„Es ist nie leicht Christ zu sein“

Interview mit dem italienischen Politiker Rocco Buttiglione

ROM, 15. November 2012 (Vaticanista/PUR-Magazin).- Die Causa Rocco Buttiglione bleibt unvergessen: Im August 2004 nominierte Italien seinen damaligen Europaminister als Vizepräsidenten der Europäischen Kommission und Kommissar für Justiz, Freiheit und Sicherheit. Bei einer Anhörung im EU-Parlament gab er auf Nachfrage seine persönliche, katholische Überzeugung über Homosexualität preis und bekannte sich zur besonderen Rolle der Familie in der Gesellschaft, was ihm den falschen Vorwurf der Diskriminierung Homosexueller einbrachte. Unter dem Eindruck der Entrüstung und mangelnder Unterstützung verzichtete er schließlich auf seine Kandidatur.

Rocco Buttiglione verteidigt christliche Prinzipien in der Politik; Foto: Thomas Brandler

Rocco Buttiglione verteidigt christliche Prinzipien in der Politik; Foto: Thomas Brandler

„Ich bin froh, dass ich die Möglichkeit hatte, die Werte, an die ich glaube, zu vertreten und auch, für sie gelitten zu haben“, sagte Buttiglione damals. Seit Mai 2008 ist er einer der Vizepräsidenten der italienischen Abgeordnetenkammer. Im zweiten und dritten Kabinett Silvio Berlusconis war er Europaminister (2001 bis 2005) und Kulturminister (2005 bis 2006). Er ist aktuell zudem Präsident der Partei Unione dei Democratici Cristiani e di Centro (UDC).

Buttiglione erfuhr erstmals als junger Mann über den italienischen Priester Don Francesco Ricci, der Literatur in den Ostblock schmuggelte, von dem damaligen Krakauer Erzbischof Karol Kardinal Wojtyla. Jahrzehnte später schrieb er über dessen Philososphie das Buch „Das Denken des Mannes, der Papst Johannes Paul II. wurde“ (1997), für das er eigens Polnisch lernte. „Man konnte sein Freund sein, lange bevor man ihn gesehen haben. Und wenn man ihm begegnete, und dies nur wenige Sekunden dauerte, so war er doch ganz für einen da“, erinnert er an den Seligen.

Rocco Buttiglione studierte Rechtswissenschaft und habilitierte sich als Professor für politische Philosophie. Auf Deutsch erschien von ihm unter anderem auch 1998 in Heidelberg „Wie erkennt man Naturrecht?“. In einem Interview mit dem katholischen Politiker erfuhr Michaela Koller, welche wichtigen Anregungen ihm der frühere Papst geben konnte für die hohe Kunst einer vom christlichen Menschenbild inspirierten Politik.

Im August 2004 wurden Sie als Vizepräsidenten der Europäischen Kommission und Justizkommissar nominiert und erfuhren schließlich gewaltige Ablehnung – infolge der klaren Positionen, die Sie bei einer Anhörung im Europäischen Parlament bezogen. Wenn dies auch in Deutschland Wellen geschlagen hat, so wurde Ihre politische Arbeit in den großen deutschen Medien seither allenfalls sporadisch weiter verfolgt. Wie erklären Sie sich das?

Buttiglione: Ich selbst hatte gedacht, dass meine politische Karriere nun zu Ende sei, weil ich scheinbar die ganze Welt gegen mich hatte. Was mich aber dann erstaunte, war die große Solidarität, die ich schließlich erlebt habe. Ich muss zunächst an Papst Johannes Paul II. erinnern, der damals sagte: ‚Ich bitte, dass den Katholiken nicht versagt wird, am Aufbau Europas teilzuhaben.‘ So dachten viele, viele Leute in Italien, Spanien, Polen und auch Deutschland. Ich habe eine Kampagne in den Ländern begonnen, um den Leuten die Wahrheit über diesen Fall zu sagen.

Und diese lautete?

Buttiglione: Die Tatsachen wurden damals völlig verfälscht. Es wurden mir Äußerungen in den Mund gelegt, die ich nicht gemacht hatte, während das Wesentliche verborgen wurde. Ich habe gesagt, dass Homosexualität eine objektiv falsche Neigung ist, aber zugleich betont, dass Homosexuelle das Recht auf die Wahrung ihrer menschlichen Würde haben. Die italienische Verfassung und auch das deutsche Grundgesetz schreiben der Familie eine besondere Rolle zu, weil sie wegen der Kindererziehung eine besondere soziale Funktion hat. Darin liegt auch eine Ursache unserer Krise in Europa begründet: Wir haben zu wenig Kinder und eine Krise der Erziehung.

Wie hat sich dann Ihre persönliche Situation gefügt?

Buttiglione: Die Kampagne, von der ich sprach, wirkte schließlich wie ein Vorfeldzug zu Kampagnen der italienischen Kirche zum Thema Bioethik. Wir hatten ein wichtiges Referendum dazu und jeder erwartete, dass wir in der Auseinandersetzung verlieren werden. Aber wir haben gewonnen. Das war eine große Überraschung für alle. Ich habe danach gesagt, dass sich niemand zu sehr seines Glaubens sicher sein muss, aber niemand ist total verloren. Das heißt, dass es zu jedem besonderen Thema möglich ist, den Kampf zu gewinnen oder zu verlieren. Es hängt von Gottes Vorsehung davon ab sowie davon, wie wir unsere Sache vertreten. Meine Wähler haben verstanden, was ich gemacht habe und mich weiter unterstützt und zu ihnen kamen noch viele mehr. Wir arbeiten nun an einer neuen großen Partei der Mitte.

