Doors in Deutschland, berichtete über die extremste Form der Einschränkung der Religionsfreiheit. Heimliche Foto- und Videoaufnahmen aus dem Land dieser Erde, das am meisten verschlossen ist, Nordkorea, zeigten: Durch die Verdrehung ihrer Religion droht des Christen die schlimmste Gefahr. Das Land hat eine eigene Zeitrechnung. Wir befinden uns im Jahr 101 nach der Geburt des großen Führers Kim Il-sung. Ein koreanisches Datum steht auch auf einem feuerroten Schild, das an einer Hauswand hängt: Kim Il-sung, der große Führer, hat diese Stelle gesehen, ist des weiteren darauf zu lesen. „Sie entdecken dort erstaunliche Parallelen zum Christentum“, berichtet Rode. Ein Video zeigt schmächtige Kinder, wie sie sich vor der gigantischen Statue des verstorbenen Diktators, der „ewigen Sonne“ verneigen müssen, dem das Staatsdogma „die völlige Erkenntnis der Dinge“ zuschreibt. Sein Sohn Kim Jong-il, der Vater des jetzigen Diktators Kim Jong-un, trat dieses Erbe an. Ein Foto zeigte den Juche-Turm, eine gigantische Fackel, mit der dauerhaft brennenden Flamme der Juche-Philosophie. Das Recht, Nahrung zugeteilt zu bekommen, müssen sich die Menschen in Nordkorea erst verdienen. „Sie können sich so vorstellen, welcher Hass auf Christen da ist“, sagte Rode.

Nichts hilft den Verfolgten und Diskriminierten so sehr, als wenn ihr Schicksal zum Gegenstand der öffentlichen Debatte in den Demokratien wird und letztlich im Interesse der Politik einflussreicher Staaten und ihrer Bündnisse verteidigt wird. Darüber waren sich alle Mitwirkenden einig. Dazu Zeugen aus aller Welt zu eindringlichen Stellungnahmen einzuladen, erklärte der frühere bayerische Staatsminister und jetzige Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung Hans Zehetmair mit einem Zitat des russischen Dichters Maxim Gorki: „Man muss dem Menschen einen Igel unter die Schädeldecke setzen, damit er sich nie beruhige.“

[Erstveröffentlichung: © Die Tagespost, 8. November 2012]

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