Es ist doch deutlich ein realistischer Optimismus da herauszuhören. Der Philosoph Charles Taylor ist überzeugt, dass in säkularisierten westlichen Gesellschaften bestimmte christliche Werte stärker verwirklicht seien als sie es je in christlich dominierten Gesellschaften vor der Zeit der Aufklärung waren. Was ist Ihre Überzeugung?

Buttiglione: Wer weiß das? Ich glaube auch nicht denjenigen, die sagen, es gab einmal eine christliche Gesellschaft und jetzt ist alles verdorben. Da halte ich es mit (Leopold von) Ranke, der sinngemäß sagte, jede Zeit sei gut und schlecht zugleich. Waren wir viel christlicher, als wir, die Italiener und die Deutschen, marschiert sind, um Völker zu unterdrücken und Millionen Menschen zu töten? Ich werde nicht einfach ’nein‘ sagen, aber ich werde sicher auch nicht ‚ja‘ sagen. Jede Zeit hat ihre Versuchung. In jedem Zeitalter muss man für den Glauben kämpfen. Jedoch sind die Umstände des Kampfes zu jeder Zeit andere. Und die Gebote Gottes, die jeweils verleugnet werden, sind jeweils andere. Es ist nie leicht Christ zu sein. Man kann nie Christ sein, ohne den Kampf gegen die herrschende Umgebung anzunehmen. Es gibt kein Zeitalter, dem die Mühe der Bekehrung erspart bleibt. Einige Seiten sind schlechter geworden, andere besser.

Zu den Aspekten, die besser geworden sind, zählt sicherlich das, was Papst Benedikt XVI. vor einem Jahr im Berliner Reichstag betonte, der Schutz der Schöpfung. Grüne Politiker fühlten sich geschmeichelt, verstanden jedoch nicht, dass dieser für Papst Benedikt nicht vom Schutz des menschlichen Lebens zu trennen ist…

Buttiglione: Ja, es gibt auch eine menschliche Ökologie. Dieser Aspekt der Rede ist nicht von allen genau verstanden und akzeptiert worden. Wir wissen, dass wir auf der biologischen Ebene vieles nicht tun können, weil es sonst unsere Zukunft bedroht. Da ist auch so im Bereich des geistigen Lebens. Da können wir sehen, wie die Ehe entleert und die Familie abgebaut wird. Verschwindet die Familie, dann verschwindet auch die Nation.

Weder Deutschland noch Italien werden aussterben. Es werden nur andere Menschen sein, Migranten und ihre Nachfahren, die diese Länder künftig bevölkern werden…

Buttiglione: Eine Kultur kann aber weiterleben mit Menschen, die nicht die Nachfahren der früheren Generationen sind. Man kann ein Italiener werden und sich die italienische Kultur aneignen. Wenn aber die Italiener auf ihre Kultur verzichten, dann wird dieser Prozess nicht möglich sein. Wenn wir nicht fähig sind, unsere Kinder zu erziehen, können wir auch für die Menschen, die zu uns kommen, nicht zu geistigen Vätern werden. Dann bleibt Italien nur noch als geographischer Ausdruck und die Kultur verschwindet. Ich befürchte, dass dies hier wie auch in Deutschland geschehen wird.

Können Sie sich vorstellen, dass ein muslimischer Zuwanderer irritiert ist, wenn an ihn das Ansinnen herangetragen wird, sich an unsere Werte anzupassen?

Buttiglione: Um diese Menschen anzunehmen, müssen auch wir einige Aspekte unserer Kultur ändern, dabei aber unsere Identität bewahren. Aber wenn ein Zuwanderer mit uns wohnen möchte, darf er nicht feindlich gegenüber unseren Werten gesonnen sein, sondern muss eine positive Haltung gegenüber unserer Identität haben. Er muss wünschen, ein Italiener zu werden. Ein Italiener muslimischen Glaubens? Warum nicht. Er hat zugleich das Recht auf eine eigene Identität. Es ist nicht leicht. Es ist ein kultureller Prozess, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass so viele Menschen beieinander wohnen, ohne auch eine gemeinsame Identität zu haben.

Wie überzeugen Sie denn einen Liberalen etwa davon, dass eine Rückbesinnung auf das christliche Menschenbild letztlich auch Ideal der Freiheit stützt?

Buttiglione: Da gibt es nur einen Weg: Ein persönliches Zeugnis abzulegen. Man kann dem anderen nicht die Wahrheit der eigenen Überzeugung in der politischen Auseinandersetzung nahebringen, indem man sich auf die Autorität der Kirche beruft. Wenn der Glaube aber die Form des Lebens geworden ist, und wenn wir eine menschliche Erfahrung des Glaubens haben, dann haben wir auch das Recht und sogar die Pflicht, diese in die politische Diskussion mit einzubringen. Das ist etwas, das mir einmal Johannes Paul II. gesagt hat: ‚Du zitierst immer den Heiligen Vater und sagt, dass etwas wahr ist, weil der Heilige Vater das gesagt hat. So ist das falsch. Du musst sagen, dass der Heilige Vater das sagt, weil es wahr ist.‘

Können Sie ein Beispiel nennen?

Buttiglione: Ich kann nicht einfach sagen, ich lehne Euthanasie ab, weil die Kirche diese verbietet. Aber kann ich nicht sagen, ich habe einen Menschen in meinen Armen gehabt, der sagte, er wolle sterben, aber eigentlich darum flehte, anders zu leben, so nicht mehr weiterzuleben? Ist es nicht eher so, dass die, die ihn zuerst isoliert haben, ihn sterben lassen wollen? Diese Erfahrung darf ich in die politische Diskussion einbringen.

[Erstveröffentlichung: © PUR-Magazin, November 2012]

 

 

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